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Obdachlosenasyl saniert und erweitertPlatz auch für die Hoffnungslosen

Integrierte Gesundheitsambulanz, Zimmer für Hundehalter und dauerhaft Bedürftige: In Hamburg eröffnet Deutschlands älteste Notunterkunft wieder.

Roter Klinker, lachsfarbener Säulengang und die Dächer werden noch begrünt: Das Pik As sieht jetzt hell und modern aus Foto: Leonie Asendorpf/dpa

Doch, ja, man ist ein bisschen stolz. Auch darauf, vielleicht, dass es überhaupt an Ort und Stelle geblieben ist, das „Pik As“. Beziehungsweise dorthin zurückgekehrt nach zwei Jahren. Wo Baulücken in so einer Lage doch größere Begehrlichkeiten denn je wecken dürften: In der Hamburger Innenstadt, schräg gegenüber residierte jahrzehntelang der Springer-Verlag, eröffnet am Mittwoch nicht irgendeine Notunterkunft wieder.

Es ist Deutschlands älteste sich immer noch in Betrieb befindliche Obdachlosenunterkunft, die da saniert, modernisiert und erweitert wurde, erstmals eröffnet 1913. Auch darauf konnten sie ein bisschen stolz sein, Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) und Arne Nilsson, Sprecher der Geschäftsführung des städtischen Trägers Fördern & Wohnen (F&W).

Die Frontseite im ortstypischen roten Klinker gehalten, drinnen ein Innenhof mit Säulengang, die Wände rundherum in einem Pastelltürkis gekachelt: Von mediterranem Ambiente war am Montag vor der Presse die Rede, aber da schien auch gerade die Sonne. Apropos: Man setzt auf Photovoltaik und eine Brauchwassernutzungsanlage, die Dächer werden noch begrünt.

Schattiger Hof und Photovoltaik

Knapp 30 Millionen Euro haben Um- und Anbau nach Angaben der Sozialbehörde gekostet. 290 Menschen finden hier nun Platz, bei Bedarf können bis zu 330 Schlafplätze angeboten werden. Im Regelbetrieb verteilen die sich ganz überwiegend auf Zwei- und Dreibettzimmer, die in kleinen Gruppen angeordnet sind und sich je ein Bad und eine Toilette teilen.

33 Lebensplätze wird es ab Anfang Mai geben eigens für ältere, teils chronisch kranke Klienten

Eine kleine Anzahl Einzelzimmer ist vorgesehen für „hochbelastete“ Menschen, so F&W, bis zu 17 Hunde können ins Haus mitgebracht werden. Im Erdgeschoss gibt es Schließfächer und einen Aufenthaltsraum mit Essensausgabe – warme Mahlzeiten kommen vom Förderverein Pik As, auch Lebensmittelspenden von der Hamburger Tafel werden hier verteilt. Mit der Wiedereröffnung in der Neustädter Straße wird eine zwischenzeitlich zwei Jahre lang genutzte Ersatzeinrichtung in der Eiffestraße in Hamburg-Hamm geschlossen.

Plätze zum Altwerden

Neu hinzu kommen am alten Standort nicht nur erstmals Fahrstühle. 33 „Lebensplätze“ wird es ab Anfang Mai eigens für ältere, teils chronisch kranke Klienten geben: kleine, barrierefreie Einzimmerappartements mit Bad und Küchenzeile. Wer hier wohnt, bekommt je nach Bedarf Hilfe im Alltag oder auch ambulante Pflege.

Denn das sei immer schon das eigentlich Besondere des Hauses, unterstrich die Senatorin: Im Pik As kämen Notunterbringung und Sozialberatung mit medizinischer, auch pflegerischer Grundversorgung zusammen, „um die Menschen zu stabilisieren und in weitere Hilfen zu vermitteln“.

„Wenn Menschen hier herkommen und Hilfe wollen, sollen sie die so schnell wie möglich bekommen“, sagte die Senatorin. Sozialarbeitende würden die Klienten vor Ort betreuen und sie auch über längerfristige Unterbringungsmöglichkeiten informieren. Auch aus so einem „Lebensplatz“ soll der Klient idealerweise noch mal in eine eigene Wohnung ziehen können.

Eine Pause von der Unsicherheit

Aber er muss bis dahin nicht regelmäßig Anträge schreiben, um bleiben zu dürfen; von einem „Damoklesschwert“ sprach F&W-Vorstand Nilsson. Hier ermittelt den Bedarf die enge soziale Begleitung. Dass manche bleiben werden bis zum Schluss, darauf ist man offenbar vorbereitet: „Es gibt einfach Menschen, von denen wir es realistischerweise annehmen müssen, dass sie es nicht mehr schaffen würden, so eine Einrichtung zu verlassen“, sagte Nilsson.

Unter den Zimmern der Notunterkunft haben die Räume der Schwerpunktpraxis Platz gefunden, bis zum Umbau in einem Pavillon im Hof untergebracht. Neben einer Pflegebadewanne und zwei Pflegeduschen besteht im „Gesundheitsflur“ auch eine Möglichkeit zur Übernachtung. Die Sozialbehörde finanziert diesen Bereich separat: „Gesundheitspolitik und Sozialpolitik“, so Schlotzhauer, „gehören zusammen.“

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