Obdachlosenzählung in Berlin: Gut versteckt

Bei der Obdachlosenzählung in Berlin trafen viele Freiwillige wenig Obdachlose an. Sie wollten nicht gezählt werden. Ein ambivalentes Projekt.

Unter einer Bahnbrücke in Berlin, Ostbahnhof, stehen Habseligkeiten von Obdachlosen

Der Berliner Ostbahnhof Foto: Peter Meißner/imago

BERLIN taz | Ein komisches Gefühl konnte man schon im Vorfeld bekommen, als eine der Freiwilligen, die sich im Team eine Nacht lang auf die Suche machen sollte, um Obdachlose in Berlin zu zählen und zu befragen. Ein ganzer Packen Fragebogen auf einem Klemmbrett lag bereit, die einzelnen Fragen jeweils in 14 Sprachen übersetzt, alles eher klein gedruckt.

Aber welcher Obdachlose aus Ungarn etwa, nachts im Schlafsack liegend, vielleicht berauscht, vor dessen Augen man dann die Frage mit einer Taschenlampe beleuchten würde: „Meddig nem volt állandó otthonod?“, würde antworten? Wer würde dann auf die Zahlenreihe darunter deuten und verraten, wie viel Monate er oder sie schon ohne feste Wohnung sei?

Wer Erfahrung mit Obdachlosen hatte, dem schwante, dass etwas schieflaufen könnte bei der Befragung Mittwochnacht in Berlin. 2.600 Freiwillige waren ausgeschwärmt, in mehr als 600 „Zählteams“ waren sie mit Klemmbrett und gutem Willen unterwegs.

Als Zählerin, mit einem blauen Leibchen mit der Aufschrift „Nacht der Solidarität“ bekleidet, zog man durch Kleingärten, Parks, Hinterhöfe und Straßen. Menschen in Schlafsäcken, mit Planen bedeckt, die man sonst gerne mal übersieht, wurden zum Objekt der Sehnsucht. Doch es gibt durchaus Obdachlose, die ganz normal auf einer Bank sitzen, auch in der Nacht.

Misstrauen gegenüber Behörden

Vor allem aber hatte sich die Zählung im Auftrag der Berliner Sozialsenatorin herumgesprochen unter Betroffenen. Initiativen wie die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen hatten schon im Vorfeld darauf hingewiesen, dass sehr viele Obdachlose gar nicht gezählt oder befragt werden wollten, schon gar nicht auf ihren Schlafplätzen. Das Misstrauen gegenüber Behörden ist groß.

Und so stapft das fünfköpfige Team, die Mehrzahl Frauen, durch die Nacht im bürgerlichen Berlin-Friedenau. Es ist mild für Januar. In den Kleingärten, in denen angeblich oft Obdachlose nächtigen, springen wegen des Teams die Bewegungsmelder an. Ansonsten ist alles dunkel. Die Freiwilligen dürfen nur in öffentlich begehbare Räume, und das ist auch ein methodisches Problem: Wie will man Obdachlose zählen, die nicht erfasst werden wollen, die bestimmte Viertel und Verstecke viel besser kennen als das Zählteam, die sich dann womöglich auf privatem Grund verbergen, der für die ZählerInnen gar nicht zugänglich ist?

Ein freundlicher Sicherheitsmann eines Krankenhauses führt das Team in das Kellergeschoss mit dem Bettenlager. Hier sollen ab und an Obdachlose eindringen, einer hat sich mal in ein Krankenhausbett gelegt. Heute ist alles leer. Wieder draußen, es ist Mitternacht, wird ein älterer Mensch gesichtet, schwankend hinter einer Litfaßsäule. Er weckt die Hoffnung. Als er einen Hausschlüssel zückt und sich einem Hauseingang nähert, ist auch diese Hoffnung dahin.

Zahlen zu niedrig?

Nach drei Stunden Nachtwanderung im netten Team kehrt man zurück: Null Obdachlose gesichtet. Von neun Zählteams in Berlin-Friedenau sind nur zwei Teams insgesamt sechs Obdachlosen begegnet. Vier davon waren angetrunkene Männer vor einem Penny-Markt, die sich gerade mit Wodka eingedeckt hatten, sie ließen sich zählen, zeigten aber keine weitere Auskunftsbereitschaft.

Man überlegt: wo könnte man liegen, schlafen, eindringen und lagern?

Sogar die angestammten Plätze in Unterführungen waren in dieser Nacht verwaist, heißt es. Andere Teams um den Bahnhof Zoo haben höhere Zahlen, liest man. Aber klar, die Bahnhofsmission, das ist ja nun keine höhere Zählkunst.

Die Bilanz der Zählaktion wird von Berlins Sozialsenatorin erst am 7. Februar öffentlich präsentiert, aber die Frage stellt sich schon jetzt: Was, wenn die Zahlen viel zu niedrig sind und eigentlich nur ein Beweis dafür, wie gut sich Obdachlose verstecken können? Sich über die Zählaktion lustig zu machen wäre dennoch zu einfach. In Paris hat das Zählen funktioniert, in New York auch.

Und eins bleibt schon hängen nach so einer Nacht: Man ist durch den bürgerlichen Kiez gelaufen, durch die Parks, Kleingärten, Hinterhöfe, Straßen, hat sich alles angeschaut mit der Überlegung, wo könnte man hier liegen, schlafen, eindringen und lagern? Es waren ein paar Stunden mit den Blicken einer Obdachlosen, wenn auch nur ansatzweise.

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