Olympia-Diva Jutta Leerdam: Absolute Aufmerksamkeit und Kontrolle
Die niederländische Eisschnellläuferin Jutta Leerdam ist bei Social Media sehr erfolgreich. Und weiß sich bei den Winterspielen am besten zu inszenieren.
Olympia ist ein Fest der Inszenierung. Besondere Würdigungen erfahren Sportlerinnen und Sportler, die sich in den Dienst dieser Spiele stellen und selbst im größten Erfolgsfall Demut zeigen. Der Schweizer Skirennfahrer Franjo von Allmen ist so ein Musterexemplar. Drei Goldmedaillen in einer Woche, der Mann dieser Spiele ist eine Ausnahmeerscheinung und doch so bodenständig, heißt es. Wer sich aber selbst zu inszenieren weiß, wie die niederländische Eisschnellläuferin Jutta Leerdam, vermag mit weniger Gold das Publikum noch mehr zu faszinieren.
Die Bilder ihrer Tränen, die Sekunden nach dem Sieg über 1.000-Meter das Make-up verlaufen ließen, haben sich schon tief in das olympische Gedächtnis eingraviert. Eindrücklicher als dieser besonders kraftvolle Laufstil, der ihr zum großen Triumph verhalf. Wenige Minuten später trat ein Deal in Kraft. Es wurde im Netz mit ihr für einen wasserfesten Eyeliner mit dem Slogan „Auch resistent gegen Freudentränen“ geworben.
Es ist wirklich atemberaubend, was Leerdam alles auf einmal vermag: Im entscheidenden Moment dem Druck standzuhalten, den olympischen Rekord unterbieten zu müssen, um Gold zu gewinnen. Und in Perfektion danach das schon ausgehandelte Drehbuch abspulen. Leerdam hat genaue Bilder im Kopf davon, wie und wo sie für ihre sechs Millionen Follower auf Instagram, der größten Gefolgschaft aller Wintersportlerinnen, gesehen werden möchte.
In privatesten Augenblicken, gern mit viel Haut, im Privatjet mit edlen Speisen auf dem Tisch im Anflug auf Mailand und natürlich in den Momenten ihrer größten sportlichen Erfolge. Leerdam setzt klare Prioritäten. Nach einem Teamwechsel erklärte sie einmal: „Ich habe hier die Freiheit, mich weiterzuentwickeln als Marke, als Person und als Eisschnellläuferin.“
Einsatz der eigenen Social-Media-Macht
Markenschädigende Berichterstattung minimiert sie, indem sie zum Ärger vor allem der niederländischen Journalisten mit Medienvertretern möglichst wenig spricht. Das Ziel ist, dank der eigenen Social-Media-Macht die Deutungshoheit über das eigene Außenbild zu gewinnen. Jutta Leerdam gehört eindeutig zur Avantgarde einer neuen Spezies im Sport.
Im Kampf um Unabhängigkeit ist ihr Verlobter, der Influencer und Boxer Jake Paul, äußerst hilfreich. Denn ihre Reichweite wächst mit seinen fast 29 Millionen Instagram-Followern beträchtlich. Polarisierung durch Lifestyle und Glamour gehört zu ihrem gemeinsamen Geschäftsmodell.
Der US-Amerikaner und bekennende Trump-Anhänger Paul bespielt zudem noch die politische Klaviatur, unterscheidet zwischen falschen und richtigen Amerikanern. Bei den Winterspielen in Mailand riet er seinem Landsmann und Ski-Freestyler Hunter Hess nach dessen Trump-Kritik doch woanders hinzuziehen, wenn er dieses Land nicht repräsentieren wolle. Die Aufmerksamkeit, die Paul dafür erhält, zahlt auch auf das Konto von Jutta Leerdam ein. Zu stören scheint sie das nicht.
In ihrer Kindheit hat Leerdam viele Jahre Hockey gespielt. Auf die Frage, warum sie eigentlich ihre Sportart wechselte, sagte sie einst: „Der individuelle Aspekt sprach mich an. Da gibt es keine Lügen. Du hast selbst die komplette Kontrolle über dein Endresultat.“
Am Sonntag tritt sie in der Arena von Mailand über die 500 Meter an. Und sie wird beides gewiss in vollen Zügen genießen: Die absolute Aufmerksamkeit und Kontrolle. Sie ist das Gesicht der Selbstinszenierung bei den Olympischen Winterspielen.
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