Philosoph über Schlachtung von Tieren: „Ungehorsam wäre eine Option“

Die Ausbeutung in der Fleisch­industrie betrifft Tiere und Menschen. Warum auch Tiere Rechte haben sollten, erläutert Philosoph Bernd Ladwig.

Auge und Ohr eines Schweines

Haben Schweine eine Sicht auf die Welt? Sind sie Subjekt und empfinden Schaden? Foto: Christoph Goedan/laif

taz: Herr Ladwig, der aktuelle Tönnies-Skandal hat die problematischen Bedingungen der Schlachtarbeiter verdeutlicht. Inwiefern hängt deren Situationen mit jener der Tiere zusammen?

Bernd Ladwig: Es gibt einen ganz bestimmten Punkt, an dem sich Menschen- und Tierrechtsverletzungen überschneiden und sogar gegenseitig verstärken. Die Ausbeutung der Arbeiter führt dazu, dass zum Leid durch die Schlachtung noch zusätzliche Qualen hinzukommen. So wissen wir heute, dass mit der zunehmenden Akkordarbeit auch die Anzahl der Fehlbetäubungen zunimmt.

Nun haben wir ja nicht zuletzt im Grundgesetz verbriefte Tierschutzgesetze. Warum konnten diese in der industriellen Landwirtschaft bisher nicht richtig greifen?

Weil alles auf den Rahmen ankommt, in den man diese an sich wohlklingende Bestimmung „Staatsziel Tierschutz“ einbettet. Derzeit sind viele Tiere nur dazu da, um als Ressourcen für unsere Zwecke zu dienen. Tierschutz wird daher in unserem System so verstanden, dass die Nutzung der Tiere nur reguliert werden müsse und es eines „vernünftigen Grundes“ bedürfe, sie in ihren Grundbedürfnissen einzuschränken. Wenn man hingegen den Schluss zöge, dass Tiere Wesen eigenen Rechts sind, die um ihrer selbst willen auf der Welt sind, hätte man einen ganz anderen Rahmen. Dann könnte man auch über Grundrechte für Tiere als empfindende Lebewesen nachdenken.

Bereits in vergangenen Jahrhunderten hatten sich viele Philosophen immer wieder die Frage gestellt, ob man das Tier in seiner Stellung nicht aufwerten müsste. Die meisten, darunter auch René Descartes, der animale Wesen mit Maschinen gleichsetzte, kamen jedoch zum Schluss, dass Tieren nicht dieselben Privilegien wie Vertretern der menschlichen Spezies zugestanden werden sollten. Warum sollten wir sie dann heute anders in den Blick nehmen?

Die Gründe, die etwa klassische Philosophen anführten, Tieren ein Bewusstsein abzusprechen, waren nie zutreffend. Einige Philosophen, unter anderem Michel de Montaigne, haben das im Gegensatz zu Descartes auch so gesehen. Und auch Kant wurde wegen seiner tier­ethischen Position zum Beispiel von Schopenhauer sehr kritisiert. Kant hat nicht bestritten, dass Tiere ein mentales Leben haben, aber er hat ihnen eine Würde abgesprochen, da ihnen die Einsicht in das moralische Gesetz fehlen würde. Das war für ihn das entscheidende Kriterium, sie nicht wie Menschen zu behandeln. Ich denke hingegen, dass das Kriterium der moralischen Einbeziehung von Tieren bereits im menschlichen Fall selbst angelegt ist. Wir alle leiden, wenn wir rücksichtslos behandelt werden. Darin sind uns viele Tiere sehr ähnlich. Da man, moralisch gesehen, gleiche Fälle gleich behandeln sollte, wäre es willkürlich, wenn wir Tiere weiterhin allein wegen ihrer Artangehörigkeit geringer beachten würden.

Der Philosoph ist Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Jüngst ist von ihm bei Suhrkamp das Buch „Politische Philosophie der Tierrechte“ erschienen.

Können Sie das konkretisieren? Welche Eigenschaften verbinden uns denn mit Tieren?

Mit vielen Tieren eint uns, dass sie eine eigene Perspektive auf die Welt haben und dass sie subjektiv Schaden empfinden können. Dies muss nicht auf alle Tierarten gleichermaßen zutreffen. Sehr einfache Tiere mögen genauso wenig wie Pflanzen oder Pilze über eine spezifische Perspektive auf die Welt verfügen. Aber sobald ein Tier dieses Charakteristikum auszeichnet, müssen wir es moralisch berücksichtigen.

Kann dafür auch die Nähe oder die Distanz, die wir zu manchen Tieren haben, relevant sein?

Durchaus. Das Verhältnis, in dem wir etwa zu sogenannten Haus- oder Nutztieren stehen, kann Auswirkungen darauf haben, was wir ihnen schulden. Aus einer Beziehung entstünden dann besondere Pflichten, wie wir sie zum Beispiel bei Eltern gegenüber ihrem Kind kennen. Doch der Anspruch auf moralische Beachtung selbst besteht unabhängig von der Art der Beziehung.

