Neues Album von Zoh Amba: Ein Fluss, ein Gebet und viel Schmerzmittel
Roh, wild, zärtlich: Zoh Amba, non-binäre Saxofonist:in aus den USA, kommt auf dem beflügelnden Folkalbum „Eyes Full“ näher zu sich selbst und der Gitarre.
Mit Worten Geschichten erzählen – das war bisher eigentlich nicht Zoh Ambas Ding. Amba, nichtbinäre US-Saxofonist:in war bislang vor allem Freund:innen des Free Jazz ein Begriff, etwa durch das Debütalbum „O, Sun“ (2022), produziert von keinem Geringeren als dem New Yorker Avantgardekünstler John Zorn. Eindrücklich auch das Bandprojekt Beings, eine Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Steve Gunn, Bassist Shahzad Ismaily und Schlagzeuger Jim White: Psychedelische Sounds treffen hier auf fließende Improvisationen.
Vor allem jedoch machte sich Amba durch eine so intuitive wie dringliche Bühnenpräsenz einen Namen. Für das neue Album „Eyes Full“ hat der/die 26-jährige Künstler:in das Saxofon (weitestgehend) eingetauscht gegen das erste Instrument: die Gitarre. Und entlockt ihr neben grungigem Alt-Rock und Noise-Pop vor allem Folk und Blues – roh, wild und zärtlich.
Was nach Kontinuität und Neuanfang zugleich klingt: Amba dockt an andere Traditionen an, klingt jedoch ähnlich freigeistig wie bei den Jazzexkursionen. Das Saxofonspiel, so heißt es, habe Amba sich selbst im Wald beigebracht. Später studierte Amba zeitweilig an Konservatorien in San Francisco und Boston, konnte sich mit dieser Form der akademischen Wissensvermittlung aber nie anfreunden.
Songs über soziale Abgründe
Nicht nur im Hinblick auf die Instrumentenwahl schließt sich ein Kreis. Ambas melancholische Songs über soziale Abgründe und verpasste Chancen sind zudem inspiriert von Lebensrealitäten in Kingsport, Tennessee, der Kleinstadt in den Appalachen, in der Amba unter schwierigen Bedingungen aufwuchs. Und Zuflucht in der Musik fand: „Instrumentalmusik zu entdecken, war etwas Wunderschönes. Mir wurde klar, wie kraftvoll Klänge sind, wie sie Dinge ausdrücken, die mit Worten nicht zu beschreiben sind.“
Zoh Amba: „Eyes Full“ (Matador/Beggars/Indigo); live 2.11. 2026 Hamburg „Aalhaus“, 3.11. 2026 Berlin „Kantine am Berghain“
Doch nun plötzlich sprudeln die Worte aus Amba heraus. Etwa in Form einer Liebeserklärung an den kleinen Jungen, der im Eröffnungssong „OCD“ eine psychiatrische Diagnose angehängt bekommt („Little boy from Tennessee/ Got diagnosed with OCD/ For dreaming all the time“). Bald wird er nicht mehr derselbe sein. „Dance with me in the sunshine/ Dance with me before they drug our minds“.
Der Fingerpicking-Track beziehe sich zwar nicht direkt auf die Geschichte des eigenen Zwillingsbruders, erklärt Amba im Interview. Doch während der Arbeit an dem Song ging Amba durch den Kopf, was der in seiner Jugend erlebt habe.
Auch ein weiterer Song, das dringliche „Southern Soil“, handelt von Problemen, die eigentlich soziale und psychologische Wurzeln haben, aber pharmazeutisch beantwortet werden. Die dramatische Opioidkrise, die in den USA wütet, ist dafür ein besonders drastisches Beispiel.
Um die Jahrtausendwende nahm sie mit der aggressiven Vermarktung starker Schmerzmittel ihren Ausgang, später eskalierte die Situation durch eine Schwemme illegal hergestellter synthetischer Opioide wie Fentanyl. „Diese Leute haben sich mit harter Arbeit den Buckel krumm gemacht. Und wenn ihnen dann ein Rezept ausgestellt wird, mit dem sie Rückschmerzen lindern können – wer sagt dazu schon nein?“
Schrammelige Gitarrenakkorde
Mit dengelnder Stimme über schrammeligen Gitarrenakkorden singt Zoh Amba von verlorenen Jahren und Quacksalberei: „Take a pill go get lost/ Oh lord, whats the cost of this southern soil, snake oil.“
Natürlich, so Amba, gibt es derartige soziale Problemen nicht nur in den ländlich geprägten Südstaaten, sondern vielerorts. „Aber hier kann ich auf eigene Beobachtungen zurückgreifen.“ Gerade die Menschen im „Bible Belt“, deren Geschichten wenig Aufmerksamkeit bekommen, die nicht die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen, verdienten es, dass man von ihnen erzählt. Ambas Blick auf die Protagonisten ist empathisch, bisweilen nah am Kitsch. Viel ist die Rede von Augen als Spiegel der Seele, vom Streben zur Sonne, ins Licht. Für ein Gegengewicht sorgt der raue Sound.
Entstanden ist „Eyes Full“ mit dem Gitarristen Kevin Hyland und dem Schlagzeuger Jim White (sonst bei der australischen Band Dirty Three unterwegs, aber auch als Sessionmusiker von PJ Harvey, Bill Callahan und Catpower bekannt). Eingespielt wurde live, ohne Overdubs. Die beiden, sagt Amba, seien ihre Familie.
Viel mehr als die Musik von „Eyes Full“ offenbart, gibt Amba jedoch auch im Gespräch mit der taz nicht preis. Näheres über den Songwriting-Prozess herauszufinden, oder auch, wie Amba selbst auf die Entwicklung blickt, erweist sich als zähes Unterfangen. „Ich verstehe, dass die Menschen das neue Album stilmäßig als etwas anderes empfinden. In meinem Herzen fließt jedoch derselbe verdammte Fluss. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen früher und heute“, erklärt Amba.
Auf die Frage, ob Zoh Amba befürchtet, dem kreativen Prozess seine Magie zu nehmen, sich an bestimmte Herangehensweisen gebunden zu fühlen, kommt als Antwort ein Recherche-Tipp. „Du musst Gott im Gebet fragen, warum bei mir passiert, was gerade passiert. Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es sich für mich gerade ziemlich gut anfühlt.“
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