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Neurodivergent in BerlinZwischen Weitwinkel und Teleobjektiv

Die Neurodivergent Pride in Berlin zeigt, dass Verschiedenheit keine Störung der Ordnung ist, sondern eine ihrer schönsten Möglichkeiten.

Es riecht nach Lindenblüten, als sich am späten Samstagnachmittag rund fünfzig Menschen am Landwehrkanal beim Prinzenbad versammeln. Die Sonne blinzelt durch die Wolken, nur um wenige Minuten später von heftigem Regen verdrängt zu werden. Kaum eine Wetterlage würde besser zur Neurodivergent Pride passen, die fünf Kilometer am Landwehrkanal entlang bis zum S-Bahnhof Treptower Park gehen soll: Vielfalt ist keine Störung, sondern eine Bereicherung.

Organisiert wurde die zweite Neurodivergent Pride von Neurodivergent Berlin, einer ehrenamtlich getragenen Community. Fast wöchentlich organisiert die Gruppe Buchclubs, Spieleabende und gemeinsame Ausflüge. Im Herbst steht bereits das dritte Neurocinema Filmfest an. Eine Diagnose braucht hier niemand, Selbstidentifikation genügt. Es geht um Akzeptanz und Selbstbestimmung – das Recht, anders wahrzunehmen, zu denken und zu kommunizieren und trotzdem nicht ständig für blöd erklärt zu werden.

Entlang des Kanals schiebt sich die kleine, international besetzte Pride durch einen Berliner Sommerabend wie aus dem Bilderbuch. Links und rechts sitzen Menschen vor Cafés, Espressotassen auf wackligen Tischen, Hunde unter Stühlen, Fahrräder an Laternen. Auf dem Wasser ziehen Schwäne und Enten vorbei, und immer wieder bleiben Pas­san­t*in­nen stehen, lächeln, nehmen Flyer entgegen.

Schule sei ein Albtraum gewesen. Oft habe er gar nicht hingehen können

Michael, ein zurückhaltender Mann Ende dreißig, der in Tschechien aufgewachsen ist und nach einem Studienaufenthalt in Berlin vor ein paar Jahren nun wieder in der Stadt lebt, läuft zum ersten Mal mit. „Schon als Kind habe ich gewusst, dass ich anders bin“, erzählt er. Die Schule sei ein Albtraum gewesen. Oft habe er gar nicht hingehen können. Heute arbeite er zum Glück größtenteils im Homeoffice.

Jeder fünfte bis sechste ist betroffen

„Ich weiß schon lang, dass ich neurodivergent bin“, sagt auch Michelle, die in Süddeutschland groß wurde, Anfang dreißig ist, die erst vor Kurzem eine ADHS-Diagnose erhalten hat. „Aber wie tief das eigentlich reicht, habe ich erst in den letzten Jahren verstanden.“ Wie viele der Teilnehmenden beschreibt auch sie ihre Erschöpfung in einer Welt, deren Regeln von neurotypischen Menschen geschrieben wurden. Man lernt, zwischen den Zeilen zu lesen, die passende Reaktion im richtigen Moment zu zeigen. Nach außen wirkt es mühelos, nach innen eher wie Simultandolmetschen ohne Pause. „Darum ist es so wichtig, Schutzräume wie diese Pride zu haben“, sagt Michelle.

Neben Michelle läuft Anna aus Warschau, Mitte dreißig. Grüner Lippenstift, selbstbewusster Blick, auf ihrem Transparent steht: „ADHS + Bipolar“. Sie spricht offensiv über ihre Diagnosen. In der Schule sei sie stigmatisiert worden, erzählt sie, und arbeiten könne sie derzeit nicht. Umso wichtiger seien die Netzwerke geworden, die sie in Berlin gefunden habe. „Hier verstehen die Leute sofort, wovon du sprichst.“

Doch was bedeutet Neurodivergenz überhaupt? Die am häufigsten zitierte Schätzung geht davon aus, dass jede fünfte bis sechste Person neurodivergent ist. Darunter fallen unter anderem ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie und Tourette. Gleichzeitig steigen die Diagnosen seit Jahren deutlich an, besonders bei ADHS und Autismus. Viele mit weniger stereotypen Ausprägungen bleiben trotzdem unerkannt.

Als stilles Mädchen mit guten Noten sei sie lange unter dem Radar geblieben

Die Bewegung wächst. Immer mehr Hochschulen richten Beratungsstellen ein, selbstorganisierte Gruppen entstehen. Bücher und Accounts von Personen wie der australischen Neu­ro­di­ver­si­täts­ak­ti­vis­t*in Sonny Jane Wise, der Unternehmerin Milena Glimbovski oder der Musikerin Judith Holofernes werden tausendfach gelesen und geteilt. Überall entstehen neue Banden.

