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Personennahverkehr in BerlinEr kann der Himmel und die Hölle sein

Der Berliner ÖPNV ist Fluch und Segen. Es gibt schon Grund, ihn zu lieben. Aber er sollte die Gelassenheit der Kund*in­nen nicht überstrapazieren.

Richtung Himmel oder Hölle? Hauptsache, der Bus fährt Foto: Jörg Carstensen/picture alliance/dpa

I ch bin Fußgängerin – natürlich habe ich ein Abo für den ÖPNV! Wie schön ist es, ganz ohne eigenen Rad- oder Autofahrstress am Wochenende die Stadt Berlin und ihr Umland zu erkunden, indem man einfach einen Bus bis zur Endhaltestelle oder eine S-Bahn nimmt, die bis nach Brandenburg fährt, und dann den bisher weißen Fleck auf der individuellen Landkarte entspannt zu Fuß erkundet. (Vorher aber immer schön gucken, wann der Bus oder die S-Bahn wieder zurückfährt! Könnte ja stimmen, die Angabe …) Man darf dabei stets auf Überraschungen gespannt sein – wenn mir persönlich auch noch nie jemand begegnet ist, der in der U-Bahn Zwiebeln schneidet, wie das in einem alten Video der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zu sehen ist, die gern mit dem Slogan „Weil wir dich lieben“ für sich werben.

Man muss eigentlich sogar stets auf Überraschungen gefasst sein: Der Berliner ÖPNV ist Fluch und Segen, ist Hölle und Himmel, ist stets Grund zum Klagen und häufig Retter in der Not. Seine Bus­fah­re­r:in­nen sind Hel­d:in­nen der Gelassenheit; ich frage mich oft, was die BVG ihnen dafür in den Kaffee tut – das will ich auch! (Reizen darf man sie aber dennoch nicht zu sehr – dann können sie explodieren wie wahre Ge­wit­ter­göt­t:in­nen und alle Fahrgäste in Salzsäulen verwandeln.)

Die BVG ist witzig, und das ebenso divers wie ihre Fahrgäste: vom klassischen Berliner Humor (Ich zum Busfahrer, vor meiner Abo-Zeit: „Kann ich bei Ihnen auch ein Tagesticket kaufen?“ Der Busfahrer: „Wennse jenuch Jeld ham, könnse ooch den janzen Bus koofen!“) bis zur zielgruppengerechten Ansprache auf Instagram und Youtube.

Und sie ist kreativ bei der Lösung von Stau- und Überfüllungsproblemen: analog etwa als Erfinderin der legendären Busraupe, wenn erst kein Bus kommt und dann plötzlich gleich drei auf einmal; digital durch listiges Zeitmanagement. Denn BVG-Minuten dauern auf den Anzeigetafeln einfach immer so lange, wie der Bus oder die Bahn eben braucht: ein Trick, dem ich neulich erstmals begegnete und dessen Gelingen auf der ebenfalls legendären Freundlichkeit vieler Ber­li­ner:in­nen fußt.

Die Sperrung einer Hauptstraße führte zu heftiger Verspätung der dortigen Buslinie. Die BVG-Tafel an der Haltestelle zeigte an: Der nächste Bus kommt in 9 Minuten, danach drei weitere im Minutenabstand. Das führte dazu, dass viele nicht in den überfüllten Bus stiegen, der nach 9 Minuten kam, sondern jenen den Vortritt ließen, die schon länger dort standen. Sobald der Bus jedoch abfuhr, sprang auch die Digitalanzeige um und verkündete nun wieder: nächster Bus in 14 Minuten, dann drei weitere im Minutenabstand. Liebe BVGler:innen: Ja, wir lieben euch ja auch, aber bitte überstrapaziert unsere Gelassenheit nicht!

Der BVG-Insta-Account forderte mich kürzlich auf, an einer Umfrage teilzunehmen, es ging dabei um die Sauberkeit meiner U-Bahn-Linie, der – ja, genau – legendären U8. Ob mir aufgefallen sei, wie viel besser dort seit einiger Zeit für Sicherheit und Sauberkeit gesorgt werde, wurde ich gefragt. (War es nicht, aber ich bin ehrlich: Jetzt, wo ich es weiß, sehe ich es plötzlich auch.) Und dann noch: Was mir das denn wert wäre, wenn das immer so sein würde – wie viel ich dafür mehr bezahlen würde?

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Da bin ich dann doch ein bisschen sauer geworden. Leute! Wo führt uns das denn hin?! Werden Eltern demnächst gefragt, was sie dafür zahlen würden, wenn ihre Kinder nicht nur in die Schule gehen dürfen, sondern ihnen dort auch etwas beigebracht wird? Haha, das gibt’s schon und heißt Privatschule, sagt eine Freundin. O weh!

