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Palästinensische LiteraturWenn die Sprache versagt

Das langjährige Programm „Goethe-Institut im Exil“ wurde kurzfristig eingestellt. Eine gecancelte Lesung in Berlin fand deshalb an anderem Ort statt.

Auf einmal Underground-Poesie: Maha El-Hissy, Alaa al-Qaisi, Ahmed Saleh, Asmaa Azaizeh und die Musikerin Cham Saloum (v. l. n. r.) Foto: Daniel Bax
Daniel Bax

Aus Berlin

Daniel Bax

Der Autorin und Übersetzerin Alaa al-Qaisi stockt die Stimme, als sie an die palästinensische Fotojournalistin Fatima Hassouna aus Gaza erinnert. „Sie lebte noch, als ich ihren Text übersetzte“, sagt sie und schluchzt. Hassouna stand im Zentrum des mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilms „Put Your Soul on Your Hand and Walk“, der im Mai 2025 beim Filmfestival in Cannes seine Premiere feierte. Kurz nachdem sie erfuhr, dass der Film dort gezeigt werden würde, fiel die Fotografin einem israelischen Luftangriff zum Opfer; mit ihr starben sechs ihrer Angehörigen. Was von ihr bleibt, sind ihre Bilder und ihre Texte.

„Wir haben viele Menschen verloren, die das kulturelle Gedächtnis ausgemacht haben“, ergänzt Ahmed Saleh, ein Dichter und Schriftsteller aus Gaza, der in Brüssel politisches Asyl beantragt hat. „Ich habe mein Gedächtnis verloren.“ Denn Israel habe im aktuellen Krieg die Archive und Universitäten im Gazastreifen bombardiert und zerstört. Der 28-Jährige gehört zu einer Generation, die seit 2008 fünf Kriege erlebt hat, „erstickende Belagerungen“ und den „andauernden Genozid“. Sein Neffe sei im Zelt geboren worden, wie seine Großmutter. „Er weiß nicht, was ein Heim ist, was ein Fernseher ist, was ein Haus mit Mauern.“

Am Mittwochabend sollte die Lesung im Kulturzentrum Acud in der Veteranenstraße in Mitte stattfunden. Dort fanden in den vergangenen Jahren schon „Goethe-Institut im Exil“-Festivals mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Ukraine, Belarus, Afghanistan und Iran statt. Doch keine 48 Stunden vorher wurde die Veranstaltung kurzfristig abgesagt.

Und nicht nur das: Der Vorstand des Goethe-Instituts habe die Entscheidung getroffen, das gesamte „Goethe-Institut im Exil“-Programm „mit sofortiger Wirkung“ einzustellen, erklärte dessen Pressestelle am Mittwoch. Die „akute Belastungssituation“ und „eine enge finanzielle Ausstattung“ ließen eine Fortführung des Formats „unter den gegebenen Bedingungen“ nicht zu, so die Begründung.

Abruptes Aus ohne rechte Begründung

Das Programm sollte ohnehin in ein paar Monaten enden, aber bis dahin waren noch rund 20 Veranstaltungen geplant. Ob und wie das plötzliche Aus mit der geplanten Lesung zusammenhängt, dazu äußerte sich das Goethe-Institut nicht. Aber dass eine langjährige Veranstaltungsreihe quasi über Nacht eingestellt wird ist sehr ungewöhnlich und erweckt den Eindruck, hier habe jemand eine Notbremse gezogen.

Der Kurator und seine Freunde verlegten die Lesung deshalb kurzfristig in eine Kulturetage in Schöneberg, in der sich am Abend über hundert Menschen drängen. Darunter sind auch die ehemalige Leiterin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, und Bernd Scherer, ehemals Intendant am Haus der Kulturen der Welt.

„Wir sind Autoren, wir sind Poeten, wir sind Künstler“, sagt der Schriftsteller Abdallah Alqalaq eingangs auf Englisch. Er hatte die Lesung kuratiert. Aber jeder Text sei nun mal politisch – insbesondere vor dem Hintergrund von Völkermord und Unterdrückung. Der im Flüchtlingslager Yarmouk bei Damaskus geborene Autor, dessen Gedichtband „Übergangsritus“ 2024 im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist, hatte das Programm für die Lesung seit Dezember 2025 zusammengestellt, dann zog das Goethe-Institut ihm den Stecker.

Weil die Förderung zurückgezogen wurde, könne man keinen Übersetzer bezahlen, entschuldigt sich die Literaturwissenschaftlerin Maha El-Hissy, die den Abend moderiert. Das palästinensische Leid existiere seit Jahrzehnten. Doch Texte darüber würden in Deutschland als beunruhigend empfunden. Geschichte sei aber nun mal beunruhigend.

„Wir sind alle Kinder der Nakba“, sagt die Dichterin Asmaa Azaizeh und schlägt damit eine Brücke zu ihren beiden Kollegen aus Gaza. Die 41-jährige stammt aus Haifa, also aus Israel. Die Atmosphäre von Zensur und Selbstzensur seien ihr vertraut. Bis 1967 hätte die palästinensische Minderheit, die in Israel verblieb, unter Militärzensur gelebt. Theater wurden geschlossen, Künstler ins Gefängnis geworfen. Die Eltern hätten die Kinder gelehrt, zu schweigen, und in den Schulen habe man nichts über die eigene Geschichte gelernt, dafür viel über Auschwitz und über den Kalten Krieg. Dass es in Haifa vor der Nakba über 30 arabische Verlage und über 50 Wochenzeitungen gegeben habe, das habe sie erst später gelernt. Die Erinnerung an das städtische Palästina sei verdrängt worden.

Die Sprache ist funktional geworden

Die Ereignisse in Gaza habe sie, wie die meisten, auf dem Smartphone verfolgt. Sie suche noch eine Sprache, um das zu verarbeiten. „Ich möchte die Katastrophe nicht in Wörter packen“, sagt sie und liest ein Gedicht, das sie im Flugzeug auf dem Weg von Frankfurt nach Tel Aviv für ihren Sohn geschrieben hat und das von ihren Gefühlen handelt und um die Zeichentrickfigur Peppa Pig kreist. „Mir ist nichts geblieben. Mir wurde alles gestohlen, auch mein Recht, ein normales Leben zu haben.“

Die Sprache sei funktional geworden, sagt Alaa al-Qaisi mit Blick auf die Menschen in Gaza. „Hast du Wasser? Hast du Gas?“, solche Fragen würden sich die Menschen im Gazastreifen stellen. Für Poesie sei kein Platz. Wenn sie dort anrufe, könne sie nicht einfach jemanden zum Geburtstag gratulieren. Die Kinder dort sprächen von Panzern und Kampfjets, nicht über Glück oder Freude. Die schmächtige Autorin und Übersetzerin, die ein Kopftuch trägt, wird bald nach Dublin gehen.

Es falle ihr schwer, zu sagen, dass es das Programm „Goethe-Institut im Exil“ nicht mehr gibt, sagt Maha El-Hissy. Aber das Programm sei nun Geschichte.

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