Nikolaus mit Rute und Mathias Döpfner: Das jährliche Weihnachtsgeschwurbel

In den Medien gibt es gerade wieder richtig viel Gold, Weihrauch und Myrrhe für die pandemiemüde Volksseele. Warum eigentlich?

Ein Tieflader stellt eine Tanne vor dem Kanzleramt auf

Vor dem Kanzleramt: Höchste Ehren für die Colorado-Tanne aus Thüringen Foto: Paul Zinken/dpa

Der Tannenbaum aller Tannenbäume kommt dieses Jahr aus Thüringen. Der Waldbesitzerverband Thüringen hat ihn am Mittwoch ganz offiziell der Kanzlerin Angela Merkel übergeben. Natürlich steht das Ding nicht in Merkels Wohnzimmer. Das wäre vielleicht ein Grund, darüber zu berichten, wegen Bestechlichkeit und so. Die Tanne steht wie jedes Jahr in Berlin vorm Kanzleramt. Neuigkeitswert gleich null. Wenn wir mal davon absehen, dass es sich dieses Jahr um eine Colorado-Tanne handelt.

Warum aber verlieren sich viele Medien jedes Jahr und gefühlt seit der Pandemie besonders im Weihnachtsgeschwurbel? Ist das Gold, Weihrauch und Myrrhe für die pandemiemüde Volksseele? Auf dass wir uns angesichts des fröhlichen Totalschadens der Coronapolitik ein bisschen in Wohlfühlwatte wiegen? Oder übernehmen wir einfach auch hier bloß jeden Bohei aus den USA, wo ja um die Tanne vor dem Rockefeller-Center auch immer ein mediales Großgewese gemacht wird?

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Und es geht wirklich darum, die Idee von Weihnachten und positiver Beständigkeit zu vermitteln. Gerade weil es nicht so dolle läuft. Selbst die Thüringer Wald­be­sit­ze­r*in­nen machen dann doppelt tiefen Sinn. Denn eine der größten Wald­be­sit­ze­r*in­nen ist hierzulande immer noch die Kirche. Und die predigt ja vor allem zu Weihnachten Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Um Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bemühte sich an diesem Mittwoch auch der BDZV. Deutschlands Verlage und Digitalpublisher haben ein Problem. Und das heißt Mathias Döpfner. Der Springer-Chef ist nebenbei auch BDZV-Präsident. Und hat mit seiner länglichen Unterstützung für den geschassten Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und dessen Weltbild seine Zunft gegen sich aufgebracht.

In einer privaten SMS hatte Döpfner geschrieben, Reichelt sei der einzige Journalist, der noch gegen den „neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ aufbegehre. Fast alle anderen Medien seien zu „Propaganda-Assistenten“ verkommen. Was sich schwer nach zu viel Weihrauch unterm Tannenbaum anhörte, war natürlich ironisch gemeint. Sagt Döpfner.

„Leugnen gilt nicht“, meint die Mitbewohnerin. „Alle konnten sehen, wie seine Hände in die diverse und gut gefüllte Plätzchendose griffen, um die DDR-Kekse zu vernaschen.“

Außerdem funktioniert Ironie in den Medien nicht so super. Schon gar nicht zur bevorstehenden Weihnachtszeit. Nun wackelt Döpfner wie eine olle Christbaumspitze. Aber weil Weihnachten ist, kommt zwar vorher vielleicht der Nikolaus ein bisschen mit Rute aus dem Thüringer Wald. Aber dann auch bestimmt die ganz große Versöhnung unter der Colorado-Tanne.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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