Wohnungslosigkeit in Hannover: Masse statt Klasse

Die Notunterbringung der Stadt Hannover für Wohnungslose im Naturfreundehaus soll schließen. Betroffene sollen zurück in Massenunterkünfte.

Obdachlose liegen in Hannover in Schlafsäcken unter einer Brücke

In Hannover fordern Wohnungslose eine „menschenwürdige Unterbringung“ Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

HANNOVER taz | Der Mann am Mikrofon hat zwei Rucksäcke und einige Tüten dabei. Er steht mit seinem Hab und Gut auf dem Trammplatz in Hannover. Vor ihm ragt das Neue Rathaus mit seinen Türmchen und der großen Kuppel empor. „Wir haben etwas anderes verdient!“, ruft er in Richtung des dort tagenden Bauausschusses. „Ich habe nur noch Tränen in meinem Leben, nimm meine Tränen wahr, nimm sie wahr!“

Die Stimmung ist angespannt. Eine Hand voll Menschen ist am vergangenen Mittwoch dem Aufruf der Initiative „Armut stinkt“, einem Bündnis der Selbst­organisierten Wohnungslosenhilfe (SeWo) und anderer Träger*innen der Wohnungslosenhilfe, gefolgt.

Sie protestieren gegen mangelnde Corona-Schutzmaßnahmen in Unterkünften und dagegen, dass am kommenden Donnerstag die eigens in der Pandemie eingerichtete dezentrale Unterkunft im Naturfreundehaus geschlossen wird.

Es ist bereits die vierte Demo dieser Art in den vergangenen Monaten. An einem kleinen Pritschenwagen hängt ein Banner mit den Worten: „I want change.“ Eine Frau mittleren Alters richtet sich auf Polnisch an die Anwesenden und weist auf ihre besonders bedrohliche Lage hin: Als Migrant*in und als Frau* sei sie als Wohnungslose besonders gefährdet. Arbeitsmigrant*innen trügen zwar zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung einen großen Teil bei, seien aber nicht gegen Schicksalsschläge abgesichert, sagt sie. „Wie andere auch verdienen wir die Hilfe der Stadtverwaltung und eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben.“

Obdachlose gehören zur Risikogruppe

Markus Bauer lebt in einer städtischen Unterkunft. Als er am Mikro steht, zitiert er aus einem Schreiben des Gesundheitsamtes: „Wohnungs- und Obdachlose gehören aus zahlreichen Gründen der Hochrisikogruppe von SARS-COv-2 an“, liest er vor. Und weiter: „Zur Unterbrechung von Kontakt- beziehungsweise Infektionsketten ist eine Einzelunterbringung mit konstanten Hygienemöglichkeiten vorzusehen.“ Das aber ist nicht der tatsächliche Stand in den Unterkünften der Stadt, sagen die Betroffenen.

Zu Beginn der Coronapandemie musste die Stadt zahlreiche Angebote für Wohnungslose schließen – es gab damals noch kein Hygienekonzept. Doch der öffentliche Druck stieg und die Stadt reagierte: In Zusammenarbeit mit Diakonie und Caritas wurde eine dezentrale Unterbringung für einige Wohnungs- und Obdachlose in angemieteten Hotels und Jugendherbergen organisiert. Als diese auslief, schuf die Stadt für 28 Menschen Raum im Naturfreundehaus.

Doch nicht nur, dass es an dieser Unterbringung Kritik gibt, in dieser Woche soll sie gänzlich schließen – bisher ohne Alternative, obwohl die kalte Jahreszeit beginnt: „Es ist ein Skandal, dass die Stadt auch nach Monaten immer noch kein coronagerechtes Konzept zur Einzelunterbringung entwickelt hat“, sagt Bauer. Dass die Bewohner*innen zu zweit oder dritt ein Zimmer teilen müssten, sei die Regel, sagt er.

Mehrere Sozialarbeiter*innen der SeWo berichten, dass die Stadt auf Fragen nach einem Hygienekonzept in der Mehrbettunterbringung nur lapidar geantwortet hätte: Man solle doch lüften.

