Neue Grundsätze des Springer-Verlags: Wenn Europa über den Kanal geht
Alles halb so wild bzw. eben dem internationalen Medienimperium angepasst – so begründet der Springer-Verlag seine Abkehr von bisherigen Essentials.
B ei Axel Springer ist Freiheit nicht nur ein Wert, sondern unser Leitbild, für das wir einstehen. Wir sind überzeugt, dass Freiheit der Antrieb für Fortschritt ist – wirtschaftlich wie gesellschaftlich und insbesondere im Journalismus“, steht bei den Kolleg:innen aus der Rudi-Dutschke-Straße im Vorwort zu den Springer-Essentials.
Diese fünf Gebote hießen früher mal Verlagsgrundsätze und waren in ihrer ersten Version noch von Verlagsgründer Axel Cäsar höchstpersönlich nach dem ein oder anderen Dornbusch-Erlebnis auf die Gesetzestafeln gemeißelt worden. Heute hat Springer gleich mehrere Propheten, oder zumindest Menschen, die sich wie Ulf Poschardt oder Gabor Steingart dafür halten.
Doch was sie verkünden, ist eher Geschnatter auf der Herrentoilette. Der wahre Moses, der den Medienkonzern ins gelobte Land führen will, ist natürlich Mathias Döpfner. Beim Springer-Vorstandschef fragt man sich allerdings schon seit einer Weile, welche Freiheiten er wohl meint. Die von Rudi Dutschke sind es sicherlich nicht.
Das zeigt sich auch in der Neufassung der Essentials. Denn wo Essential No. 4 bislang lautete, „Wir setzen uns für eine freie und soziale Marktwirtschaft ein“, steht jetzt etwas ganz anderes. „Wir vertreten die Prinzipien der freien Marktwirtschaft“, heißt es nun nur noch kurz und knapp. Die „soziale Marktwirtschaft“ sei „ein deutscher Sonderbegriff“, begründet Springer diese Anpassung. Das kann auch Peter Thiel unterschreiben, womit der libertäre Kurs bei Springer endgültig angekommen ist.
Was verschütt ging
„Oder man nimmt sich die Freiheit, auch Demokratie abzulehnen. Wer will schon Teilhabe von Bürgerinnen und Bürger?“, meint die Mitbewohnerin. Dazu passt auch die Änderung in Essential No 1. „Wir treten ein für Freiheit, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie“, heißt es dort jetzt. Was verschütt ging, war der bisherige Zusatz „und ein vereinigtes Europa“.
Mit Blick auf den Wahlausgang in Ungarn und den Dualismus mit den Trump-USA ist das geradezu absurd-lustig. Nun argumentiert Springer, die Essentials seien auch „im Hinblick auf unsere internationale Mitarbeiterschaft angepasst“ worden.
Genau, schließlich hat sich Döpfner eben für schlappe 660 Millionen Euro den Daily Telegraph gekauft. Das erzkonservative Blatt aus London lebt Anti-Europa aus jeder Pore und war der große Trommler für den Brexit.
Also kann der aktuelle Versuch der britischen Regierung, das Land wieder näher an den europäischen Binnenmarkt zu bugsieren, nur eins bedeuten. „EU-Regeln sollen Großbritannien nach Labour-Plänen aufgezwungen werden“, titelt der Telegraph gerade. Übrigens nicht über einem Kommentar, sondern einem – öhm – ganz sachlichen Bericht.
Weil die Essentials künftig natürlich weltweit und auch für alle Telegraph-Mitarbeiter:innen gelten, hat sich Springer also schon mal die Freiheit genommen, die Leitbilder soziale Marktwirtschaft und Europa übern Jordan gehen zu lassen. Mal sehen, was noch so von den fünf Gebote gestrichen wird.
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