Newcastle United bekommt neuen Eigner: Lieber Bolzplatz als Stadion

Der saudiarabische Staatsfonds hat Newcastle United übernommen. Warum die Kommerzialisierung des Profifußballs eine Chance für Fans ist.

Ein Junge trägt einen Ball unter dem Arm

Echte Fußballer kicken auch mit solchen Bällen Foto: Mika Volkmann/imago images

Mit fünf Jahren bin ich zu meinem ersten Fußballtraining gegangen. Mit dem Gedanken an das abendliche Training habe ich dann viele sechste Schulstunden überstanden. Größeres als den Spieltag am Wochenende gab es nicht.

Auch wenn gerade kein Training oder Spieltag war, Fußball war immer für einen da: Bolzplatz gegen die Tristesse des Dorflebens; Bolzplatz, wenn in den Schulferien die Zeit stehen geblieben zu sein schien; Bolzplatz, wenn Bolzplatz gerade angenehmer war als zu Hause. Und dann ist da noch dieses egalitäre Moment: Egal, woher du kommst, egal, wie viel du hast, egal, wer deine Eltern sind: Auf dem Platz sind wir alle gleich. Über Sieg und Niederlage entscheiden nicht Faktoren, für die man selbst nichts kann, weil man in sie hineingeboren wird und die trotzdem ein Leben bestimmen.

Während viele diesen Fußball wiedererkennen werden, gibt es einen anderen Fußball, der sich immer mehr von ersterem Fußball entfernt, obwohl er von dessen Versprechen lebt. Das ist kein neues Phänomen, aber in diesem Monat wurde es um ein Beispiel reicher: Für 350 Millionen Euro hat der saudi-arabische Staatsfonds PIF unter Führung des Kronprinzen Mohammed bin Salman, dem der Mord am Journalisten Jamal Khashoggi zugerechnet wird, den Premier-League-Klub Newcastle United übernommen.

Fantum nicht von Reichtum untergraben lassen

Zynisch: Die Premier League hat dem Deal zugestimmt, weil das Konsortium, das Newcastle übernimmt, versichert, nicht unter der Kontrolle Saudi-Arabiens zu stehen – obwohl der saudische Anteil am Konsortium von 80 Prozent für sich spricht.

Wer nun nach protestierenden Fans sucht, findet feiernde: Sie schwenken Saudi-Arabien-Flaggen und verkleiden sich für den Stadiongang als Scheichs. „Um im heimischen und europäischen Fußball erfolgreich zu sein, müssen Klubs heute leider sehr wohlhabende Besitzer haben“, sagt der Fansprecher Lee Forster dem Kicker. Als „unglaubliche Fangemeinde“ werde man aber nicht zulassen, „dass die Geschichte und Kultur unseres stolzen Arbeiterklubs von diesem noch nie da gewesenen Reichtum untergraben wird“.

Letzteres darf man bezweifeln, ersterem kann man zustimmen. Weshalb man sich als Fußballfan über die neuste Übernahme freuen sollte, statt sich in gewohnter Manier über Kommerzialisierung zu erregen. Im Profifußball muss man wie in anderen Branchen wettbewerbsfähig bleiben, um nicht unterzugehen.

Kein Problem mit Kommerzialisierung?

Es geht hier nicht um den guten Willen, einen wie auch immer gearteten Fußball wie auch immer zu erhalten. Es geht um strukturelle Zwänge des Kapitalismus. Auch wenn so vernünftige Menschen aus dem Profifußball wie Freiburg-Trainer Christian Streich zur Newcastle-Übernahme in sympathischem badischen Dialekt so vernünftige Sätze sagen wie: „Da muss ich sagen, wenn die Leute damit ein Problem haben, dann kann ich mich zu diesen Leuten dazuzählen“.

Ich sehe das anders. Soll der Profifußball doch eine Blase sein, damit er den anderen Fußball in Ruhe lässt. Soll er sich endgültig in den Tod kommerzialisieren, damit mein, damit unser Fußball leben kann.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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