Ein Obdachlosenlager mot Sofa und Rollstuhl in Berlin

Draußen bleiben: Debora Ruppert porträtiert Obdachlose und gibt Obdachlosigkeit ein Gesicht Foto: Debora Ruppert

Obdachlos in Berlin:Platz finden

Kein Dach über dem Kopf und auch kein geschützer Ort? In Berlin gibt es Streit um Safe Places für obdachlose Menschen.

5.7.2021, 13:42  Uhr

Wer die Karl-Marx-Straße entlang läuft oder am Landwehrkanal spaziert, kommt dort häufig an fest eingerichteten Schlafplätzen vorbei. Oft nicht mal ein Zelt, sondern einfach eine breite Matratze, darauf ein bis zwei ordentlich ausgebreitete Schlafsäcke und Decken, manche Plätze sind mit einer Zeltplane gegen Regen und Blicke geschützt. Daneben Einkaufswagen oder ausrangierte Kinderkarren zum Sammeln von Pfandflaschen und für Habseligkeiten, vereinzelt auch ein kleines Regal. Wie ein kleines Wohn- und Schlafzimmer auf der Straße.

Solche Schlafplätze fallen in diesem Sommer nicht nur in Neukölln auf, sondern auch in anderen Innenstadtbezirken: Matratzen liegen im Eingang zu leerstehenden Geschäften, unter Brücken, oft aber auch einfach am Straßenrand, am Bauzaun oder am Kanalufer.

Die sichtbare Obdachlosigkeit, so der subjektive Eindruck, hat in den vergangenen Monaten damit deutlich zugenommen. Empirisch lässt sich dieser Eindruck schwer belegen, denn wirklich belastbare Zahlen gibt es nicht. In einer ersten berlinweiten Zählung von obdachlosen Menschen im Januar 2020 trafen die Zählteams knapp 2.000 Menschen an. Der Ergebnis dieser ersten „Nacht der Solidarität“ liegt damit deutlich unter den Schätzungen etwa von Beratungsstellen, die zuvor von 5.000 bis zu 8.000 obdachlos lebenden Menschen in Berlin ausgegangen waren.

Eine zweite für den Sommer geplante Zählung von Obdachlosen in Berlin ist wegen der Pandemie auf das kommende Jahr verschoben worden. Aber der Eindruck, dass solche Schlafplätze deutlich zahlreicher und auffälliger im Stadtbild geworden sind, deckt sich mit den Beobachtungen von Initiativen und Beratungsstellen der Obdachlosenhilfe. Und es ist ja nicht nur die Zahl: An solchen offen an der Straße liegenden Schlafplätzen sind die Menschen viel sichtbarer als in einem versteckten Zelt am Rand einer Brache.

„Früher hatten wir Obdachlosigkeit vorwiegend an einigen Hotspots. Inzwischen ist Obdachlosigkeit flächendeckend in der Stadt, Menschen suchen sich Nischen, sie leben unter Brücken. Mehr Menschen verlieren ihre Wohnungen, und dadurch sind sie auch sichtbarer“, sagt Andreas Abel von Gangway. Gangway macht niedrigschwellige Straßensozialarbeit und ist als Ansprechpartner für obdachlose Menschen am Zoo und am Ostbahnhof, aber auch in Friedrichshain-Kreuzberg und seit einem Jahr mit einem Team in Neukölln unterwegs. Dort sprechen sie Menschen an, bauen ein Vertrauensverhältnis auf und bieten Unterstützung an – wenn sie gewünscht ist.

Porträt eines Mannes mit grauem Vollbart und Narben im Gesicht

Dieter, Bhf. Zoo, Charlottenburg. „Seit 1982 leb' ich auf der Straße. Zwischendrin hatte ich ’nen Job und ’ne Wohnung, aber wegen dem Alkohol hab' ich alles wieder verloren.“ Foto: Debora Ruppert

Porträt eines jungen Mannes mit Rollkragenpullover vor einem U-Bahnhofsschild

2009 war ich zum ersten Mal auf den Straßen Berlins unterwegs, um Menschen ohne Obdach zu porträtieren. Dies ist eines der ersten Porträts, das an dem Tag am Alexanderplatz entstand. Der junge Mann kam aus Osteuropa. Manchmal, wenn ich über den Alex laufe, denke ich an ihn und frage mich, wie es ihm wohl geht Foto: Debora Ruppert

„Dass es mehr Menschen geworden sind, bezweifelt niemand“, sagt Abel. „Wir sehen das auch, etwa an Statistiken von Beratungsstellen oder bei der Auslastung der Kältehilfe.“ Sei es früher relativ leicht gewesen, einen Menschen, der dies wünsche, im Sommer unterzubringen, sei dies nun nicht mehr ohne weiteres möglich.

