Politik im Sport

Gefährliches Spiel

Eine perfekte Bühne für Nationalpathos bietet der Fußball bei Ländervergleichen. Das Feld für Autokraten wie Erdoğan – es ist bestellt.

Türkische Spieler salutieren auf dem Spielfeld

Eklat auf dem Feld: Türkische Spieler salutieren beim ­EM-Spiel gegen Frankreich in Paris Foto: Thibault Camus / AP

Sie haben es wieder getan. Nach dem Ausgleichstreffer von Kaan Ayhan im EM-Qualifikationsspiel der türkischen Nationalmannschaft in Frankreich haben sich die Spieler der Auswahl vor den Fans aus der Türkei postiert und militärisch salutiert. Nur einer hat abgedreht, wollte sich dem Gruß an die Soldaten, die gerade in Nordsyrien einmarschiert sind, nicht anschließen. Kaan Ayan, der Torschütze.

Er war der Hingucker des Abends, nicht nur wegen seines Treffers zum 1:1, der den Franzosen in St. Denis die Stimmung verhagelt hat. Der sportliche Held des Abends hat sich zum Außenseiter gemacht. Er hat sich dem Propagandaspiel verweigert, für das sich die türkische Nationalmannschaft in diesen Zeiten des Kriegs hat einspannen lassen.

Gerne benutzen die Herrschenden die Popularität des Sports für ihre Zwecke. Das ist in Kriegszeiten besonders auffällig, aber auch in friedlichen Kontexten nicht zu übersehen. Gerade Fußballländerspiele werden inszeniert wie nationale Weihefeste. Lange vor dem Anpfiff werden Freiwillige gescoutet, die die Fahnen der am Spiel beteiligten Länder auf das Feld tragen, als wären es Heiligtümer. Auf dem Rasen werden dann Fahnenschwenker postiert, die riesige Stoffbahnen in den Nationalfarben zum Wehen bringen.

Und bevor die deutsche Mannschaft spielt, ruft der Stadionsprecher der versammelten Fußballgemeinde zu: „Wir singen jetzt gemeinsam die deutsche Nationalhymne!“ Ein Länderspiel wird wie ein Hochamt auf die Nation zelebriert. Und während sich in den 1970er Jahren noch niemand darüber beschwert hat, dass praktisch kein Nationalspieler bei der Hymne mitgesungen hat, wird heutzutage genauestens registriert, wer wie die Lippen zum Deutschlandlied bewegt.

Die Fußballmannschaft als Armee-Einheit

Das Feld für Propagandaschlachten ist bereitet. Woran man sich in Friedenszeiten gewöhnt hat, wird in Kriegszeiten zum Problem. Der Appell an den Stolz, mit der ein Spieler das Trikot seiner Nation zu tragen hat, wird besonders laut, wenn das Heer des Heimatlandes echte Schlachten schlägt. Die Fußballmannschaft wird dann zur Armee-Einheit. Bei den großen Fußballverbänden wie der Fifa oder der Uefa weiß man das.

Um zu verhindern, dass Fußballschlachten wie echte Kriege geführt werden, sorgen die Verbände dafür, dass Mannschaften aus Ländern, die gegeneinander Krieg führen, möglichst nicht zusammengelost werden. So kann Russland nicht in eine Gruppe mit der Ukraine gelangen. Russische Spieler sollen möglichst nicht provoziert werden durch den Schriftzug „Ruhm der Ukraine!“ auf den Trikots des Kriegsgegners.

Der militärische Gruß, den die türkischen Spieler schon am Freitag beim Spiele gegen Albanien gezeigt hatten, war denn auch das große Thema dieser Länderspielpause. „Die Fußballer haben dieses Tor mit dem Militärgruß den Soldaten geschenkt, die in der Operation Friedensquelle dienen.“ Mit diesen Worten hat der türkische Fußballverband die Szenen erklärt und via ­Instagram ein Foto in die Welt geschickt, das den gesamten Tross der türkischen Nationalmannschaft mit militärischem Gruß zeigt.

Auch die deutsche Auswahl hat dieser Gruß erreicht. Die Nationalspieler İlkay Gündoğan und Emre Can hatten einen Post von Cenk Tosun, dem Schützen des einzigen Tors im Spiel gegen Albanien, mit einem Herzchen versehen. Der hatte auf Instagram das Foto vom Salutgruß in die Kurve gepostet und daruntergeschrieben: „Für unsere Nation, vor allem für jene, die für unser Land ihr Leben riskieren.“

Die Spieler taten schnell alles, um den Eindruck zu vermeiden, die beiden Spieler würden den Überfall des türkischen Militärs auf die Kurdengebiete im Norden Syrien gutheißen. Die beiden selbst meinten, sie hätten sich einfach gefreut über das Tor von Tosun, mit dem sie einst zusammengespielt hätten. Der DFB versicherte, die Spieler seien gegen Gewalt und Krieg, und postete ein Foto, das den gesamten Tross des DFB bildet, wobei Manuel Neuer, der Kapitän des Teams, den einen Arm um Gündoğan, den anderen um Can geschlungen hat. Sie sollen Teil der Mannschaft bleiben. Als bekennende Anhänger des Feldzugs gegen die Kurden hätten sie das vielleicht nicht bleiben können, und so tat man alles, um die längst wieder zurückgenommenen Herzchen zu entpolitisieren.

