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Parlamentswahlen in DänemarkKein Sieg zum Feiern

Kommentar von

Barbara Oertel

In Kopenhagen stehen nach den vorgezogenen Parlamentswahlen schwierige Koalitionsverhandlungen an. Das bisherige Bündnis hat keine Mehrheit mehr.

Für Mette Frederiksen, die dänische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der Sozialdemokraten, lief die Wahl nicht erwartungsgemäß Foto: Sergei Grits/AP/dpa

W er in Zeiten wie diesen für die Sozialdemokratische Partei antritt, ist wahrlich nicht zu beneiden. Das muss auch Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen zur Kenntnis nehmen. Zwar landete ihre Partei bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am Dienstag mit dem schlechtesten Ergebnis seit 1903 auf dem ersten Platz. Doch für eine Mehrheit des „roten Blocks“ reicht es genauso wenig, wie für das blaue Lager der bürgerlich-konservativen Parteien.

Viele Dä­n*in­nen bescheinigen der „røden Mette“ durchaus, sich den Annexionsfantasien von US-Präsident Donald Trump erfolgreich widersetzt zu haben. Dennoch ist es Frederiksen offensichtlich nicht gelungen, den sogenannten Grönland-Effekt für sich zu nutzen und in Wäh­le­r*in­nen­stim­men umzumünzen. Stattdessen waren für die Dä­n*in­nen eher innenpolitische Fragen, wie Bildung, Soziales, sauberes Trinkwasser, Tierschutz sowie der ökologische Fußabdruck der Landwirtschaft von Belang.

Auch Frederiksens knallharter Kurs in der Migrationspolitik, den sie weiter verschärfen will, zahlte sich nicht wie erhofft aus. Dass dieses Thema in Dänemark längst im politischen Mainstream angekommen, keineswegs aber abgeräumt ist, zeigt das Ergebnis der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei. Mit 9,1 Prozent konnte sie ihren Stimmenanteil fast vervierfachen.

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In der Rolle des „Königsmachers“ findet sich der frühere Regierungschef Lars Løkke Rasmussen von der Partei Moderaterne wieder, der sich in der politischen Mitte verortet. Das war auch nach den Wahlen 2022 der Fall, die Rasmussen, letztendlich den Posten des Außenministers einbrachten. Er wird seine Position zu nutzen wissen, so viel steht fest.

Kopenhagen stehen jetzt langwierige Koalitionsverhandlungen bevor. Auch die Gespräche mit den linken Parteien dürften für Frederiksen nicht einfach werden. Immerhin bekommt sie es mit der sozialistischen Volkspartei zu tun – zweitstärkste Kraft im neuen Parlament. Ob am Ende dabei für Dänemark mehr rote und grüne Politik herauskommt, wird sich zeigen.

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Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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1 Kommentar

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  • Wenigstens die TAZ zeichnet ein realistisches Bild des Ergebnisses der dänischen Parlamentswahl. Es war eben nicht ein Sieg für Mette Frederiksen, wie es die meisten deutschen Medien herbeifabulieren, sondern ein historischer Absturz der dänischen Sozialdemokraten. Das erinnert an Schröders Wagnis einer vorgezogenen Wahl in 2025. Sozialabbau gehört nun mal nicht zum Markenkern sozialdemokratischer Politik.