Auch bei der Berliner Obdachlosenhilfe hat man den Eindruck, dass sichtbare Obdachlosigkeit in Berlin zugenommen hat. „Wenn allgemein weniger los ist draußen, werden diejenigen, die auf der Straße leben und sich eben nicht ins Zuhause zurückziehen konnten, sichtbarer“, sagt Heinz Waldow, einer der freiwilligen Hel­fe­r:in­nen bei der Obdachlosenhilfe. Dazu käme, dass den Menschen viele Einnahmequellen wie Zeitschriften verkaufen oder Betteln versiegt waren, so dass auch die, die sich sonst über den Tag das Geld für ein Hostel organisieren konnten, sich stattdessen einen Schlafplatz draußen eingerichtet hätten.

Die Bilder: Seit mehr als zehn Jahren porträtiert die Fotografin Debora Ruppert, deren Arbeit hier zu sehen ist, obdachlose Menschen in Berlin. Auch in der Zeit der Lockdowns hat Ruppert sie fotografiert und befragt. Zu sehen sind ihre Bilder derzeit in der Ausstellung „Kein Raum – Begegnungen mit Menschen ohne Obdach“ in der Berliner Stadtmission am Hardenbergplatz. Weitere Informationen zu dem Projekt finden sich auf www.street-life-berlin.com.

Die Wärme: Die Stadtmission organisiert die Kältebusse. So kann man im Winter den Menschen, die die Nacht ungeschützt draußen verbringen, anbieten, sie in eine Unterkunft zu fahren. Während der Wintermonate stellen die Bezirke über die Kältehilfe mehr Schlafplätze bereit. Sie startet Anfang November und geht normalerweise bis Ende März, in diesem Jahr blieben Unterkünfte in Berlin wegen Corona erstmals bis Ende Juni geöffnet.

Das Wasser: Nicht nur Kälte, auch Hitze im Sommer birgt Gefahren. Hilfsorganisationen rufen daher dazu auf, in den Sommermonaten Wasserflaschen, Käppis und Sonnencreme mit sich zu führen, um sie obdachlosen Menschen anbieten zu können, und auf ungeschützt in der Sonne schlafende Menschen zu achten.

Saisonale Schwankungen

Bei den Bezirken – die verpflichtet sind, obdachlose Menschen unterzubringen – klingt das etwas weniger eindeutig. Eine Zunahme der Obdachlosigkeit sei in den vergangenen Jahren durchaus spürbar, diese unterliege aber auch saisonalen Schwankungen, heißt es etwa aus Charlottenburg-Wilmersdorf. Friedrichshain-Kreuzberg beschäftigten „die sichtbare Obdachlosigkeit und Campbildungen schon die gesamte Legislatur und darüber hinaus“. Und die relativ neue Zusammenarbeit von Neukölln und Gangway ist getragen von der Beobachtung, dass Obdachlosigkeit auch hier sichtbarer wird und sich in die Fläche ausdehnt.

Wenn Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) über Zahlen spricht, möchte sie den Eindruck einer Zunahme weder bestätigen noch dementieren. Dies sei subjektiv, sagt sie, auch deshalb bemühe sie sich etwa mit Zählungen weiter um Zahlen.

Sie hat dabei allerdings nicht nur die Obdachlosigkeit im Blick – also die Fälle, in denen Menschen mit ihrem Hab und Gut vornehmlich auf der Straße leben -, sondern auch Wohnungslosigkeit, wo Menschen keine eigene Wohnung haben und etwa in Unterkünften untergebracht sind oder als sogenannte Sofahopper bei Bekannten mehr oder weniger temporär und oft prekär unterkommen.