Die Stadt Hannover bewertet die bisherige Unterbringung hingegen positiv: „Die Nothilfe für Obdachlose in Hannover während der Akut-Phase der Corona-Pandemie ist ein Erfolgsmodell“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Sie gibt hilfreiche und ermutigende Hinweise für weitergehende Konzepte zur Betreuung von obdachlosen Menschen.“ Die Unterbringung im Naturfreundehaus sei von vornherein befristet gewesen.

Markus Bauer, Betroffener

„Es ist ein Skandal, dass die Stadt nach Monaten immer noch kein coronagerechtes Konzept zur Einzelunterbringung entwickelt hat“

Man arbeite für das kommende Jahr an einer nachhaltigeren Lösung und suche eine Immobilie. Auch mit Blick auf den kommenden Winter gibt sich die Stadt positiv: „Die gewohnten und etablierten Anlaufstellen für Obdachlose in Hannover sind auf die aktuellen Herausforderungen vorbereitet. Hygienekonzepte wurden über den Sommer hinweg angepasst.“ Es stünden 220 Betten in Notschlafstellen bereit.

Jan Ulrichs möchte diese Darstellung nicht unwidersprochen stehen lassen. Während die Aktivist*innen draußen vor der Tür skandieren, sitzt er in der Bürger*innenfragestunde des Bauausschusses der Stadt. Ulrichs ist Geschäftsführer der Sewo. Wie die Betroffenen beklagt er den Mangel an Hygienekonzepten und Kapazitäten. Er und seine Kolleg*innen täten alles, um die städtischen Hygieneempfehlungen in den Tagesaufenthalten und Unterkünften einzuhalten. Dennoch zweifele er an deren Wirksamkeit.

So sei ihm der Fall einer unter Fieber leidenden Frau bekannt, die ohne Coronatest einer Massenunterkunft zugewiesen wurde. „Mir drängt sich die Frage auf, wie in Zukunft verhindert werden kann, dass mit Corona infizierte Menschen das Virus in die Unterbringungen bringen.“

Wohin im Winter?

Laut Ulrichs sichere das Jobcenter zwar zu, eine Hotelunterbringung zu übernehmen, wenn diese als ordnungsrechtliche Unterbringung deklariert werde. „Das passiert aber durch die Stadt Hannover nicht und scheitert an Unwillen“, kritisiert Ulrichs. „Die Situation ist identisch wie vor der Pandemie.“

Und wo sollten die Menschen bleiben, für die nun kein Platz mehr sei? Aufgrund von Corona könne man weniger Menschen tagsüber einen Ort des Rückzugs bieten. Im letzten Winter hätten aber etwa 2.000 Personen Angebote wie den Tagestreff am Nordbahnhof wahrgenommen.

Ein Mitarbeiter der Stadt äußerte sich im Ausschuss zu den Schilderungen Ulrichs und versicherte, es gäbe ausreichend Plätze in städtischen Unterbringungen. Abstands- und Hygienemaßnahmen könnten eingehalten werden. Zudem würden Möglichkeiten geprüft, um tagsüber weitere Einrichtungen zu öffnen. Gemeinsam mit der Region Hannover seien Quarantänestandpunkte geschaffen worden. Doch: „Eine standardisierte Eingangstestung ist bisher noch nicht leistbar.“

Der betroffene Bauer ärgert sich über diese Einschätzung der Stadt: „Solange es keine vernünftige Perspektive gibt und sich Verantwortliche der Verantwortung entziehen, braucht sich der ‚Normalbürger‘ nicht mokieren, wenn er die ‚Penner‘, ‚Obdachlosen‘, ‚Faulenzer‘ und ‚Habenichtse‘ hier in der Stadt vor dem eigenen zu Hause oder in der persönlichen Komfortzone ertragen muss.“ Er fordert, dass „menschenunwürdige Unterbringungen“ abgeschafft werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de