„New York Times“ und die Wahl: Mut zur Ambivalenz

Die „New York Times“ bricht mit ihrer Tradition. Sie unterstützt dieses Jahr gleich zwei demokratische Präsidentschaftskandidatinnen.

Amy Klobuchar hält eine Rede und mach das Victory Zeichen

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Amy Klobuchar Foto: Nati Harnik/dpa

Alle vier Jahre wieder wird es von der amerikanischen Politik- und Medienöffentlichkeit mit Spannung erwartet: das sogenannte Endorsement der New York Times. Ein Ausschuss aus leitenden Re­dak­teu­r:in­nen empfiehlt in einem Leitartikel diejenige Person aus dem Be­wer­be­r:in­nen­um­feld der Demokratischen Partei, die er – nach ausführlicher Befragung – für am geeignetsten hält, ins Weiße Haus einzuziehen.

Wen interessiert’s, könnte man fragen? Die New York Times hat zwar inzwischen mehr als fünf Millionen Di­gi­tal-­Abon­nen­t:in­nen. Außerhalb großstädtischer Akademikermilieus aber wird sie kaum gelesen, erst recht nicht unter Trump-affinen Wäh­le­r:in­nen.

Allerdings: In diesem Jahr ist vieles anders. Nicht nur konnte sich die Redaktion nicht auf eine Kandidatin festlegen, sondern empfiehlt erstmals zwei Frauen – Amy Klobuchar aus Minnesota und Elizabeth Warren aus Massachusetts –, auch die Reaktionen auf die Verkündigung dieses „Bruchs mit der Tradition“ ließen tief blicken.

„Wenn nicht mal die NYT eine Vision für Amerika formulieren kann, dann sollte sie auch keine Kandidatin empfehlen“, schrieb eine Twitter-Userin. Die Zeitung bekommt heftige Kritik für ihr Argument, mit Klobuchar eine eher als moderat geltende Kandidatin und mit Warren eine Vertreterin der demokratischen Linken empfehlen zu wollen.

Es gibt nicht die eine Person, die Trump schlagen kann

Dabei ist Kompromissfähigkeit tatsächlich das, worauf es jetzt ankommt. Die Redaktion legt mit ihrem Votum offen, dass es eben nicht die eine Person gibt, die Trump schlagen kann, wenn sie nur hart genug kämpft – ein linker Wunschtraum, den besonders Bernie Sanders nur zu gern befeuert –, sondern dass Inhalte, strategisches Geschick und vor allem Anbindungsfähigkeit eine größere Rolle denn je spielen.

Klar kann am Ende nur eine nominiert werden. Dann aber sollte es doch „die Beste“ sein, wie die NYT schreibt, und nicht der Lauteste. Das kann man als Hilflosigkeit geißeln – oder aber den notwendigen Mut zur Ambivalenz anerkennen.

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ist freie Korrespondentin in den USA und war bis Anfang 2020 taz-Redakteurin im Ressort Meinung+Diskussion. Davor: Deutsche Journalistenschule, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag, Literatur- und Politikstudium in Bamberg, Paris und Berlin, längerer Aufenthalt in Istanbul.

Am 3. November 2020 haben die USA einen neuen Präsidenten gewählt: Der Demokrat Joe Biden, langjähriger Senator und von 2009 bis 2017 Vize unter Barack Obama, hat sich gegen Amtsinhaber Donald Trump durchgesetzt.

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