piwik no script img

Neues Stadtmuseum in OldenburgEin kontaktloser Ort für alle

Oldenburg hat sich ein neues Stadtmuseum geleistet, das zum Nachdenken über die Stadt anregen soll. Wie nötig das ist, sieht man vor der Tür.

Der Begriff Museumsinsel ist typisch für diese kleine Großstadt, die sich etwas größer fühlt als sie ist. Darauf weist schon die amtliche Bezeichnung „Oldenburg (Oldb.)“ hin: Oldenburg in Oldenburg. Weil das mal ein eigenes Land war und Oldenburg die Hauptstadt.

Gemeint ist mit der Museumsinsel das Ensemble am nördlichen Rand der Innenstadt. Die besteht aus dem Horst-Janssen-Museum – gewidmet dem druckgrafischen Werk des in Oldenburg aufgewachsenen Künstlers –, zwei historischen Villen des Mäzens Theodor Francksen – der Keimzelle des Stadtmuseums –, und dem Neubau, der nun an Stelle des 1968 errichteten Vorgängerbaus eröffnet wurde.

Museumsinsel – das klingt groß und ist es für Oldenburger Verhältnisse auch. Ein eigenes Museumsquartier, aber eine Insel nur insofern, als sie von der Kernstadt durch eine fünfspurige Straße abgetrennt ist, die sinnigerweise „Am Stadtmuseum“ heißt. Ein Wall aus Betonrandsteinen und Straßengestrüpp in ihrer Mitte macht sie zu einer echten Barriere vor dem Museum.

Offene Wunde in der Stadt

Der Neubau nach Plänen der Architekturbüros GME aus Achim und JES aus Bremen ist ein turmartiger Viergeschosser mit hellgrauer Ziegelfassade, die sich Sedimentschichten gleich nach oben hin aufbaut. Wird nebenan die neue Zentrale einer lokalen Versicherung fertig, soll davor ein Platz entstehen. Hier wird deutlich, wie sehr der öffentliche Raum Oldenburgs an dieser Stelle gelitten hat unter der Schaffung der autogerechten Stadt. Da ist viel Asphalt, da ist viel Motorgebrumm, das ist eine offene Wunde, die man beseitigen müsste, um wirklich etwas Neues entstehen zu lassen.

Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) weicht der Nachfrage aus: Das sei eine der meistbefahrenen Straßen der Stadt, daran werde sich so bald nichts ändern. Na ja, im September scheidet er aus dem Amt, aber wäre in zwölf Krogmann-Jahren nicht mehr drin gewesen, um Stadträume der Autokratie zu entziehen? Wenn weniger Autos durch die Stadt führen, dann wäre das nicht mehr die meistbefahrene Straße der Stadt, sondern könnte eine Zone werden, die Menschen aus der Kernstadt selbstverständlich zum Stadtmuseum rüberdiffundieren lässt.

Das Museum soll zum Nach- und Mitdenken über Stadt einladen. Man wird sich, darüber freut sich Leiter Steffen Wiegmann besonders, vom Erdgeschoss bis zu den Aussichtsplattformen und einem „Denk- und Kreativraum“ im 4. Obergeschoss aufhalten können, ohne in Kontakt mit einem Museumsmenschen treten zu müssen.

Das Museum könnte tatsächlich ein dritter Ort werden – anders als das kommerziell betriebene Stadion, das die Stadt sich gerade genehmigt hat

Damit will er nichts Schlechtes über seine Kolleginnen und Kollegen sagen, sondern den Ort definieren als einen echten sogenannten dritten Ort. Ganz anders als das neue Fußballstadion, dessen Bau der Stadtrat gerade beschlossen hat und den sich SPD-Ratsherr Ulf Prange, der im Herbst Krogmanns Nachfolger werden will, ebenfalls als dritten Ort schönredet.

Das Museum könnte wirklich so ein Treffpunkt werden, die Lobby mit Sitzlandschaft, das Café, der Garten – ein Ort, der Aufenthaltsmöglichkeit bietet, Austausch und Miteinander, Platz für ein Nickerchen, offen für die Öffentlichkeit. Eintritt wird erst fällig, wenn man die Schauräume betreten möchte.

Die Schauräume könnten der Dachboden der Stadt sein, in dem über die Jahrhunderte vieles abgestellt wurde, ein Gewusel an Objekten – aber schlüssig sortiert entlang der Fragen „Was ist Stadt?“ und „Wer macht Stadt?“

Man kann einiges lernen über Oldenburgs Werden von einer Rundburg namens Heidenwall über die Grafenstadt des legendären Anton Günther, den sie entschiedener hätten dekonstruieren können; die Dänenzeit, die Gauhauptstadt der Nazis – bis hin zu einem Ort, an dem Bürgerinitiativen einen Autobahnzubringer verhinderten und so den Schlossgarten retteten.

Nirvana und Erbsensuppe

Oldenburger werden vieles finden, was sie kennen, lange nicht oder noch nie gesehen haben – die Leuchtreklame der Fleischerei Monse, wo sie früher ihre Erbsensuppe aßen, ein Ticket für das legendäre Konzert der damals gerade noch unbekannten Band Nirvana 1989 in einem Kulturzentrum, den Grundstein der von den Nazis zerstörten Synagoge, den Schlüssel eines aus Syrien geflüchteten Oldenburgers zu seinem zerbombten ehemaligen Zuhause.

In einer Musikbox voller Songs mit Stadtbezug verballhornt die lokal bekannte „Flower Street Jazz Band“ die peinliche Hymne „Heil dir, o Oldenburg“. Besser hat man dieses Liedchen aus der Feder der Großherzogin Cäcilie nie gehört. Zugleich ist das schönste Selbstironie, denn genau diese Hymne erklingt täglich völlig ironiefrei am Rathaus, dargeboten von einem Glockenspiel, das sich die Stadt 1995 zum Stadtrechtejubiläum gegönnt hatte.

Eröffnungswochenende

Der Neubau des Stadtmuseums mit einem umfangreichen Programm am 6. und 7. Juni, jeweils 10-18 Uhr. Eintritt frei

Viel Stoff ist das, um aus dem Gestern in die Zukunft zu denken, vielleicht mit Blick über die Stadt aus dem „Oldenburg-Fenster“ im 3. Stock – Oldenburg, was wirst du weiter für eine Stadt werden? Und was kann man selbst dazu beitragen?

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • "Weil das mal ein eigenes Land war und Oldenburg die Hauptstadt."



    Die Universität sollte erwähnt werden, auch ihre Besonderheiten.



    "Nachhaltigkeitsthemen und -engagement haben in der Lehre, Forschung und im Betrieb der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eine lange Tradition. In Bezug auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist die Universität auf verschiedenste Weise aktiv und nimmt bewusst ihre Vorbildsfunktion für die Region und die Gesellschaft ein. Sei es in der Verwaltung durch die Umstellung auf erneuerbare Energien oder die Bereitstellung von Radstellplätzen oder im Rahmen von Forschungsprojekten sowie der Lehre - das Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist in der ganzen Uni tief verankert. Auch auf der Ebene der Studierenden gibt es eine Vielzahl an Nachhaltigkeitsinitiativen."



    Quelle uol.de



    Und die taz kennt auch ihn:



    taz.de/Oekonom-ueb...spolitik/!6050541/

  • Es gibt in Norddeutschland mehr als ein Oldenburg:



    Oldenburg(Oldb.) und Oldenburg in Holstein fallen mir spontan ein. Von daher ist der Zusatz sinnvoll zur Unterscheidung.