Breitenbachs erklärtes Ziel ist es, Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Berlin bis 2030 zu beenden. Sie setzt dafür unter anderem auf Housing First – also den Versuch, Menschen als erstes und ohne große Voraussetzungen eine Wohnung zu vermitteln.

Dieses Konzept finden sowohl viele obdachlose Menschen als auch ihre Un­ter­stüt­ze­r:in­nen begrüßenswert. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg, in Berlin haben gerade erste Pilotprojekte für rund 70 Menschen begonnen.

Räumungen lösen kein Problem

Daneben will Breitenbach den Zustand von Unterkünften verbessern, und auch Safe Places sollen die Situation von obdachlos lebenden Menschen weniger prekär machen. Mit Safe Places sind Orte gemeint, an denen Menschen, die sich dort niederlassen, nicht geräumt werden und an denen die Bezirke oder Träger außerdem eine grundlegende Versorgung etwa mit Wasser, Toiletten und Müllabfuhr sicherstellen.

Porträt einer älteren Frau mit Kapuze und Schal

Elli, 62 Jahre alt. „Das Coronavirus interessiert mich einen Scheiß“, sagt Elli. „Ich muss mich um mein eigenes Leben kümmern. Ich suche eine Wohnung.“ Foto: Debora Ruppert

Porträt einer jungen Frau, die mit einem Husky kuschelt

Sabrina, 28 Jahre alt. Sabrinas Hunde heißen Sky und Susie. Seitdem viele Tagesstätten zugemacht haben, weiß sie oft nicht, wohin. Die kälteren Tage verbrachte sie meistens im U-Bahnhof. „Wir müssen ja draußen sein. Alle anderen können ja in ’ner Wohnung bleiben.“ Sie schläft manchmal in der Notübernachtung am Containerbahnhof, „aber wir müssen hier morgens raus. Ich würde auch gern mal hier bleiben“, sagt sie Foto: Debora Ruppert

„Räumungen lösen das Problem ja nicht, diese Erkenntnis spricht sich inzwischen auch in den Bezirken herum, auch wenn die immer noch sehr unterschiedlich mit obdachlosen Menschen umgehen“, sagt Gangway-Mitarbeiter Abel.

Er kritisiert, dass in einigen Bezirken immer noch Orte ohne vorherige Ansprache geräumt werden. „Es gibt oft Orte, an denen sie nicht stören, und wenn sie da geräumt werden und weiterziehen, gibt es plötzlich Pro­bleme mit Anwohner*innen“, sagt er. „Das ist doch unlogisch.“

Die Straße gehört allen. Nicht der Verwaltung oder den Politikern“, sagt Cengiz Tanriverdio von Gangway, der seit einem Jahr in Neukölln als Straßensozialarbeiter Kontakt zu obdachlosen Menschen aufbaut. „Menschen haben ein Recht darauf, dort zu leben – wenn sie das so für sich wollen.“

Ein selbstbestimmtes Leben

Doch es ist ein schmaler Grat zwischen diesem „Wollen“, zwischen Freiheitsbedürfnis, individuellen psychischen oder medizinischen Notlagen und – auch das gehört zum Bild dazu – dem desolaten Zustand von manchen Unterkünften oder den dortigen Zugangsbedingungen. In die Entscheidung, dauerhaft auf der Straße zu leben, spielt nach Erfahrung der So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen auch die Frage hinein, inwieweit Menschen es aushalten, sich mit fremden Menschen ein Zimmer zu teilen, ihr Haustier nicht in eine Unterkunft mitnehmen zu können oder inwieweit ein striktes Verbot von Alkohol und anderen Suchtmitteln für sie umsetzbar ist.

Auf diesem schmalen Grat bewegt sich auch die Idee der Safe Places. Denn, so der von der Verwaltung getragene Gedanke: solange es Obdachlosigkeit gibt und solange auch Housing First oder Notunterkünfte nicht für alle Menschen eine Lösung sind, sollen sie wenigstens etwas geschützt und unter guten hygienischen Bedingungen draußen leben.

Aus der Sicht obdachloser Menschen stand bei der Idee auch im Vordergrund, dass solche Safe Places ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen könnten. Träger wie die Sozialgenossenschaft Karuna sehen in dem Konzept Chancen für ein Empowerment obdachloser Menschen jenseits von staatlichen Hilfesystemen.

