Öffnung der Schulen in Hamburg: Gefährlicher Mief

An Hamburgs Schulen gilt nun doch eine Maskenpflicht außerhalb der Klassenzimmer. Das kommt Kritikern entgegen – aber nur ein bisschen.

Kinder mit Rantzen gehen Treppe hoch

Alle auf zum Unterricht: Ab Donnerstag sind auf dem Weg ins Klassenzimmer Masken zu tragen Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | An Hamburgs Schulen soll es nun doch eine Maskenpflicht geben. Das kündigte Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Montag Morgen an. Die Pflicht gelte auf dem Schulgelände bis zum Sitzplatz. Das habe er in Rücksprache mit Verbänden entschieden. Im Unterricht selber seien Masken nicht sinnvoll, so der Senator im Interview auf dem Sender NDR 90,3. Auch Grundschulkinder sind von der Pflicht ausgenommen.

In den Tagen zuvor hatte die von Rabe angekündigte Form der Öffnung der Schulen auch Kritik hervor gerufen. Die Hamburger Elternkammer befürchtete, dass die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Eindämmung der Coronapandemie „nicht ausreichend berücksichtigt werden“. Dazu gehörten Abstandhalten und eben auch Maske tragen. Eine Elterngruppe fordert gar geteilte Klassen und Unterricht in Kleingruppen – wie es das RKI im Mai empfohlen hatte.

Doch genau diesen Weg geht Hamburg nicht und verständigte sich über die Kultusministerkonferenz mit den anderen Ländern auf das Kohortenprinzip. Das heißt: Kinder verschiedener Klassen oder Jahrgänge bleiben als Einheit unter sich und sollen sich nicht mischen, in der Klasse selber fällt dafür die 1,5-Meter-Abstandsregel weg. So können dort wieder bis zu 27 Kinder in einem Klassenraum lernen, immer zwei an einem Tisch. Der Vorteil: Es gibt wieder den ganzen Stundenplan als Präsenzunterricht. Rabe argumentiert sozialpolitisch, eine Verlängerung des Fernunterrichts würde die „Spaltung im Bildungssystem“ verstärken.

Doch zeitgleich mit Rabes Ankündigung trat am Dienstag in Berlin RKI-Leiter Lothar Wieler vor die Presse und warnte eindringlich, dass wir uns weltweit mitten in der Pandemie mit steigenden Infektionszahlen befänden. Er forderte dazu auf, Abstandsregel und Maskenpflicht einzuhalten.

Ines Moegling, Mutter

„Warum können wir nicht mit geteilten Klassen und halbem Stundenplan beginnen?“

„Ich kann nicht verstehen, wieso da der Hamburger Schulsenator bekannt gibt, dass im Klassenraum auf beides verzichtet werden soll“, kritisierte Heike Habbe, Vater zweier Schulkinder. Er frage sich, ob der Schulsenator die Corona-Ausbrüche an Schulen in anderen Ländern wie Israel und Australien nicht kenne, und auch neuere Studien, die belegten, dass auch Kinder und Jugendliche einander und Erwachsene anstecken können.

Habbe hatte seine Bedenken vergangene Woche in einem breit gestreuten Leserbrief formuliert und Mitstreiter gefunden, die einen Offenen Brief an den Senator planten. Die Eltern wenden sich gegen eine Schulöffnung nach dem Motto „Augen zu und durch“, denn das Kohortenprinzip sei zur Vorsorge ungeeignet. „Warum können wir nicht mit geteilten Klassen und halbem Stundenplan beginnen?“, fragt Mutter Ines Moegling.

Ganz soweit geht die Elternkammer nicht. Die Eltern hielten kein Homeschooling mehr durch, hört man aus dem Vorstand. Doch auch sie fordert eine „flexible Stundentafel“ und spricht dazu noch ein praktisches Problem an: den sprichwörtlichen „Schulmief“. Regelmäßiges Lüften sei „schwierig bis unmöglich“, weil sich in vielen Klassen die Fenster nicht öffnen ließen oder es sich nur „um kleine Luftschlitze handelt“.

Das Virus verbreitet sich durch Aerosole, doch so sei der zu Ansteckungsminderung nötige Luftaustausch erschwert. Die Schulbehörde Hamburg müsse unverzüglich für eine ausreichende Durchlüftung in allen Räumen sorgen. „Lüftung ist ein Knackpunkt. Das Problem muss man schnell mit Handwerkern an allen 403 Schulen lösen“, sagt die Mutter Nadja Frenz. Die Zeit werde knapp.

Die Schulbehörde erklärt, sie habe ein Konzept vorgelegt, um den Präsenzunterricht sicher zu gestalten, dazu gehöre das regelmäßige und richtige Lüften. Aus Sicherheitsgründen geschlossene Fenster müssten dafür von Lehrern geöffnet werden. Könne aus baulichen Gegebenheiten nicht ausreichend gelüftet werden, „müssen im Einzelfall individuelle Lösungen gefunden werden“, sagt Sprecher Peter Albrecht.

Behörde: Misch-Modell nicht realistisch

Sollte das Infektionsgeschehen zunehmen, seien selbstverständlich Alternativkonzepte vorbereitet. Ein dauerhaftes Misch-Modell aus Präsenz- und Fernunterricht mit halben Lerngruppen stelle die „Eltern vor massive Betreuungsprobleme“ und sei pädagogisch weniger sinnvoll. Zudem wären dafür mehr Lehrkräfte nötig.

Deutliche Kritik gab es eben beim Punkt Masken. Neben der Hamburger CDU-Schulpolitikerin Birgit Stöver hatte auch die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Wochenende gefordert, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes zur Pflicht zu machen. Und im Nachbarland Schleswig-Holstein möchte Bildungsministerin Karin Prien (CDU) die Masken in den ersten 14 Tagen nach Ferienende nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch im Unterricht sehen. Allerdings ist die Rede von einer „dringenden Empfehlung“, und nicht von einer Pflicht. Auch gilt diese nicht für die Klassen eins bis sechs.

Senator Rabe spricht für Hamburg nun von einer „Maskenpflicht“, die allerdings nicht im Unterricht gelten soll, „weil man im Unterricht natürlich miteinander reden muss“, und die Maske das Erkennen von Mimik erschwere. Sein Sprecher Albrecht wies übrigens gegenüber der taz bereits am Freitag vorsorglich darauf hin, dass sich – abhängig vom Infektionsgeschehen – einzelne Planungen sogar bis Donnerstag noch ändern könnten.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde im letzten und vorletzten Absatz aktualisiert. In einer früheren Fassung war von einer „Maskenpflicht“ für den Unterricht in Schleswig-Holsteins Schulen die Rede.

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