Dann heißt das im Mobilitäts­bereich ja wohl Auto. Oder vielleicht bald: „BVG-Premium-Abo mit Zugang zum gewischten und bewachten Wartebereich – weil wir manche von euch mehr lieben.“

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Kolumnistin taz.stadtland
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8 Kommentare

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  • Ich pendle seit sechs Jahren zwischen Berlin und Potsdam und kann sagen: Für Menschen, die nicht nur zum Spaß mit der Bahn fahren, sondern zwecks Broterwerb auf einen termingerechten Transport angewiesen sind, ist der Service schlicht unbrauchbar. Ohne Gleitzeitregelung wäre ich vermutlich bereits nach wenigen Monaten entlassen worden oder würde zur Sicherheit immer eine Stunde zu früh erscheinen müssen.

  • Naja in Köpenick fallen derzeit einige Straßenbahnen durch Baustellen aus und die Ersatzbusse..., nunja, es ist eher eine Lotterie ob einer kommt oder nicht.

    Und das kann halt kein Zustand sein. Wenn 2-3 Busse hintereinander ausfallen, dann ist das nicht mehr nur ärgerlich, sondern eher eine Frechheit.

    Die BVG (und die S Bahn mit ihren Problemen) sorgen sehr aktiv dafür, dass in Berlin die Verkehrswende gehörig gegen die Wand gefahren wird.



    Da fährt man dann im Zweifel halt doch lieber Auto.

  • Der Text ist natürlich recht witzig geschrieben.



    Im richtigen Leben ist die Pünktlichkeit von Bussen und Bahnen dann eher eine ernste Angelegenheit. Bei der BVG habe ich es mir (analog zur DB) inzwischen zur Gewohnheit gemacht, zu Terminen nicht mehr die zeitlich passende Bahn, sondern mind. eine, eher zwei davor zu nehmen. Man weiß nie...



    Leider wird der Text, dieser Kommentar (oder hundert weitere) oder irgend etwas auf dieser Welt die BVG in Zukunft auch nur um einen Deut zuverlässiger machen.

    • @Vigoleis:

      Richtig übel ist es, wenn man zum Flughafen will. Da der FEX nur alle 30 Minuten fährt, verlässt man das Haus besser mindestens 4 Stunden vor Abflug.

      Im Zug gibt es dann natürlich keine vernünftige Gepäckablage - denn wer reist schon mit Koffer zu oder vom Flughafen?

  • Ich habe als Einwohner einer Stadt mit Namen Krefeld (NRW) neulich 10 Tage in Berlin verbracht ... ausgestattet mit dem Deutschland-Ticket und habe die im Text beschriebenen Möglichkeiten lieben gelernt.



    Eine Woche lang habe ich in einem Hotel zwischen Köpenick und Friedrichshagen direkt an der Müggelspree verbracht ... Google Maps schreckte mich vor Urlaubsantritt mit der Info, von der nächtsgelegenen ÖPNV-Haltestelle noch sieben Minuten zu Fuß gehen zu müssen. Vor Ort stellte ich fest: Straßenbahnhaltestelle direkt vor dem Hotel, von dort aus alle 15 Minuten Verbindung zur S-Bahnstation, die mich alle 10 Minuten weitertransportierte. Und das sind ja Wartezeiten, die im Innenstadtbereich noch weit unterboten werden. Kurz: 10 Tage kostenfrei durch Berlin, ohne sich um Staus o.Ä. Gedanken machen zu müssen. Und Verspätungen habe ich persönlich auch nicht erlebt.

  • "Das führte dazu, dass viele nicht in den überfüllten Bus stiegen, der nach 9 Minuten kam, sondern jenen den Vortritt ließen, die schon länger dort standen."

    Interessant. Bei der S-Bahn ist es IMMER so:

    Kommt nach 15 Minute die erste Bahn, quetscht sich fast die gesamte wartende Menge in diese, auch, wenn laut Anzeigetafel die nächste Bahn eine Minute später kommt. Ungefähr 0,5 Prozent der Menschen bleiben stehen, schauen zu, wie die nun völlig überfüllte Bahn losfährt, und setzen sich eine Minute später in die zweite, nahezu leere, Bahn.

    Berliner IQ-Test.

    • @Suryo:

      Das ist keine Dummheit sondern Risikomanagement: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Die meisten Menschen mit Terminen wollen ihr spärliches Glück nicht überstrapazieren.

      • @wintermute:

        Man nehme es mir nicht übel, aber die meisten Leute, die am späten Nachmittag die Ringbahn nutzen, sehen nicht so aus, als ob sie dringend ins nächste Businessmeeting müssten.