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Öffentlich-rechtlicher RundfunkAlle reden vom Wetter

Das deutsche Fernsehen wird zum Dauerwetterbericht und alle schauen zu. Gut so, schließlich hat, was draußen passiert, auch mit dem Klimawandel zu tun.

Das wetter: Ein Schneemann Foto: Michael Probst/ap

E s wird ja immer wieder gern über die Macht der Medien spekuliert. Doch die ist kalter Kaffee im Vergleich zu dem, was wirklich Macht über uns hat. Nein, nicht „Markus Lanz“, auch wenn da gerade mal wieder ein Ministerpräsident in der Wortwahl (Zensur!) danebenlag und ihn jetzt ein Schneesturm umtost. Es geht natürlich ums Wetter.

Gefühlt war das deutsche Fernsehen der letzten Tage ja ein einziger Wetterbericht. Mit so vielen Hochs und Tiefs, dass eine differenzierte Betrachtung nach Hagel, Schnee und Graupelschauer hier den Rahmen sprengen würde. Immerhin schält sich ein neues Sub-Genre in der Berichterstattung raus. Es heißt „Menschen, die auf DB-Anzeigen starren“, weil der alte Bahn-Slogan „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ leider so gar nicht mehr gilt.

Medial ist der Ansatz „Alle reden nur noch vom Wetter“ ja auch viel erfolgreicher. Das galt vor allem trimedial auf allen Ausspielwegen im Rundfunk und besonders für die ARD-Dritten. Die Kol­le­g*in­nen von DWDL haben errechnet, dass der NDR in Mecklenburg-Vorpommern mit seinen wetterbetonten Nachrichten quotenmäßig teilweise sogar an der 50-Prozent-Hürde kratzte.

Nun hat der Norden ja auch das meiste abbekommen, wovon auch die Teil­neh­me­r*in­nen einer Tagung zur Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen in der Evangelischen Akadamie Loccum ein Winterlied singen können.

Einfach drüber?

Hier machte der Winter der Medienpolitik gleich mehrfach zu schaffen. Sie kam nämlich bahntechnisch gar nicht bis Loccum durch und wurde deshalb zugeschaltet. Und dann hatte die Finanzierungskommission KEF ja zuvor eine kleine Lawine losgetreten, weil die Beitragserhöhung jetzt doch nicht so üppig ausfallen soll. Das hat der Rundfunkkommission der Länder die Füße weggehauen wie Blitzeis.

Das da draußen hat etwas mit dem Klimawandel zu tun, was durchaus in der aktuellen Berichterstattung auftaucht

Und so wirkten in Kommissions-Koordinatorin Heike Raab (SPD) und Sachsen-Anhalts Medienpolitikchef Rainer Robra (CDU) auch virtuell so, als es hätten ihnen KEF-Chef Martin Detzel höchst real Loccum-Schnee in den Kragen gesteckt. Vor allem Robra war noch frostiger als sonst und erklärte, die Öffentlich-Rechtlichen würden eh viel zu viel Programm machen, über 8.000 Sendeminuten im Jahr wären einfach drüber.

Wie die Wetter-Berichterstattung zeigt, sind sie das aber nicht. Denn das da draußen hat etwas mit dem Klimawandel zu tun, was durchaus in der aktuellen Berichterstattung auftaucht(e). Vielleicht führt das bei der ARD sogar dazu, dass sie sich bei dem ganzen Eis und Schnee ein bisschen stärker für „Klima vor 8“ erwärmen können. Für diese tägliche Bewusstseinsspritze, die vor der „tagesschau“ laufen soll, könnte sich Robra eher mal aufregen. Zumal sie ja nur drei bis fünf Minuten dauern soll und die Medienpolitik dem Rundfunk eh nicht zu sagen hat, was er genau wie lang senden soll.

„Egal wie’s Wetter wird, die Kolumne muss dennoch sitzen, und der Journalist darf die Leute nicht nur so dünn berieseln wollen“, sagt die Mitbewohnerin. Und weil eine Zensur nicht stattfindet, bleibt der Satz drin.

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Steffen Grimberg
Medienjournalist
2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
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