Neues Album von Carla dal Forno: Millennial-Ennui am Abgrund
Carla dal Forno ist eine Meisterin der Songwritingreduktion. Auf ihrem Album „Confession“ treibt die Australierin das Spiel mit dem Runterkochen zu weit.
Bei Carla dal Forno dreht sich alles um Reduktion: Reduzierte Stimme, minimalistisches Instrumentarium, kaum Auflösung. Für ihr Album „Come Around“ hat die australische Künstlerin 2022 sogar ihren Schlaf reduziert. Womöglich war es aber auch die Geburt ihres Kindes, die beigetragen hat zur somnambulen Stimmung, die dal Forno so gekonnt in ihrer Musik in Szene gesetzt hat.
Bei diesem Maß an Verknappung besteht indes die Gefahr, dass am Ende alles versiegt: Vier Jahre bangten Fans von dal Fornos LoFi-Postpunk um ein neues Lebenszeichen. Würde sie gar ihre eigene Karriere runterkochen? Von der Songwriterin zur Radio-DJ?
Badewasser im Fundament
Beim an großen Namen reichen Moderatoren-Line-up des englischen Netzradio-Senders NTS gehören die monatlichen Shows der Australierin nämlich seit Längerem zur Speerspitze.
Man kann dem Musikkritiker Florian Aigner folgen, der in ihrer Radiosendung die Essenz von dal Fornos Musik besser abgebildet sieht als in ihren eigenen Songs. Umso gespannter schaut man nun auf den mittlerweile vierten Langspieler „Confession“.
Carla dal Forno: „Confession“ (Kallista/Cargo);
live: 22. September 2026, Silent Green, Berlin
Die Gratwanderung zwischen Trademark-Sound und altersgemäßem Starrsinn hält an, besonders, da die musikalischen Mittel erneut aufs Nötigste runtergefahren wurden. Man müsste lügen, wenn man dem meist kühlen, skelettierten Postpunk-Klangkosmos unendliche Weiten attestieren würde, denn das Gegenteil ist der Fall.
Dal-Forno-Arrangements fußen oft auf einem Badewasser-warmen E-Bassfundament. Darauf bauen minimal gehaltene Synthesizer-Melodien und schrullige, aber charmante Soundeffekte auf.
Abgerundet wird das dann von nützlichen Drummaschinen und dal Fornos Stimme, die zwischen fragiler Ungeschultheit und saftiger Verhallung einen unheimlich hypnotischen Sog entwickeln kann. Nach drei sehr gelungenen Alben steuert sie mit „Confession“ dennoch auf eine Sackgasse zu, obwohl ihre treue Fancommunity bisher jedes Werk aufs Neue gefeiert hat.
Man rechnete ihr hoch an, dass sie es früher und besser als andere Zeitgenoss*innen verstand, eine Brücke zu bauen zwischen der reservierten Coolness minimalistischer Popbands wie Young Marble Giants und der Transgressivität des Nachtlebens.
Songs mit Toilettenduft
Ihr Songwriting roch verdächtig nach Berghain-Toilette, könnte man sagen. Geadelt wurde das einst vom (Post-)Industrial-Techno-Label Blackest Ever Black, das ihr Debütalbum rausbrachte. „Confession“ schlägt mit dem Auftaktsong „Going Out“ in die gleiche Kerbe – es hätte sich auf allen Vorgängern ohne große Reibung eingereiht.
Das hierauf folgende Titelstück führt hingegen gleich (und erstmalig) eine deutliche andere Soundsignatur ein. Es wird gebummelt. Wie in einem Kinder-Abzählreim spielt dal Forno Hüpfekästchen mit uns, dubbt dabei betulich, Offbeat-Gitarren unterstreichen die pfiffige Wave-Stimmung.
Es wäre aber kein Carla-dal-Forno-Song, wenn er trotz Unschuldsatmosphäre nicht am Abgrund entlangschlurfen würde. Die textliche Ebene gibt sich als Stalker-Pop à la „Every breath you take“. Das wäre saulangweilig, wenn dal Fornos Stalkerin nicht an penetrantem Millennial-Ennui leiden würde.
Indifferente Klänge
Deshalb denkt sie nur „most of the time“ an das Objekt ihrer Begierde. Das grenzt in der Tat an Hintersinn und ist auf ganz reizende Weise sehr bekloppt.
Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Musik indifferent klingt. Die Befreiung vom einstudierten Schema betont eher die Unzulänglichkeiten, die man bereits auf vorherigen Dal-Forno-Werken erkennen konnte (ihr fehlendes Gesangsvermögen zum Beispiel). Sie wurden aber von der klaren Struktur aufgefangen. Die vier Instrumentals überzeugen dieses Mal mehr – noch so eine Reduktion. Die hat Carla dal Forno halt drauf.
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