Eingeführt wurde das Konzept Anfang 2019 von Sozialsenatorin Elke Breitenbach als Teil ihres Planes, die unfreiwillige Wohnungslosigkeit in Berlin bis 2030 zu beenden. Auch für Menschen, die sonst keine Hilfsangebote annehmen können oder wollen, brauche es sichere Plätze – nicht zuletzt wegen des Mangels an bezahlbarem Wohnraum, so die Senatorin damals in einer Stellungnahme. Seitdem passiert ist – „pandemiebedingt“, wie Breitenbach heute sagt – allerdings wenig.

Die Idee traf jedenfalls vielerorts erstmal auf viel Lob. Auch bei der Diskussion um das Camp an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg, in dem sich zwischenzeitlich mehr als 100 Menschen in Wohnwagen, Zelten und selbstgezimmerten Verschlägen lebten, schwang die Forderung mit, die Brache einfach zum Safe Place zu erklären und mit Wasseranschluss und Müllentsorgung auszustatten.

Perspektivisch könnten Safe Places auf allen möglichen Freiflächen Berlins entstehen. Als Modellprojekte sind die ersten beiden Safe Places in Berlin eigentlich kurz vor der Fertigstellung: einer auf dem Containerbahnhof Frankfurter Allee, hinter der großen Traglufthalle „Halleluja“ der Berliner Stadtmission. Der zweite ist als „Common Place“ auf einer Grünfläche zwischen Frankfurter Allee und Gürtelstraße geplant, auch nur wenige hundert Meter vom Projekt der Stadtmission entfernt und in der Zuständigkeit des Bezirks Lichtenberg.

Junger Mann mit Mütze sitzt mit gekreuzten Beinen auf der Straße, vor sich ein Plastikbecher für Spendengeld

Thomas, 30 Jahre alt. „Das Problem ist, dass ich mich nirgends mehr duschen kann. Das Weiße Kreuz am Ostbahnhof hat geschlossen, und ich bekomme keine sauberen Klamotten mehr. Ich bin sonst nie so verdreckt wie jetzt. Das ist mir sehr unangenehm. Ich steig' in die Bahn, Leute gehen nach hinten.“ Thomas sitzt vor der Filiale einer Deutschen Bank am Prenzlauer Berg. Seine Einnahmen durchs Schnorren sind um die Hälfte zurückgegangen. „Aber der Kioskbesitzer da drüben ist supercool. Ich kann mir Essen kaufen, das er mir warm macht. Er leiht mir zur Not auch Geld und schreibt mir Getränke an.“ Foto: Debora Ruppert

Porträt eines älteren Mannes mit ungepflegtem Vollbart und Mütze

Maxx, 65 Jahre alt. Maxx ist gelernter Werkzeugmacher. Er lebt seit etwa fünf Jahren auf der Straße. Er hat ein kleines Radio, mit dem er sich über Corona informiert, manchmal holt er auch eine Zeitung aus dem Müll. Am meisten fehlen ihm die Hygienestationen. Viele sind geschlossen. „Man weiß nicht mehr, wo man seine Notdurft verrichten kann.“ Maxx verbringt momentan viel Zeit auf dem Friedhof. Dort versteckten sich viele Obdachlose, sagt er. „Weil man da mal kurz in Ruhe sitzen kann.“ Foto: Debora Ruppert

Wann – und ob – dieser zweite Ort tatsächlich eingerichtet werden kann, ist nach einer Abstimmung in der Lichtenberger Bezirskverordnetenversammlung (BVV) vom Mittwoch allerdings wieder offen. Die BVV hatte sich – für viele der an der Planung Beteiligten überraschend – gegen den SPD-Antrag zur Umsetzung des Common Place ausgesprochen. Damit ist dessen Zukunft an dieser Stelle wieder ungewiss.

Umzug von Zuflucht zu Zuflucht

Für den Friedrichshainer Safe Place ist bereits ein kleines Areal an der Frankfurter Allee mit Bauzäunen umzogen. Es gibt hier fließend Wasser, einen Kühlschrank, eine improvisierte Duschkonstruktion, bald soll auch Strom kommen. Im hinteren Teil ist ein Pavillon aufgespannt, unter dem Campingstühle zum gemütlichen Abhängen einladen. Insgesamt leben sechs Stamm­be­woh­ne­r:in­nen sowie einige teils länger bleibende Gäste auf dem von der Stadtmission angemieteten Areal.

