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Mit Zuversicht ins neue JahrWas machen wir aus unserer Mehrheit?

2026 stehen politische Weichenstellungen in einigen Bundesländern an. Keine Panik! Es gibt eine Mehrheit für ein liberaldemokratisches Deutschland.

Wir brauchen mehr Zuversicht und sollten ohne Panik aufs neue Jahr schauen. Denn Mehrheit in Deutschland tickt liberaldemokratisch Foto: Andreas Arnold/dpa

W as war gut am Jahr 2025? Auf diese Frage kriege ich gern die spontane Antwort: nichts. Oder etwas Privates. Kind hat Abi geschafft oder so. Das entspricht der Kultur, wenn man fragt, wie es geht, und die Leute seufzen: „Persönlich geht es mir ja gut. Aber …“

Nun will ich das ganze Leid und die Probleme weltweit nicht ignorieren. Und dennoch plädiere ich dafür, zumindest als okay lebender Bundesdeutscher (und wir sind ja nun sehr viele) nicht so zu tun, als sei 2026 Matthäi am Letzten, alles breche zusammen, die AfD stehe kurz vor der Machtübernahme in Berlin und dann liefe es wie 1933. Quatsch.

Wie die Wahl in Sachsen-Anhalt im Herbst ausgeht, weiß man nicht, vermutlich nicht gut, aber dieses Bundesland hat 2 Millionen Einwohner, Thüringen dito, Mecklenburg-Vorpommern 1,6 Millionen. Im Westen leben dagegen knapp 70 Millionen, und die AfD steht hier nach meinem Kenntnisstand nirgends unmittelbar davor, auch nur in die Nähe einer Regierung zu kommen.

Ich will das nicht bagatellisieren, wir Liberaldemokraten haben viele Fehler gemacht, Klimapolitik, Wirtschaftstransformation, sozialpolitische Strukturreformen verschleppt, keine Politik und keine Sprache gegen die AfD gefunden und stattdessen die rechtspopulistische Strategie durch sinnlose Empörungen über jedes Hitlergruß-Stöckchen befeuert. Und ja, an manchen Orten sind die Kipppunkte derzeit überschritten, aber wir leben in der Gegenwart und haben die Chance, alles dafür zu tun, dass es eben nicht böse kommt, statt Energie mit hilfloser Anti-Faschismus-Rhetorik zu verschwenden.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Ich plädiere dafür – und folge hier dem taz FUTURZWEI-Herausgeber Harald Welzer – die Sache anders zu denken und anzugehen. Es gibt eine große und absolute Mehrheit für ein liberaldemokratisches Deutschland. Das ist nicht mehr alternativlos, wie wir uns das nach 1990 so schön dachten. Aber genau deshalb muss man und muss sich diese Mehrheit jetzt sichtbar machen.

Unsereins ist in einer Kultur groß geworden, für die „Gegenöffentlichkeit“ eine notwendige Minderheitenposition gegen den sogenannten Mainstream war (alle scheiße, inklusive Mutti). Nun braucht es eine neue Gegenöffentlichkeit und das bedeutet, die okaye Mehrheit sichtbar zu machen gegen den Eindruck, in diesem Land werde nur noch gestritten, gespalten, gehasst. Das nämlich ist die rechtspopulistische Strategie: Angst, Lähmung, Fatalismus in der Mehrheitsgesellschaft auszulösen und sie durch Spaltung zum Verschwinden zu bringen.

Der Rechtspopulismus tut so, als gebe es eine völkische Mehrheit, die von einer kleinen Elite unterdrückt wird. Der Linkspopulismus tut so, als gebe es eine moralische Majorität gegen die „Reichen“ im Namen der alleinerziehenden Supermarktverkäuferin, die selbst aber gar keine Linke ist und sie auch nicht wählt. Was es wirklich gibt, ist eine heterogene Mehrheitsgesellschaft, die sich positiv als solche verstehen muss, statt sich polarisieren und atomisieren zu lassen.

Es braucht eine neue Gegenöffentlichkeit

Wir ordentlichen Leute sind in der völlig indiskutablen Situation, dass wir von zwei Seiten beschimpft und verteufelt werden. Rechtspopulistische Helfer nennen uns „Shitbürger“, Linkspopulisten nennen uns „Arschlochgesellschaft“. Das halte ich für einen unangemessenen und sachlich falschen Vorwurf gegenüber Leuten, die im Großen und Ganzen im Rahmen ihrer menschlichen Möglichkeiten okay sind.

Die Antwort ist aber nicht, zurückzupöbeln, sondern solchen Leuten nicht eine Pöbelhoheit zu überlassen. Wir sind das Volk, kann ich da nur sagen. Wir sind die real existierende liberaldemokratische Mehrheit, die Minderheiten respektiert und schützt und dafür sorgen muss, dass es in diesem Land 2026 gut oder zumindest ordentlich miteinander weitergeht. Wird höchste Zeit, dass wir uns das klar machen.

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Peter Unfried
Chefreporter der taz
Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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1 Kommentar

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  • Ach was! Loriot

    “Die Antwort ist aber nicht, zurückzupöbeln, sondern solchen Leuten nicht eine Pöbelhoheit zu überlassen. Wir sind das Volk, kann ich da nur sagen.“

    Ok Ok - dann hörnmer - etwas abgehangen - teils meinen Weggefährten prä Autor;)) - bei einer entsprechenden Demo in Marburg/Lahn mit ca 14-Tausend Teilnehmern doch mal zu!

    youtu.be/OCKhsp2X35I