Petition für Golfplatz-Öffnungen: Ist ein Hektar pro Person zu wenig?

In Nordrhein-Westfalen sind Golfanlagen pandemiebedingt geschlossen. Ein Platzbetreiber-Paar hat Unterschriften gesammelt, damit sich das ändert.

Ein Golfspieler hockt auf einem Golfplatz, im Hintergrund ein Weg

Wer golft, hat Platz Foto: Gregory Bull / ap

Müsste man sich eine Sportart ausdenken, die unter Coronabedingungen gut funktioniert, würde man wohl auf ungefähr Folgendes kommen: Sie sollte draußen stattfinden, natürlich, wegen der Aerosole. Man sollte sie zu zweit oder sogar allein betreiben können. Direkter Körperkontakt wäre nicht vorgesehen, und damit ihnen wirklich keiner zu nahe kommt, müssten die Sportler mit einer 1,80 Meter langen Metallstange herumfuchteln. Überhaupt sollte jeder viel Platz haben – ein Hektar pro Person wäre gut – und die Sportanlange nach dem Einbahnstraßenprinzip gestaltet sein, das gerade überall praktiziert wird.

Hat man all das bedacht, wird man sehen, dass es so eine Sportart schon gibt. Sie nennt sich Golf. Und tatsächlich darf aktuell in Deutschland gegolft werden – allerdings nicht überall. In Nordrhein-Westfalen, Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen sind die Plätze zu.

Ute und Franz Ludwig Schulze Kersting wollen das nicht akzeptieren. Das Ehepaar betreibt einen Golfplatz in Werne an der Lippe. Noch im Dezember starteten sie die Petition „Golf während Corona in NRW in 2er Flights erlauben“, das Wort „Flight“ bezeichnet, wie viele Spieler gemeinsam auf eine Runde gehen. In der Golfszene verbreitete sich die Sache schnell: Innerhalb von vier Wochen unterzeichneten knapp 14.500 Menschen die Petition, Ende Januar wurde sie beim nordrhein-westfälischen Landtag eingereicht.

„Selbst beim Spazierengehen und Joggen ist das Infektionsrisiko größer. Unsere Stadtwälder sind voll“, unterstreicht Ute Schulze Kersting ihr Anliegen. „Da macht es doch keinen Sinn, dass unsere Golfer da auch noch rumlaufen. Wir haben 55 Hektar.“ Viele würden deswegen in benachbarte Bundesländer ausweichen. Längst gibt es einen Golftourismus nach Hessen und Niedersachsen, sinnvoll für die Pandemieeindämmung sei das nicht.

Golf als Gesundheitsfaktor

Denn ja, es wird auch im Winter gespielt. „Die Golfer gehen bei Wind und Wetter raus, die sind das ja gewöhnt“, sagt Schulze Kersting. Wenn es schneit, dann spielen sie mit bunten Bällen, nur bei Frost bleibe der Platz zu, um den sensiblen Rasen zu schonen. „Manche golfen drei-, viermal die Woche. Die bewegen sich, die sind an der frischen Luft, die konzentrieren sich auf die Schläge und Bewegungen und können dabei abschalten. Das brauchen sie für ihre Gesundheit.“

Während des „Lockdown light“ war Golfen in Nordrhein-Westfalen noch möglich. Doch seit dem 16. Dezember gilt, dass der Amateursportbetrieb auf öffentlichen und privaten Anlagen unzulässig ist. Ein Golfplatz wird da wie ein Fitnessstudio behandelt. „Doch solche Anlagen sind ja kein eingezäuntes Gelände. Da sind auch öffentliche Wege dabei“, sagt Ute Schulze Kersting. Und Spazierengehen sei auf dem Golfplatz in Werne auch weiterhin gestattet, das hat sie sich vom Ordnungsamt bestätigen lassen. Nur eben ohne Golfschläger.

Wirklich nachzuvollziehen seien die Regeln nicht, findet Schulze Kersting und erzählt, dass einige der Golfplatz-Mitglieder auch im Modellfliegerverein seien, bei dem das Flugfeld ebenfalls dicht ist. „Im ersten Lockdown haben die bei uns ihre Flugzeuge fliegen lassen und auf dem Flugplatz ein paar Bälle geschlagen.“ Da war das noch erlaubt.

Das Dilemma mit den Öffnungen

Wieso muss etwas zubleiben, dass so gut wie kein Infektionsrisiko bietet? An der Golffrage zeigt sich exemplarisch, wie schwer es für Politik ist, Öffnungen und Schließungen zu handhaben. Da werden grobe Linien gezogen und Kategorien geschaffen, wie „Individualsport“ oder „private Sportanlagen“. Man definiert vielleicht noch Ausnahmen und Ausnahmen von Ausnahmen, doch egal, wie man es macht – am Ende kommt immer die Frage „Warum dürfen wir X nicht, wenn andere Y dürfen?“, weil die Abstufungen von riskant zu unbedenklich einfach nicht trennscharf sind.

160 ausgeloste Bür­ge­r:in­nen diskutieren miteinander, welche außenpolitische Rolle Deutschland einnehmen soll. Ob das die Demokratie stärkt, lesen Sie in der taz am wochenende vom 20./21. Februar. Außerdem: Ein Waffenhandelsring soll eine AfD-Organisation mit Geld unterstützt haben. Und: Was Einfamilienhäuser und Currywürste gemeinsam haben. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Wenn Golf geht, was ist mit den Outdoor-Tennisplätzen? Oder Fußball zu viert? Und wie kontrolliert man das? Dass zusätzlich alles von 16 Bundesländern unterschiedlich gehandhabt wird, steigert diese gefühlte Ungerechtigkeit noch weiter. Doch wie man es dreht und wendet, es will einem wirklich schwer in den Kopf, warum Golfen zu zweit nicht möglich sein soll. Selbst RKI-Präsident Lothar Wieler habe im Februar in einem Berliner Golfplatz eine Startzeit gebucht, schreibt der Tagesspiegel.

Die Schulze Kerstings haben Hoffnung, dass ihre Petition etwas bewegt. Ihre finanzielle Existenz ist aktuell immerhin nicht gefährdet, und genug zu tun hat das Ehepaar auf der Golfanlage auch ohne Besucher: „Das Gras wächst ja weiter. Das muss jeden Tag gemäht, bewässert und gepflegt werden.“

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