„Sieht doch richtig top aus, oder?“, fragt der 27-jährige Obdachlose Milan Sosnowski (Name geändert), während er eine Tischdecke hervorkramt, sie faltet und über den Campingtisch wirft. Anschließend wischt er mit einer Handbewegung noch die Falten beiseite. Auch Matze Meier (ebenfalls Name geändert), der einige Meter entfernt oberkörperfrei dasteht, nickt anerkennend: „Fehlt nur noch der Aschenbecher“, sagt er. Schnell ist dieser gefunden und mittig auf dem Tisch platziert.

Noch Anfang Juni lebten die beiden hundert Meter weiter, wo ein Obdachlosencamp seit Jahren etwa 30 Menschen eine Zuflucht bot. Jetzt dient der Ort nur noch vereinzelten Menschen als Nachtlager. Die Deutsche Bahn, der das Gelände gehört, hatte die Räumung angekündigt – um sie dann im letzten Moment wieder abzusagen. Der neue Safe Place bietet also nicht allen Menschen, die vorher am Containerbahnhof gelebt hatten, Sicherheit. So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen hätten den Kreis derer, die umziehen durften, zuvor „ermittelt“, sagt Sara Lühmann vom Friedrichshainer Bezirksamt der taz. Und ohne den Druck der Räumung wäre der nun bestehende Safe Place wohl nicht so schnell eingerichtet worden.

Der eigentlich in Lichtenberg vorgesehene „Common Place“ soll von Karuna betreut werden, einer Sozialgenossenschaft, die sich in der Obdachlosenhilfe engagiert und auch die Obdachlosenzeitschrift Karuna Kompass verantwortet. Bis zum Ende dieses Jahres wollte man die ersten Tiny Houses aufgestellt haben. Auch ein öffentlicher Gemeinschaftsgarten sowie ein Repair Café war dort geplant, sagt Jörg Richert, Vorstandsvorsitzender von Karuna. Die Idee stammt aus den USA. Richert ist Soziologe und hat derartige Orte quer durch die Vereinigten Staaten besucht. Besonders beeindruckt habe ihn Seattle: „Fast an jeder Ecke“ entstünden dort Common Places, also autonome Strukturen unter Einbeziehung obdachloser Menschen, die meist öffentliche Gemeinschaftsgärten oder Repair Cafés betreiben. „Common Places sind nicht nur Orte, an denen obdachlose Menschen sicher sind, in ihnen wird zudem die gemeinschaftliche Verwaltung von Eigentum geprobt“, so der Soziologe.

Durch diese Angebote würden die Grenzen zwischen Nachbarschaft und Obdachlosen aufweichen, bis letztere ihre Rolle als soziale Au­ßen­sei­te­r:in­nen schließlich überwinden. Im Gegensatz zu Berlin, wo weiterhin die „Ich helfe dir“-Mentalität dominiere, stehe also das Credo „Hilf dir selbst, du schaffst das, du wirst nicht fremdbestimmt“ im Mittelpunkt.

Natürlich sei Hilfe in vielen Situationen eine humanitäre Notwendigkeit, so Richert. „Letztlich entsteht durch sie aber auch eine Abhängigkeitsbeziehung, die beim Kampf, sich aus der Obdachlosigkeit zu befreien, sogar hinderlich wirken kann.“

Kein Ort der Selbtverwirklichung

Sozialsenatorin Breitenbach betont dagegen die Funktion als Schutzraum – und nicht als Wagenplatz zur Selbstverwirklichung. Safe Places seien ausschließlich für Menschen, die auch tatsächlich obdachlos seien – und nicht etwa Orte für Wagenplätze oder für Menschen mit alternativen Lebenskonzepten. „Ich werde immer für Freiräume kämpfen“, sagt sie der taz. „Aber es ist nicht Aufgabe des Staates, Menschen ihren Lebenstraum zu finanzieren.“

Was die bisherigen Konzepte verbindet, ist, dass sie Regeln und eine gewisse Stabilität der Be­woh­ne­r:in­nen erfordern. Das aber schließt etwa schwer Suchtkranke oder Menschen mit gravierenden psychischen Problemen von vorneherein aus. Deswegen sind in Bezug auf die Safe Places für ihn noch viele Fragen offen, sagt Sozialarbeiter Andreas Abel von Gangway. Bei den jetzt vorliegenden Konzepten würden Menschen wieder reglementiert, für viele seiner Adressat:in­nen käme das nicht in Frage – die erreiche man eben höchstens mit Straßensozialarbeit, wie Gangway sie praktiziert.

