„Only Margo“ auf Apple TV: Dann eben digitale Sexarbeit
Margot wird schwanger und gerät so in Geldnot. Also zieht sie sich online aus. Die Serie inszeniert zwar nicht sozialkritisch, besticht aber anders.
Margo hat Geldprobleme. So nüchtern lautet der Originaltitel der Serie, die bei uns „Only Margo“ heißt. Gerecht werden der Serie beide Versionen nicht. Denn einerseits geht es hier thematisch doch um mehr als bloß einen finanziellen Engpass und andererseits doch nicht so reißerisch zu, wie die Anspielung auf den für nicht jugendfreie Inhalte bekannten Onlinedienst OnlyFans vermuten lässt.
Wohlstand ist Margo (Elle Fanning) – aufgewachsen als Tochter einer alleinerziehenden Hooters-Kellnerin im wenig glamourösen Teil von Orange County – seit jeher fremd. Das Creative-Writing-Studium am örtlichen College finanziert sie sich mit Arbeit in einer Pizzeria, von Eliteunis wagte sie nie zu träumen – trotz eines beträchtlichen schriftstellerischen Talents, das ihr verheirateter Professor ihr attestiert, mit dem sich Margo prompt auf eine Affäre einlässt. Als sie dann ungeplant schwanger wird und sich entscheidet, das Kind zu behalten, werden die ganz normalen Geldsorgen allerdings spürbar größer.
Der Alltag mit Baby ist beglückend und anstrengend gleichermaßen, aber vor allem teuer: Kinderwagen kosten fast so viel wie ein Gebrauchtwagen, der Erzeuger distanziert sich, der Nebenjob ist ohne feste Kinderbetreuung nicht zu halten, und die halbe WG zieht angesichts des kleinen Schreihalses bald aus. Margos Mutter Shyanne (Michelle Pfeiffer), inzwischen Verkäuferin im Einkaufszentrum und auf eine Ehe mit Pastor Kenny (Greg Kinnear) hoffend, ist aus verschiedensten Gründen nicht die enthusiastischste Hilfe. Doch dann steht irgendwann ihr bis dato weitestgehend abwesender Vater (Nick Offerman) vor der Tür, frisch aus dem Entzug kommender Ex-Wrestler, der sowohl ein Zimmer als auch eine Beschäftigung gut gebrauchen kann. Und mithilfe ihrer Freundin Susie (Thadea Graham) kommt Margo schließlich darauf, dass sich mit einem OnlyFans-Account auch als übermüdete Mutter ohne verlässliche Arbeitszeiten Geld verdienen lassen könnte.
Wer das Schaffen von Serienurgestein David E. Kelley kennt, der hier einen Roman von Rufi Thorpe adaptiert, wer vertraut ist mit seinen Werken von „Ally McBeal“ bis „Big Little Lies“, ahnt: In „Only Margo“ geht es kaum um das Ausleuchten echter sozialer Nöte und Existenzängste. Wirklich etwas zu sagen über gesellschaftliche Herkunft oder die strukturelle Benachteiligung der Arbeiterklasse hat sie Serie letztlich nicht.
Auch im Umgang mit dem Thema Sexarbeit ist sie ein wenig halbherzig. Zwar geben sich die acht Folgen für eine US-Mainstreamproduktion in Wort und Bild vergleichsweise offenherzig und verwahren sich nicht zuletzt die Figuren immer wieder gegen jede Herabwürdigung. Letztlich wird dann aber doch der Fokus eher auf die skurrilen Seiten von Margos Tätigkeit gelegt als auf Sex.
„Only Margo“, AppleTV+
Womit die Serie dennoch besticht, ist ihre enorme Menschlichkeit. „Only Margo“ setzt, auch mittels exzellenter Schauspielleistungen, auf die Komplexität und Glaubwürdigkeit der Figuren, dank derer sowohl der Humor als auch die dramatischeren Momente der Geschichte überzeugen.
Wie diese unperfekte, schräge und mit den Umständen ringende Patchworkfamilie sich zusammenrauft und das Leben meistert, geht ehrlich zu Herzen – und steht in angenehmem Widerspruch nicht nur zu glatt polierten Insta-Narrativen, sondern auch zum stressigen Zynismus, der in anderen Serien über den Alltag junger Menschen aktuell oft vorherrscht.
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