Opposition in Afghanistan: Nadelstiche gegen Taliban

In Afghanistan gibt es Widerstand, aber er bleibt zersplittert und schwach. Das liegt an Kriegserschöpfung und der Korruption der Vorgängerregierung.

Ein Talibankämpfer vor Hilfsgütern

Ein afghanischer Taliban-Kämpfer bewacht Hilfsgüter für die Opfer des Erdbebens Foto: Ebrahim Noroozi/ap

Afghanistans Taliban sehen sich gleich an mehreren Fronten mit bewaffnetem Widerstand konfrontiert. Dahinter stehen vor allem Fraktionen, die bis zu ihrem Machtverlust im vorigen August als Verbündete des Westens ­gegen die Taliban kämpften. Auch wenn die Unzufriedenheit mit der Unterdrückungspolitik der neuen Machthaber weit verbreitet ist, bleibt eine breitere Mobilisierung bisher aus. Viele Menschen in Afghanistan sehen die Anführer der Taliban-Gegner als stellvertretend für die systemische Korruption der Vorgängerregierung und verbinden sie mit Kriegsverbrechen.

Die Taliban-kritische Internet­zeitung Hascht-e Sobh fragte, wie man sicher sein könne, dass diese „gescheiterten Politiker ihr Verhalten der Vergangenheit ablegen könnten“. Vor allem aber herrscht weitverbreitete Kriegsmüdigkeit, sodass sich viele mit der Taliban-Herrschaft arrangieren.

Gefahr von diesen Gruppen geht für die Taliban vor allem deshalb aus, weil sie sich auf ethnische Gruppen stützen, die Nord- und Zentral-Afghanistan bewohnen. Das ist etwa die Hälfte der fast 40 Millionen starken Bevölkerung. Viele afghanische Hasara, Usbeken, Tadschiken und Turkmenen interpretieren die Taliban-Unterdrückung als Politik gegen ihre jeweilige ethnische Gruppe. Sollten sich solche Revolten ausbreiten, könnten sie die Herrschaft der Taliban in halb Afghanistan zumindest destabilisieren.

Ethnische Meuterei

Zuletzt gab es sogar eine ethnische Meuterei in den eigenen Reihen. Angeführt wurde sie von Maulawi Mehdi Mudschahed, dem einzigen Hasara, der jemals eine höhere formale Position bei den Taliban innehatte. Nach ihrer Machtübernahme hatten sie Mehdi zum Geheimdienstchef in der Hasara-Provinz Bamian ernannt, setzten ihn im März aber wieder ab. Daraufhin zog er sich mit 150 Bewaffneten in seinen Heimat­distrikt Balchab in der Provinz Sarepul zurück und vertrieb den dortigen Taliban-Gouverneur. Seine Meuterei finanzierte er durch die Besteuerung von Kohletransporten aus den örtlichen Gruben.

Als Emissäre scheiterten, Mehdi per Verhandlung wieder auf Linie zu bringen, griffen die Taliban Ende voriger Woche schließlich an. Nach viertägigen Kämpfen, bei denen sie 850 Kämpfer und Hubschrauber einsetzten, nahmen sie am Sonnabend Mehdis Hauptquartier in Terchodsch, dem Distriktzentrum von Balchab, wieder ein. Seine Gefolgsleute zogen sich in die umliegenden Berge zurück. Laut afghanischen Oppositionsmedien exekutierten die Taliban danach unbeteiligte Zivilisten sowie gefangene Mehdi-Kämpfer. Mehrere hundert Hasaras sollen aus Angst vor weiteren Racheakten aus dem Ort geflohen sein.

Ein Dutzend oppositionelle Gruppen

Selbst wenn Mehdi sich in den Bergen halten kann, dürfte ein Zusammengehen mit anderen Aufstandsgruppen schwierig sein. Sie misstrauen ihm wegen seines zeitweiligen Bundes mit den Taliban. Seit vorigem August haben sich etwa ein Dutzend solcher Gruppen gebildet, die behaupten, bewaffnet gegen­ die Taliban vorzugehen. Am bekanntesten ist die Na­tionale Widerstandsfront (NWF). Sie ist vor allem im Pandschirtal aktiv, einer alten Hochburg des Kampfes schon gegen die sowjetische Besatzung (1979–89) und gegen das erste Taliban-Regime (1996–2001). Fast täglich meldet ihr sehr aktiver Medienflügel Angriffe auf die Taliban. Am 17. Juni schossen sie einen Hubschrauber der Taliban ab und nahmen dessen Besatzung gefangen.

Anführer der Front ist der 32-jährige Ahmad Massud, Sohn des bekanntesten antisowjetischen Mudschaheddin-Kommandanten Ahmad Schah Massud, den 2001 Al-Qaida-Agenten ermordeten. Massud junior wurde auch von westlichen Unterstützern als langfristige Führungsfigur im Kampf gegen die Taliban aufgebaut. Unter anderem studierte er an der britischen Militärakademie von Sandhurst. Aber auch er war nicht in der Lage, im September 2021 die Taliban an der Eroberung von Pandschir zu hindern, das als letzte der 34 Provinzen des Landes an sie fiel.

Klandestine Unterstützung

Massud behauptet, über 4.000 Kämpfer zu verfügen, darunter lokale Milizen und ins Pandschir geflohene Spezialkräfte der alten, US-gestützten Regierungsarmee. International ist er gut vernetzt, etwa mit einem offiziellen Verbindungsbüro in Washington. An Mitteln für Lobbyarbeit fehlt es offenbar nicht. Im Mai erklärte Präsident Trumps ehemaliger Sicherheitsberater, der Rechtsaußen John Bolton, Massuds Front verfüge über „starke Unterstützung“ im US-Kongress. In den USA gibt es eine Tradition der klandestinen Unterstützung von Aufstandsbewegungen, ohne dass die Regierung offiziell beteiligt ist.

Aber selbst viele ehemalige Kampfgefährten seines Vaters erkennen aus eigenen Ambitionen Ahmad Massuds Führungsrolle nicht an. Dazu gehört der frühere Geheimdienstchef und Vizepräsident Amrullah Saleh, der sich unmittelbar nach der Flucht von Präsident Aschraf Ghani zum amtierenden Staatsoberhaupt erklärte.

Nur kleine Scharmützel

Ein von mehreren Ex-Warlords im Mai bei einem Treffen in Ankara gegründeter Rat zur Nationalen Rettung schließt weder Massud noch Saleh ein. Einige der selbsterklärten Widerstandsgruppen dürften außerdem lediglich im Internet existieren. Mehr als zu kleineren Scharmützeln und Anschlägen auf Taliban-Patrouillen war auch die NWF bisher nicht in der Lage. Sie kontrolliert kein Territorium und hat keinen Zugang zu Rückzugsgebieten in Nachbarländern. Die Regierungen der USA und Großbritanniens erklärten bereits, dass sie keine Versuche unterstützten, das Taliban-Regime auf militärischem Wege zu stürzen.

Revolten wie der Mehdis entgegenzuwirken ist offenbar auch Ziel einer großen Versammlung in Kabul, für die die Taliban landesweit Islamgelehrte und Stammesführer einberufen haben. Sie soll am Mittwoch beginnen. Afghanische Beobachter vermuten, dass die Taliban nun offiziell ihr Emirat ausrufen und mit Hilfe der Geistlichen islamisch legitimieren wollen. Damit könnten sie jeglichen Widerstand als „antiislamisch“ denunzieren und bekämpfen.

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