Podcast über Clubsterben: Was war da los, Mensch Meier?
Ein Doku-Podcast erzählt das Schicksal dreier Berliner Clubs. Die Frage nach der Zukunft alternativer Räume wird in eine True-Crime-Story verpackt.
E s ist der Silvestertag des Jahres 2023. Du betreibst einen Club mit einer Gruppe Freund:innen. Ihr habt das Gebäude vor zehn Jahren zusammen entdeckt, alles gemeinsam aufgebaut, umgebaut und hochgezogen. Neben einer Menge Geld auch Zeit und Nerven investiert. Jetzt wollt ihr aufhören. Bevor ihr geht, dürft ihr noch eine letzte Silvesterparty veranstalten. Ihr rechnet mit über zweitausend Besucher:innen, die gleich bei euch aufschlagen. Dann der Anruf eures Vermieters: „Wir müssen jetzt die Schlüsselübergabe machen.“ Dass es hier noch eine letzte Veranstaltung geben solle, war nicht abgemacht. Ihr müsst sofort raus. Und was jetzt?
Vor dieser Situation stand das Mensch Meier, ein linksalternativer Techno-Club, der Ende 2023 geschlossen wurde, tatsächlich. Der vierteilige Doku-Podcast „Selling Techno – Warum Orte gehen, an denen du feierst“ vom Podcastkollektiv Audiokombinat erzählt das Phänomen Clubsterben am Beispiel dreier Berliner Clubs, die es heute nicht mehr gibt.
Drei Clubs, die verschwinden
Das Mensch Meier, die Anomalie und die Kirche von Unten teilten sich bis vor wenigen Jahren ein Gelände an der Storkower Straße, gleich am S-Bahn-Ring. Hinter dem Mensch Meier steckt ein linkes Kollektiv, das Ende der 2000er illegale Raves an wechselnden Orten veranstaltete. „Die Räuber“ haben sie sich genannt. „Wir hatten kein DJ-Set-up, wir hatten nur einen schlechten DJ-Mixer und zwei MP3-Player“, erzählt Robin, der damals Teil des Kernteams war. „Und Alle Farben hat gespielt!“ Auf Nachfrage der Podcaster:innen kann sich der Star-DJ heute leider nicht mehr so genau an den Auftritt erinnern, eine gute Story ist das trotzdem.
Begleitet von Techno-Beats schmücken die Hosts ihre Erzählung lebhaft aus, bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen. Durch Anekdoten und Interviews mit Betroffenen, aber auch durch eigene Erfahrungen. Oft wirkt der Podcast wie ein Gespräch unter Freunden. Sie holen aus, haken nach und ergründen, was damals passiert ist.
Der Podcast transportiert Hörer:innen ins Berlin der frühen 2010er Jahre. Den Hosts gelingt es, ein Freiheitsgefühl zu vermitteln, eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer gerne feiern ging, schöpfte aus der Vielfalt und Fülle einer üppigen Clublandschaft. Aspirierende Gründer:innen schafften es, trotz hoher Kosten ihre Pläne zu verwirklichen. Das wirkt utopisch im Vergleich zu heute: Laut Clubkommission überlegt rund die Hälfte der Berliner Clubs, dichtzumachen.
Kein leichtes Ende
Die Räuber investieren über 200.000 Euro in ihren zukünftigen Club. Jahrelang bauen sie ihre Kollektivstrukturen auf, berichten von täglichen Plena, gemeinsamen Mittagessen und unvergesslichen Partys. Dann kommt die Coronapandemie. Sie ziehen durch, aber sie sind müde. Sie kämpfen mit der immer größer werdenden finanziellen Belastung und wollen den Club abgeben. Einen Nachfolger, der den Club in ihrem Sinne weiterführen soll, finden sie.
Doch der Vermieter des Geländes entscheidet sich trotz mündlicher Zusage dagegen und gibt die Räume den Betreibern der benachbarten Anomalie. Ein Club, der deutlich kommerzieller ausgelegt ist – und später selbst pleitegeht. Mit den neuen Mietern verhandelt das Kollektiv einen Abschlag von 200.000 Euro in Raten, von dem Geld sehen sie später nicht mehr viel.
Deutlich zeigen sich die Schwierigkeiten, mit denen alternative Spaces in einer zunehmend auf Profitmaximierung ausgelegten Stadt zu kämpfen haben. Zwischen Immobilienmarkt und Kommerz bleibt am Ende ein Haufen Schulden.
Am 26. März erscheint die vierte und letzte Episode von „Selling Techno – Warum Orte gehen, an denen du feierst“.
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