Mit Ihrem just erschienenen Grundlagenwerk „Politische Philosophie der Tierrechte“ favorisieren Sie sehr klar den Ansatz der Tierrechte. Warum, glauben Sie, ist er vielversprechender als die Ethik des eher traditionellen Tierschutzes oder der Utilitarismus?

Ich würde das gern an einem Gegensatz verdeutlichen: Aus utilitaristischer Sicht bedeutet Moral, ganze Weltzustände und nicht Individuen in den Mittelpunkt zu rücken. Rechte hingegen bieten jedem Einzelnen Schutz. Sie markieren eine Grenze gegenüber dem Handeln anderer und zugleich gegenüber der Verwirklichung des Gemeinwohls. Das scheint schon unter Menschen unverzichtbar. Denn Grundrechte jedes einzelnen Menschen gelten auch dort, wo mitunter ein kollektiver Nutzen für etwas anderes spricht. Es ist mir sehr wichtig, dass auch Tiere als Subjekte einen solchen Schutz genießen sollten.

Das bedeutet eine Ausweitung des Gleichheitsgrundsatzes auf die Tiere. Würde das nicht dazu führen, dass wir, wie der Tierrechtler Tom Regan es einmal sagte, alle Käfige öffnen müssten?

Mein Ideal ist nicht, dass wir alle Tiere befreien müssen. Das hieße, dass wir gar nicht mehr mit ihnen in einer institutionalisierten Ordnung zusammenleben oder -arbeiten könnten. Ich stelle mir vor, dass man mit bestimmten Tieren eine gerechte Form der Kooperation finden könnte. Das bezieht sich auf jene, die durch ihre Domestikation – ich nenne zum Beispiel Hunde – schon auf ein Zusammenleben mit Menschen eingestellt sind. Außerdem müsste man als eine Minimalbedingung die Klausel des vernünftigen Grundes im Tierschutzrecht moralisch engführen. Ein bloßes Geschmacks­erlebnis kann kein hinreichender Grund für die Tötung eines Tieres sein. Dieser könnte allenfalls noch vorliegen, wenn es zum Beispiel um die menschliche Gesundheit ginge.

Bernd Ladwig: „Politische Philosophie der Tierrechte“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 411 Seiten, 22 Euro

Sie sprechen die Institutionalisierung an. Was verstehen Sie konkret darunter?

Man könnte sich bei Eingriffen in Tierrechte so etwas wie eine Sperrminorität im Parlament vorstellen. Oder man könnte sich analog zu Gleichstellungsbeauftragten Repräsentanten vorstellen, die auf allen Ebenen das Wohl der Tiere im Blick hätten. Etwas provokant gesagt, würde es dann analog zum Gender-auch ein Spezies-Mainstreaming geben.

Nun sind wir von dieser Vision im Zeitalter der Agrarindustrie weit entfernt. Was wäre aktuell nötig, um mehr Aufmerksamkeit für die unzureichende Situation der Tiere zu schaffen?

Ich denke, der zivile Ungehorsam wäre eine Option. Er ist dazu imstande, einen breiteren Bewusstseinswandel in der Bevölkerung anzustoßen. Damit meine ich eine kulturelle Revolution in unserer Einstellung zu Tieren. Ich kann mir neben herkömmlichen Mitteln zur Interessenbekundung wie Wahlen auch Tierbefreiungsaktionen vorstellen, und zwar solche, in denen man Tiere vor evidenten Rechtsverletzungen bewahrt. Allerdings muss man hier aufpassen, dass man durch solche Aktionen nicht das große Ziel der Bewegung vereitelt. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Tierrechtler Fanatiker ­wären.

Der Vorteil von zivilem Ungehorsam ist, dass er die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung herausfordert. Zudem könnte man in exemplarischen Fällen auf juristischem Weg für die Rechte von Tieren streiten. Man würde somit versuchen, die Kategorie einer tierlichen Person in das positive, also das geschriebene Recht einzubeziehen. Das wird mitunter immer wieder mit Blick auf Primaten, neuerdings auch mit Blick auf Schweine versucht.

Wie optimistisch sind Sie eigentlich, was Tierrechte angesichts einer weltweit steigenden Nachfrage an tierischen Produkten anbetrifft?

Ich bin verhalten optimistisch. Global gesehen erleben wir allerdings ein Anwachsen der Mittelschicht, was mit einem erhöhten Konsum an Fleisch einhergeht. Wahrscheinlich wird auch im Fall der Tiere, wie schon in früheren Befreiungsbewegungen, ein Zusammenlaufen von moralischem und technischem Fortschritt die besten Aussichten bieten. Wenn man konkret immer mehr Tierversuche durch Biochips und Fleisch vom ganzen Tier durch In-vitro-Fleisch wird ersetzen können, dann wird das am Ende vielleicht mehr bewirken als moralische Einsichten allein. Diese sind aber dennoch wichtig, um solche Fortschritte überhaupt anzustoßen.

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