Neueröffnung Deutsche Kinemathek: Mehr Leinwandzeit wagen
Die Deutsche Kinemathek eröffnet ihren neuen Standort im ehemaligen E-Werk. Mit der Installation „Screentime“ geht sie neue Wege der Präsentation.
In Berlin braucht es im Museumsbau einige Geduld. Die Eröffnung des Museums der Moderne wird sich voraussichtlich nur um wenige Jahre verzögern. Die Renovierung des Pergamonmuseums dagegen, nun ja, zieht sich voraussichtlich bis 2043 hin.
Eine weitere Baustelle ist seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, das geplante Filmhaus, das nicht nur der Berlinale zu einem eigenen, repräsentativen Ort verhelfen soll, sondern auch der Deutschen Kinemathek zu einem würdigen Zuhause. Eigentlich ist seit Langem ein Bereich neben dem Martin-Gropius-Bau für diese große Initiative vorgesehen, bevor es jedoch dazu kommt, bezieht die Kinemathek pünktlich zur Berlinale einen neuen Standort, der dezidiert als vorübergehend geplant ist, aber weit mehr verspricht, denn nur ein Provisorium zu sein.
Jahrelang hatte die Kinemathek – zusammen mit der Filmhochschule dffb, dem Arsenal und der Filmbibliothek – einen durchaus repräsentativen Platz am Potsdamer Platz. Auch angesichts der steigenden Mieten wurde jedoch ein Umzug nötig, der nach intensiver Standortsuche ins weniger als einen Kilometer entfernte ehemalige E-Werk führte. Zwischen Wilhelm- und Mauerstraße in Berlin-Mitte liegt auf einem Hinterhof der eindrucksvolle Backsteinbau aus den 20er Jahren, den Nachtschwärmern der 90er Jahre als ein Zentrum der Clubkultur bekannt.
„Screentime“. Deutsche Kinemathek. 23. 1. bis 6. 2. Am Eröffnungswochenende freier Eintritt
Nach behutsamen Umbauten in dem denkmalgeschützten Bau zieht nun also die Kinemathek hier ein, allerdings ohne ihre imposante Dauerausstellung. Angesichts der im Vergleich zum Filmhaus am Potsdamer Platz weniger als ein Drittel großen Ausstellungsfläche musste schmerzlicherweise auf eine Präsentation der Sammlung von Objekten der Film- und Fernsehgeschichte verzichtet werden. Der Schwerpunkt liegt jetzt stattdessen auf den Bildern und der visuellen Präsentation mittels Projektion, was nicht nur dem Zeitgeist moderner Museen entspricht, sondern bei einem Filmmuseum ja auch durchaus Sinn ergibt.
Blick hinter die Kulissen
„Screentime“ nennt sich die Installation, die auf großflächige Gazevorhänge im Ausstellungsraum projiziert wird und in gut 30 Minuten einen Abriss der deutschen Filmgeschichte zeigt. Besonders schön: Neben Ausschnitten aus Filmen von „Der letzte Mann“ über „Münchhausen“ bis „Gegen die Wand“ werden Fotos von den Dreharbeiten der entsprechenden Filme gezeigt, die einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Und damit einen der Ansprüche der Kinemathek erfüllen: den der Vermittlung. Wie entstehen Filme, wie werden sie gedreht, wie werden alte, fragile Filmmaterialien restauriert? Fragen wie diese sollen in Workshops oder Vorträgen erörtert werden, auch in wechselnden Ausstellungen, für die der offene Raum des E-Werks mit seinen vielfältigen Möglichkeiten mehr als geeignet erscheint.
Doch auch die Filme selbst kommen nicht zu kurz: Während der Berlinale wird die Kinemathek einer der Vorführorte für die Retrospektive sein, und auch während des regulären Betriebs hat die Kinemathek nun endlich einen eigenen, zwar kleinen, aber mit Vorführtechnik von analog bis digital ausgestatteten Kinosaal. Zum Auftakt sind dort drei je etwa einstündige Filmprogramme zu sehen, zum Beispiel „Tricks for Kids“ mit meist in den 60er Jahren in der DDR entstandenen Trickfilmen, bald soll es auch regelmäßige abendliche Vorführungen geben.
Die erste größere Sonderausstellung ist ebenfalls schon vorbereitet, ab Mai geht es um „Queer Cinema.“ Bis dahin laden die neuen Räume der Berliner Kinemathek zu einem ersten Blick ein, einige Exponate aus den Archiven sind zu sehen, etwa Kostüme aus „Cabaret“ oder der Trainingsanzug, den Emilio Sakraya in seiner Rolle als Rapper Xatar in Fatih Akins „Rheingold“ trug. Auch ein Besuch in der hervorragend sortierten Filmbibliothek im Haus lohnt.
Für zehn Jahre hat sich die Kinemathek an diesem neuen Standort eingemietet, ob es der Stadt bis dahin gelingt, dem kulturellen und auch wirtschaftlichen Faktor Film ein dauerhaftes Zuhause zu bauen, bleibt abzuwarten.
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