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Neun weitere Jahre Haft für Nawalny Realität in Anführungszeichen

Kommentar von

Inna Hartwich

Mit dem neuen Urteil gegen Alexei Nawalny versucht die russische Justiz nicht einmal mehr den Schein der Rechtsstaatlichkeit beizubehalten.

I m Russland dieser Tage ist die Suche nach Worten groß. Oft endet dieses Forschen und Austarieren in der Verwendung von Anführungszeichen, weil die Begrifflichkeiten für das Beschreiben der Welt entstellt sind, weil ihnen der Sinn durch das Gebaren des Moskauer Regimes genommen ist. Der Krieg in der Ukraine heißt nicht „Krieg“, zivile Opfer der Kämpfe sind keine „zivilen Opfer“. Und auch der Prozess gegen den russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny ist kein „Prozess“.

Er ist eine Farce in einer Aula hinter den Mauern einer Strafkolonie in der russischen Provinz. Hier gleicht die Anklageschrift dem Urteilsspruch, hier gelten selbst die Aussagen von Kronzeugen der Staatsanwaltschaft als nicht beachtenswert, weil sie lediglich „persönliche Meinung“ seien. Nicht einmal Alltagskleidung darf der Angeklagte tragen. Nawalny kommt als Häftling auf die schnell eingerichtete Richtbühne, und er bleibt Häftling. Neun weitere Jahre lang. Reale Jahre, ganz ohne Anführungszeichen.

Mit dem erneuten Urteil gegen den ungebrochenen Oppositionspolitiker zeigt die russische Justiz, dass sie nicht mehr bereit ist, auch nur den Anschein von Rechtsstaatlichkeit zu wahren. Der Erzfeind des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wie überhaupt der politischen Elite im Land, soll einfach verschwinden. Wie, ist den brutalen Bestrafern egal.

Alles, was das offizielle Moskau nicht hören und ertragen kann, wird derzeit nach und nach aufgelöst. Andersdenkende nennt Putin „Verräter und Abschaum“ und gibt die Jagd frei auf all jene, die sich weigern, in einem Regime der Lügen zu leben.

Seine Handlanger verteilen bereits Sticker an den Haustüren von Kritiker*innen. „Hier wohnt ein Verräter“, steht darauf. Die Repression nach innen nimmt ungebrochen zu.

Das Urteil gegen Nawalny, der nach dem russischen Angriff auf die Ukraine von einem Zerfall seines Landes spricht, passt in die hasserfüllte Rhetorik eines Regimes, das aus einer umgedeuteten Parallelrealität heraus handelt, nicht nur in der Ukraine.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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2 Kommentare

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  • 4G
    49272 (Profil gelöscht)

    Er hat keine Lobby und wird behandelt wie Assange! Wo ist der Unterschied der Systeme?

    • HP-muc

      @49272 (Profil gelöscht):

      Unterschied der Systeme: Über Assange darf berichtet und gesprochen und für ihn demonstriert werden. Und eine Lobby haben beide. Der Unterschied liegt am staatlichen Druck auf die jeweiligen Lobbys