Propagandaschlachten auf dem Spielfeld

Dass man seinen Job verlieren kann, wenn man sich hinter Erdoğans Krieg stellt, hat Cenk Şahin erfahren. Der Zweitligist FC St. Pauli hat den Stürmer freigestellt, nachdem dieser einen kriegsverherrlichenden Post geteilt hatte. „Ohne jegliche Diskussion und ohne jeglichen Zweifel lehnen wir kriegerische Handlungen ab. Diese und deren Solidarisierung widersprechen grundsätzlich den Werten des Vereins“, teilte der Klub über seine Homepage mit. Auch beim italienischen Erstligisten AS Rom wird über den Salut der türkischen Spieler diskutiert.

Cengiz Ünder hat ihn nicht nur im Trikot der Nationalmannschaft gezeigt, sondern sich auch mit der flachen Hand an der Stirn im Dress des AS Rom fotografieren lassen. Über eine Bestrafung des Spielers wurde schon diskutiert, weil Rom aber im November in der Europa League bei İstanbul Başakşehir spielt, hat man wohl davon abgesehen, um die Kriegsstimmung nicht weiter anzuheizen. Başakşehir ist der Klub, dem Präsident Erdoğan besonders treu verbunden ist. In Zeiten des Krieges werden Propagandaschlachten ebenso auf dem Spielfeld ausgetragen.

Doch auch wenn es nicht gegen ein Feindesland geht, wird fleißig salutiert. Immer wieder grüßen Fußballer nach militärischer Sitte, wenn sie meinen, ihrer Heimat damit einen besonderen Dienst erweisen zu können. Bei der Fußball-WM 2018 in Russland war es Artjom Dsjuba, der Stürmer der russischen Nationalmannschaft, der sich nach seinem Treffer im Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien an der Auslinie aufgebaut hat, um zu salutieren. Eine Hand legte er an die Stirn, die andere auf den Kopf. Er mache das, meinte er, weil es im russische Militär nicht erlaubt sei, ohne Mütze auf dem Kopf zu salutieren. Es war sein Beitrag zum Kampfeinsatz für ein besseres Image Russlands in der Welt.

Auch der französische Weltmeister Antoine Griezman hat bei der WM 2018 zum militärischen Gruß gegriffen. Als ihm der französische Staatspräsident nach dem Gewinn der Titels gratuliert hat, salutierte der Angreifer. Schlimm wollte das keiner finden. Im Fall von Mario Mandžukić, dem ehemaligen Stürmer des FC Bayern München, war das ganz anders. Der Kroate baute sich nach einem Tor ebenso wie sein Teamkamerad, der aus dem Kosovo stammende Schweizer Xherdan Shaqiri, vor der Bayernkurve auf, salutierte mit der Hand an der Stirn und streckte dann den Arm zur Seite.

Tags zuvor waren die kroatischen Bürgerkriegsgeneräle Ante Gotovina und Mladen Markač vom UN-Kriegsverbrechertribunal überraschend von der Anklage schwerster Verbrechen freigesprochen worden. Das Salutieren war unmissverständlich als Gruß an die Generäle zu verstehen. Mandžukić wurde vom DFB abgemahnt und in seiner Heimat gefeiert. Auch Konflikte, die nicht mehr mit Waffengewalt ausgetragen werden, werden auf das Fußballfeld transportiert.

Strafe für den Militärgruß?

Bestraft wurde der Schweizer Auswahlspieler Shaqiri dann in einem späteren Fall. Er hatte nach einem Tor gegen Serbien zusammen mit seinem ebenfalls aus dem Kosovo stammenden Kollegen Granit Xhaka mit dem Händen einen kosovarischen Doppeladler gebildet. Eine vierstellige Geldsumme mussten die beiden zahlen, weil die Uefa-Regularien politische Äußerungen auf dem Fußballplatz unter Strafe stellen.

Ob der Militärgruß der Türken eine solche darstellt und ob der türkische Verband deshalb bestraft wird, könnte schon am Donnerstag entschieden werden. Da kommt die zuständige Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer der Uefa zu ihrem turnusmäßigen Treffen zusammen. Kaan Ayhan, der Grußverweigerer vom Montag, ist dann wieder zurück bei Fortuna Düsseldorf und darf sich des Lobs seines Klubs sicher sein.

Am Freitag noch hatte er sich am Salutjubel beteiligt – ebenso wie sein Düsseldorfer Teamkamerad Kenan Karaman, der sich dem Salutieren am Montag ebenfalls verweigert haben soll. Fortuna-Manager Lutz Pfannenstiel hat schon mit beiden gesprochen. Er meinte: „Wir sind davon überzeugt, dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben.“

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben