Hamburgs Schulsenator zum Schulbetrieb: „Wir wollen Regelunterricht“

Ties Rabe hofft, dass nach den Sommerferien Präsenzunterricht für alle möglich ist. Sonst drohe die soziale Spaltung im Bildungssystem tiefer zu werden.

Ties Rabe gestikuliert mit den Händen

Schuljahr klappte besser als erwartet, sagt zumindest Hamburgs Schulsenator Ties Rabe Foto: Christian Charisius/dpa

taz: Herr Rabe, ist dieses Schuljahr verloren?

Ties Rabe: Nein. Ich glaube, dass es am Ende besser geklappt hat als erwartet. Dennoch fürchte ich, dass die Schüler nicht so viel gelernt haben wie in regulären Schuljahren.

Es gibt Schüler, die haben keinen Laptop. Man hört gar von Kindern aus Flüchtlingsunterkünften, die ohne Schule Deutsch verlernen. Vertieft sich die soziale Spaltung?

Wenn es uns nicht gelingt, aus dem Fernunterricht wieder in den Regelunterricht zurückzukehren, dann wird das die soziale Spaltung im Bildungssystem verstärken. Schülerinnen und Schüler, die zu Hause wenig Rückenwind haben, brauchen eine funktionierende Schule, sie brauchen das direkte Gespräch mit den Lehrkräften und Mitschülern. Das alles fehlt und wird bei einigen Schülern stärkere Spuren hinterlassen als bei anderen.

Hamburg hat als einziges Land „Kermit“, eine jährliche Testreihe, die in den Klassen 2 und 3 sowie 5 bis 9 den Lernstand in Kernfächern erhebt. Nutzen Sie die, um zu gucken, welche Lücken entstanden sind?

Ja, und ich hoffe, dass Kermit uns Hinweise gibt, wie die Coronakrise sich tatsächlich auswirkt. Allerdings sind die Testabstände recht groß, sodass sich die Veränderung am Ende nicht präzise beschreiben lässt. Zudem wirken auch andere Einflüsse auf die Ergebnisse ein, beispielsweise eine veränderte Schülerschaft.

Hamburgs CDU fordert, die Corona-Lernrückstände zu erheben. Ist das geplant?

Wir reden hier noch mit anderen Bundesländern, die auch darüber nachdenken. Aber so etwas ist aufwendig und wir brauchen im Moment jede Minute des Unterrichts. Es wäre schade, wenn wir hier Tage und Wochen mit Testungen verbringen. Das muss man abwägen. Die Entscheidung ist noch offen.

Die CDU will ein Konzept zum Ausgleich.

Hinter dem Begriff „Konzept“ verbirgt sich zu häufig der Anspruch, dass man jahrelang in Arbeitsgruppen sitzt. Wir müssen jedoch schnell handeln. Deshalb bieten wir bereits in acht Wochen Lernangebote in den Ferien an, die mit dem Unterricht verknüpft sind. Dafür haben wir die Schulen gebeten, ihre Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen. Ich kann mir vorstellen, dass das auch über die Sommerferien hinaus weitergeführt werden kann. Die Teilnahme bleibt für Schüler und Lehrkräfte freiwillig, das Angebot ist für die Schüler kostenlos und wird für die Kursleitenden gut bezahlt.

Brauchen die Kinder nicht Erholung?

Sie brauchen Bildung und Erholung. Den Wunsch nach Erholung respektiere ich. Deswegen war ich immer dagegen, die Sommerferien zu kürzen. Aber sechs Wochen Ferien sind eine ganz lange Strecke. Wenn davon zwei Wochen lang täglich 2,5 Stunden gelernt wird, kommt die Erholung nicht zu kurz.

Experten der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung geben nun Tipps für das neue Schuljahr. Ein Punkt: Lehrpläne kürzen.

Wenn auch künftig kein Regelunterricht möglich ist, wäre das eine Überlegung. Mittlerweile wird der Regelunterricht aber schrittweise wieder eingeführt. Deswegen stellt sich die Frage, Lehrpläne anzupassen, vielleicht sogar das Anforderungsniveau von Prüfungen abzusenken, zurzeit nicht mehr. Ich denke, die Bundesländer kehren zum Regelunterricht zurück.

Wir kämen mit blauem Auge davon?

Ich hoffe sehr. Schaffen wird das nicht und bleiben wir auf Dauer im Wechsel von Fern- und Präsenzunterricht, dann stellen sich die Fragen nach dem Prüfungsniveau und anderen Dingen in aller Schärfe. Aber im Moment geht der Weg in die andere Richtung. Wir wollen in den Regelunterricht zurück.

Ties Rabe, 59, SPD, ist seit 2011 Hamburger Schulsenator und seit 2015 Koordinator der SPD-geführten Länder in der Bildungspolitik. Bevor er Schulsenator wurde, war er Lehrer für Deutsch und Geschichte am Luisen-Gymnasium Bergedorf.

Bis Klasse 6 scheinen sich die meisten Länder da einig zu sein. Aber was ist mit den höheren Klassen?

Alle Kultusminister wollen auch für die Klassen 7 bis 13 den Regelunterricht herstellen. Wir sind uns nur in der medizinischen Einschätzung nicht ganz sicher, denn das Infektionsrisiko nimmt mit steigendem Alter zu. Dennoch ist dieses Risiko wohl auch bei Jugendlichen deutlich geringer als bei Erwachsenen. Wir wissen es nur noch nicht ganz sicher.

Entscheidet sich das am Ende der Sommerferien?

Die Vorentscheidung fällt früher. Die Schulen müssen ja planen. Ich denke, dass wir zum Ferienbeginn die wesentlichen Eckpunkte beschreiben können, die allgemeine Richtung werden wir sogar in den nächsten Tagen festlegen. Die Planung muss allerdings so gestaltet werden, dass man jederzeit wieder zu den kleinen Lerngruppen und dem Wechsel aus Fern- und Präsenzunterricht zurückkehren kann, wenn das Infektionsgeschehen wieder zunimmt.

Also ist diese Idee, in den Lehrplänen solche Dinge wie den Kosinus zu streichen, verfrüht?

Ja. Zudem dauern Lehrplanänderungen sehr lange und sind mit langwierigen Erörterungen und Auseinandersetzungen verbunden. Es ist kaum realistisch, „mal eben“ wegen einer besonderen Lage Lehrpläne anzupassen.

Und was sagen Sie zu der schlichten Empfehlung, den Schülern ein Jahr mehr Zeit für den mittleren Abschluss zu geben?

Früher nannte man das Sitzenbleiben. Im Kern ist mehr Lernzeit eine Option. Trotzdem: Das sind alles Vorschläge für den Fall, dass die Katastrophe länger dauert. Wir möchten den Fall planen, dass sie zu Ende geht.

Gibt es in Hamburger Schulen Coronafälle?

Angesichts einer Viertelmillion Schüler ist das Infektionsgeschehen nahe null. Kommt es dazu, prüfen die Fachleute aus den Gesundheitsämtern, welche Kontakte derjenige hatte, und entscheiden, ob die ganze Schule für zwei Wochen in Quarantäne geht oder nur eine Klasse oder ein Jahrgang.

Lehrer äußern Sorge vor dem Regelunterricht.

Es gibt unter den Kultusministern lebhafte Gespräche, weil viele Lehrkräfte sich zu stark sorgen. In einigen Ländern sagen bis zu 30 Prozent: Unterricht ist zu gefährlich für mich. Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Man hört auch von Schulleitungen Kritik an einzelnen Kollegen. Denn es gibt ja in vielen Berufen Menschen, die in direktem Kontakt mit anderen stehen, zum Beispiel an der Kasse in den Geschäften oder in den Alten- und Pflegeheimen. Dort müssen auch alle arbeiten und es gibt längst nicht so große Sorgen, sich anzustecken. Wir passen jetzt bundesweit die Regeln an, wer bei welcher gesundheitlichen Disposition unterrichten muss und wer nicht. Da gab es bisher eine gewisse Großzügigkeit. Angesichts der hohen Fehlzeiten kehren jetzt alle Länder zu einer Attest-Pflicht zurück. Aber wir nehmen auch die Sorgen vieler Lehrkräfte ernst und werden weitere Vorsichtsmaßnahmen wie Visiere, Schutzausrüstungen und kostenlose Tests für die Lehrkräfte ermöglichen.

Lehrer sagen, sehr gut seien jetzt die kleinen Lerngruppen mit nur acht Schülern. Könnte man so nicht weitermachen?

Nein. Natürlich kann man in einer kleinen Gruppe leichter und besser unterrichten. Aber wer eine Klasse in zwei kleine Lerngruppen teilt, der braucht dann doppelt so viele Lehrkräfte und doppelt so viele Räume. Und da wir die nicht haben, mussten jetzt überall die Unterrichtsstunden halbiert werden. Den Preis zahlen die Schüler. Sie erleben nur halb so viel Unterricht in der Schule und müssen den Rest zu Hause arbeiten. Dieser Nachteil wird nicht wettgemacht durch den Vorteil, dass die andere Hälfte des Unterrichts in einer kleinen Gruppe stattfindet. Lieber in einer größeren Gruppe 100 Prozent Unterricht als in einer kleinen 50.

Und mehr Lehrer dafür einstellen?

Das kostet Milliarden und erfordert für neue Räume ein 20-jähriges Bauprogramm. Wir brauchen aber eine Lösung nach den Ferien.

Homeschooling war früher illegal.

Das ist immer noch so.

Nun ist es Alltag. Müsste man nicht innehalten und weniger streng daraufgucken?

Ich halte davon nichts. Ich finde es gut, dass bei uns Schule vom Staat organisiert und als Gemeinschaftseinrichtung betrieben wird. In der Coronakrise konnten wir diesen Anspruch nicht lückenlos durchsetzen, weil es zu gefährlich war. Aber wenn wir den Anspruch aufgeben, werden wir uns die Augen reiben, was einige Eltern dann zu Hause so alles unterrichten könnten. Da kann es sein, dass wir von Islamismus bis zu seltsamen Sexualpraktiken alles mögliche als angebliche Bildungsinhalte erleben. Unsere Gesellschaft hat eine Verantwortung für die Kinder. Die freundlichen Bildungsbürger denken manchmal, sie können das besser als die Lehrer. Ich glaube auch, dass einige wenige mit ihren Kindern so zielgerichtet arbeiten, dass die dann mehr lernen als in der Schule. Aber wir müssen an alle Kinder denken. Zudem ermöglicht die Schule das soziale Lernen in Gemeinschaft, das geht zu Hause kaum. Nur die wenigen Geschwister als das soziales Lernen zu bezeichnen, ist bisschen wenig.

Gibt es etwas, was Sie gut fanden in dieser Krise?

Mich hat berührt, als in einer Zeitung vier Schüler beschrieben, wie sehr sie die Schule vermissen und wie es Zuhause läuft. Mit großer Lebhaftigkeit haben die Schüler die Bedeutung der Schule wiederentdeckt. Dass man eine Struktur im Tages- und Wochenablauf hat. Dass man soziales Kontakte hat. Dass man eine gesellschaftliche Verankerung hat. Dass man in den Lehrkräften Partner und Vorbilder findet. All diese Punkte sind stärker ins Bewusstsein gerückt. Das freut mich.

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