„Diese Lösungen gefallen mir bisher nicht“, sagt Abel. Konzepte wie der Common Place, dessen Be­woh­ne­r:in­nen sich formal als Verein gründen sollen, um sich gegenüber dem Außen autonom vertreten zu können, und die dann dort noch Repair Cafés und Urban Gardening und einen Weihnachtsmarkt machen sollen, seien für viele zu voraussetzungsvoll. „An diesem Arbeitsauftrag könnte auch eine Gruppe von acht Aka­de­mi­ke­r:in­nen leicht scheitern“, meint er.

Abel kritisiert auch, dass die Sicherheit der einen eine größere Unsicherheit für die, die dort nicht reinpassen, bedeuten könnte: So sei in einer An­woh­ne­r:in­nen­ver­samm­lung an der Frankfurter Allee etwa versichert worden, dass andere Obdachlose im Umfeld der neuen Safe Places dann nicht mehr geduldet werden, damit es nicht „zu viele“ würden. „Das könnte dazu führen, dass Safe Places die Sicherheit der Menschen verringern, die dort nicht reinpassen und sich daher doch wieder woanders niederlassen.“

Auch bei der Berliner Obdachlosenhilfe seien sie zumindest verwundert gewesen über die Pläne für Safe Places, wie sie auch bei der fünften Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe im Juni vorgestellt worden waren. „Die, die die Safe Places konzipiert haben, haben offensichtlich keine Ahnung, wie es obdachlosen Menschen geht, wenn sie denken, dass die da Urban Gardening machen“, sagt Heinz Waldow, der sich ehrenamtlich bei der Obdachlosenhilfe engagiert.

Der derzeitige Safe Place am Containerbahnhof sei nur die „Vorstufe“ für die eigentlichen Pläne, sagt Ulrich Neugebauer von der Stadtmission der taz. Eigentlich solle man den Begriff noch gar nicht verwenden. Was weiter geplant ist, stellte Florian Michaelis von der Ar­chi­tek­t:in­nen­grup­pe Urban Beta auf der Wohnungslosenkonferenz Anfang Juni vor. Urban Beta hat das Konzept zusammen mit der Stadtmission entwickelt. Unter anderem wurde dabei eine Simulation gezeigt, wie der zukünftige Platz einmal aussehen könnte: Abgebildet waren mehrstöckige Holzcontainer und eine Parkanlage im urban-modernen Design. Ein Passant mit Fahrrad schießt ein Foto, ein älterer Herr zeigt auf einen der Container, ein hip gekleidetes Paar sitzt auf einer Parkbank und liest ein Buch. Die „Antifaschistische Vernetzung Lichtenberg“ kommentierte auf Twitter, die Pläne sähen aus wie ein „Yuppie-Ferienlager“. Nun würden selbst Obdachlosenunterkünfte zur Gentrifizierung beitragen.

Katze beim Safe-Place-Konzept

Dabei hatten die Be­woh­ne­r:in­nen des Containerbahnhofs bereits ein eigenes Konzept für einen Safe Place ausgearbeitet. Darin hieß es, man wolle sich „nicht ein weiteres Mal in die Ungewissheit verdrängen lassen“, sondern „die Sicherheit haben, unser Leben selbstbestimmt gestalten zu können“. Hierzu gaben sich die Be­woh­ne­r:in­nen klare Regeln wie etwa Mietzahlungen, das Verbot offenen Feuers, Lärmschutz, eine nachhaltige Nutzung oder die klare Begrenzung der Personenzahl auf dem Gelände. Auch eine „Safe Place-eigene Katze“ zur Bekämpfung der Rattenproblematik war Teil des Konzepts. Auf dieses Konzept aber ging Michaelis von Urban Beta bei der Präsentation der eigenen Pläne auf der Wohnungslosenkonferenz nicht ein.