Lange unter dem Radar geblieben

Selin, eine filigrane junge Frau aus der Türkei, gehört zum Organisationsteam der Pride. Auf ihrem bunten Plakat prangt die liegende Acht, die für die unendlichen Möglichkeiten menschlichen Denkens steht. Auch Selin habe immer gewusst, dass sie anders sei. „Eine Diagnose brauche ich dafür nicht“, sagt sie. Als stilles Mädchen mit guten Noten sei sie lange unter dem Radar geblieben. Heute hilft sie mit, die Berliner Community zusammenzuhalten.

Autismus und ADHS, erklärt sie, würden oft missverstanden – die meisten hätten dabei noch den hyperaktiven Jungen aus der Schule im Kopf. Tatsächlich könne man sich ADHS eher so vorstellen, als wäre im Gehirn eine Art Weitwinkelobjektiv eingebaut. Alles gleichzeitig drängt ins Blickfeld: das Gespräch am Nebentisch, die Idee von gestern, die Taube auf dem Geländer. Autistische Gehirne arbeiten dagegen eher mit einem Teleobjektiv. Der Fokus wird scharf, Details und Muster treten hervor, die anderen entgehen.

Vorbei geht es an Uferwegen, auf denen Jog­ge­r*in­nen abbremsen, Rad­fah­re­r*in­nen klingeln und dann doch freundlich ausweichen. Ein Mann bleibt mit seinem Bier in der Hand stehen und liest einen Flyer so konzentriert, als sei er in ein Seminar geraten. Tina und Mörs sehen aus, als kämen sie direkt von einem Rockkonzert. Auf ihren T-Shirts steht „Neurodivergent Universe“ und „AUDHD“, was für die Doppeldiagnose Autismus und ADHS steht. Beide sind zum ersten Mal bei einer Demo dieser Art. Tina, Anfang fünfzig, hat auch nie eine Diagnose erhalten, ist sich aber sicher, dass ADHS ihr Leben geprägt hat. Laut, störend, ständig krank – so die freimütige Zusammenfassung ihrer Kindheit.

Fast zwangsläufig landet auch dieses Gespräch bei der Schule. Die Forschung sagt zwar nicht, dass deutsche Klassenzimmer Lernverhinderungsmaschinen sind, aber sie deutet beharrlich darauf hin, dass Menschen besser lernen, wenn sie neugierig sein dürfen, wenn sie selbst entscheiden können, wie Tina es ausdrückt. Für viele neurodivergente Menschen ist Schule deshalb der erste Ort, an dem sie lernen, dass mit ihnen angeblich etwas nicht stimmt. Dabei wäre es ein Leichtes, sich auf sie einzustellen. Viele von ihnen entwickeln Superkräfte wie unfassbares Expertenwissen oder Hyperfokussierung, wenn man sie einfach lässt.

Angststörungen und Depressionen

Tina weiß viel darüber – und auch über Komorbiditäten, jenes wissenschaftliche Wort für die Kosten eines Lebens in der falschen Umgebung. Bei autistischen Erwachsenen beispielsweise liegen Angststörungen bei etwas über 40 Prozent, Depressionen bei etwas unter 40. Die Zahlen erzählen weniger von Defekten als von Menschen, die „zu lange in Räumen funktionieren mussten, die nie für sie gebaut wurden“, so Tina.

Die Kosten eines Lebens in der falschen Umgebung sind hoch: Die Folgen können Angststörungen und Depressionen sein

Im Laufe des Abends wird immer deutlicher, warum diese Leute ihre eigene Pride veranstalten. Während anderswo zielorientiertes Networking betrieben wird, wird hier zwanzig Minuten begeistert über sensorische Überlastung doziert, über Spezialinteressen oder die Frage, ob Schwäne eigentlich unterschätzt werden. Die Gruppe wirkt maximal fokussiert und komplett abschweifungsgefährdet. Erstaunlicherweise funktioniert das hervorragend.

Denn bei dieser Pride ist das Gegenteil von Ordnung nicht Chaos, sondern visionäres Denken, Kreativität, Verständnis und Fürsorge. Als die Gruppe schließlich den Treptower Park erreicht, sind die Wiesen quietschnass. Kein Problem: Die Or­ga­ni­sa­to­ri*n­nen sind vorbereitet. Sie haben Plastikplanen dabei.

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