Lange drehte sich die Safe-Places-Debatte um Orte wie die Rummelsburger Bucht oder auch die Kreuzberger Cuvry-Brache an der Spree, wo sich 2012 nach Protesten mit Zelten gegen Bebauungspläne ein regelrechtes Dorf aus zusammengezimmerten Hütten entwickelt hatte, in dem zwischenzeitlich bis zu 200 Menschen lebten. Begriffe wie „Slums“ oder „Favelas“ fielen da.

Die Cuvry-Brache wurde 2014 nach einem Brand geräumt, das Areal ist inzwischen bebaut. Aber der erbitterte Kampf, der hier um den – von einigen als Freiraum, von anderen als Schandfleck bezeichneten – Ort geführt wurde, hallt auch heute noch nach.

Ein Platz in bester Spreelage

Um Safe Places hat es sich bei der Cuvry-Brache und der Bucht allerdings nie gehandelt. Sie waren weder entsprechend anerkannt noch ausgestattet. Die Brache damals entstand, weil sich die Menschen den Platz in bester Spreelage einfach genommen hatten – das steht eher im Gegensatz zu der jetzigen Idee, Orte zu benennen, auf denen sich dann Menschen niederlassen dürfen. An der Rummelsburger Bucht hatte der Bezirk zwar zwischenzeitlich damit begonnen, Toiletten aufzustellen und den Müll regelmäßig abzuholen. Doch weder die Toiletten noch die Müllentsorgung blieben dauerhaft, auch aus der Befürchtung heraus, dass dies weitere Be­woh­ne­r:in­nen anziehen könnte. Letztlich wurde die Rummelsburger Bucht in einem kontroversen Polizeieinsatz im Februar von der Polizei geräumt.

Bei aller auch aktivistischer Unterstützung für Brache und Bucht stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, ob sich diese beiden Orte überhaupt als Vorbilder für Safe Places eignen. So große Lager entsprächen eher nicht den Bedürfnissen obdachloser Menschen, die meisten würden, wenn sie wählen könnten, eher in kleineren Gruppen zusammenleben wollen.

„Solche Orte entstehen, weil die Menschen sonst überall verscheucht werden“, sagt etwa Sozialarbeiter Abel von Gangway. „Wenn die Bezirksämter flächendeckend toleranter wären, dann würden die Lager gar nicht so groß werden“, meint er. Aber der Verdrängungsdruck sei groß: „Wenn sich zwei, drei Menschen irgendwo niederlassen, kann es sein, dass mehr dazukommen. Und dann ist der Ort auch schon schwerer zu räumen“, so Abel. Daher würden einige Bezirke schon bei vereinzelten Zelten nervös: keiner wolle die nächste Rummelsburger Bucht bei sich haben. Wer die Idee der Safe Places ernst nehme, der müsste daher auch berlinweit rund 200 solcher Plätze einrichten.

Doch wären 200 Safe Places im Stadtgebiet tatsächlich Freiräume oder eher die Kapitulation vor dem Elend? Dies wirft Fragen auf, die seit der Diskussion um die Cuvry-Brache in der Luft liegen. Denn die derzeitigen Unterbringungsmöglichkeiten bewahren Menschen nicht unbedingt vor dem Elend, das wäre dann nur versteckter.

Viele Menschen, die auf der Straße leben, täten das ja nicht, weil das ihr Lebensentwurf ist, betonen auch Hilfsorganisationen immer wieder – sondern weil oft die Unterkünfte, die ihnen angeboten werden, nicht akzeptabel seien. „Wenn man es schafft, die Menschen vernünftig und würdig unterzubringen, dann kommt ein Teil der Menschen schon von der Straße. Und den anderen, die aus welchen Gründen auch immer nicht willens oder nicht fähig sind, eine Wohnung zu beziehen, denen kann man dann auch den Raum geben, wo sie leben können“, sagt auch Abel.

Dabei würde dann am Ende auch Solidarität aus der Stadtgesellschaft helfen. „Es beschweren sich immer die, die sich gestört fühlen. Wenn sich auch mal die beim Bezirk melden würden, die sagen, dass sie obdachlose Menschen als ihre Nachbarn sehen, das könnte das schiefe Bild bei den Bezirken korrigieren.“

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