Neue Serie Eldorado KaDeWe: Eine Oase der Freiheit

Die Serie taucht in die lesbische Subkultur der Weimarer Republik ein. Sie könnte neue Maßstäbe für öffentlich-rechtliche Produktionen setzen.

Die beiden Hauptdarstellerinnen bei Eldorado Kadewe halten sich Arm in Arm und schauen in die Kamera

Im Mittelpunkt der sechsteiligen Serie der wilden 1920er: Hedi und Fritzi Foto: ARD Degeto/RBB/Constantin

Imposante Fernsehmehrteiler über geschichtsträchtige Orte des Landes haben sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern als sichere Bank erwiesen. „Das Adlon. Eine Familiensaga“, „Charité“ oder auch die „Ku’damm“-Reihe sind handwerklich mustergültige TV-Produktionen. Sie sind aber auch charakteristisch für eine Programmgestaltung, die auf bequemes Wohlfühlfernsehen setzt und dadurch zwangsläufig behäbig wirken muss. So sind sie gleichsam auch symptomatisch für Entscheidungen, mit denen ARD und ZDF auf Dauer ihren eigenen Niedergang besiegeln.

Konventionell erzählt, erreichen sie zuverlässig ein eingeschworenes Publikum, nicht aber jüngere Generationen, die zusehends zu Streaminganbietern wie Netflix abwandern. Die, anders als das lineare Fernsehen, mit ihrer Vielfältigkeit, ihrer Experimentierfreudigkeit, den Finger am Puls der Zeit haben.

Wenn die ARD nun die Glorie einer weiteren Berliner Institution zelebriert, hätte man eigentlich damit rechnen können, dass dieser Trend damit nur fortgesetzt, die Gräben vertieft werden. Doch „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ ist anders. Zum Glück.

Eine weitere Berlin-Narration

Tatsächlich hat Julia von Heinz („Und morgen die ganze Welt“) ein sechsteiliges Serienjuwel geschaffen, das nicht nur beweist, dass öffentlich-rechtliche Produktionen mit den Streaminganbietern im Hinblick auf Diversität und Kühnheit im Erzählen mithalten, sondern dass sie sie sogar übertreffen können. Denn während gerade Netflix oftmals das Gefühl erweckt, die eigene Wokeness als Verkaufsargument zu benutzen – was bisweilen zu blutarmen Produktionen führt –, dürfte von Heinz mit ihrem Ansatz bei der ARD keine offene Türen eingerannt haben.

Die Leidenschaft, die in dem detailverliebten Projekt steckt und der Wille, endlich neue Geschichten auf die deutschen Fernsehbildschirme zu bringen, sind dem Ergebnis durchgängig anzumerken. Und genau das macht „Eldorado KaDeWe“ so mitreißend, so relevant. Natürlich thront das „Kaufhaus des Westens“ über allem. In den 1920ern wird es als eine Oase des Schönen inmitten der Nachwehen des Ersten Weltkrieges, der Weltwirtschaftskrise und dem heraufziehenden Nationalsozialismus inszeniert.

Harry Jandorf (Joel Basman) möchte das krisengebeutelte Haus zu neuem Glanz führen, wird aber von Kriegstraumata geplagt, die er zusehends mit Alkohol und anderen Drogen betäubt. Georg Karg (Damian Thüne) hingegen ist der arbeitsame, fleißige Geschäftsmann, dem die Leitung von Jandorf Senior (Jörg Pose) bis zur Rückkehr des Sohnes übertragen wurde. Das Verhältnis der beiden jungen Männer changiert zwischen Konkurrenz und Freundschaft – und von diesem Spannungsverhältnis zu erzählen, hätte genügt, um „Eldorado KaDeWe“ in besagte Riege großer Berlin-Narrationen einzureihen.

Damit geben sich von Heinz und ihr Au­to­r*in­nen­team jedoch nicht zufrieden: Harry und Georg, die beide tatsächlich gelebt haben, wird mit Fritzi Jandorf (Lia von Blarer) eine fiktive Schwester beziehungsweise Mitbewerberin um die kreative Vormachtstellung im Luxuskaufhaus an die Seite gestellt.

Lesbische Sexualität im Kino

Fritzi trägt Herrenanzüge, interessiert sich für Poesie und sieht endlich die Zeit gekommen, dass Frauen ein selbstbestimmtes Leben einfordern. Zufällig begegnet sie Hedi (Valerie Stoll), die im Haus als Verkäuferin tätig ist, und sich umgehend von ihrem unbändigen Lebenshunger angezogen fühlt, obwohl – oder gerade, weil – sie in einer ganz anderen Realität zu Hause ist.

Hedi ist Teil des Proletariats, das zuerst ans Überleben denken muss, in dem weder Luxus noch schöngeistige Gedanken Platz haben. Für die eigene materielle Absicherung und die ihrer Schwester Mücke (Neele Buchholz), die das Downsyndrom hat, hält sie an der zweckmäßigen Beziehung zu Buchhalter Rüdiger (Tonio Schneider) fest. Doch so unwahrscheinlich ihre Verbindung auch sein mag, Fritzi und Hedi nähern sich an. Und hier glückt „Eldorado KaDeWe“ ein Kunststück, das beim Erzählen von lesbischen Beziehungen nur äußerst selten gelingt: Die Zartheit ihrer Empfindungen wird einerseits in Gedichten transportiert, die an den lieblich-melancholischen Ton der Lyrikerin Else Lasker-Schülers, der die Serie gewidmet ist, erinnern. Die Ekstase, die die beiden Frauen andererseits miteinander erleben, wird in ebenso ästhetischen wie offenherzigen Szenen dargestellt.

Die Abbildung lesbischer Sexualität ist im Kino eine lange Aneinanderreihung von Ärgernissen. Oft wird sie entweder weitgehend ausgeblendet, als besonders blumig oder aber zweifelhaft freizügig, vom „male gaze“ behaftet, geschildert. Dass es ausgerechnet einer Serie der ARD gelingt, derart wahrhaftig und facettenreich von der Liebe zwischen zwei Frauen zu erzählen, ist für sich genommen schon eine kleine Sensation.

Noch spektakulärer ist die Tatsache, dass die Geschichte durch Hedi und Fritzi in die lesbische Subkultur der Weimarer Republik eintaucht, wie es wohl noch keine ähnlich prominent platzierte Produktion vorher getan tat. Dafür wird der Klub Eldorado als eine zweite Oase, diesmal der Freiheit und des Aufbruchs, inszeniert. Hier tummelt sich die Redaktion der ersten lesbischen Zeitschrift „Die Freundin“, Songs der lesbischen Chanson-Sängerin Claire Waldoff werden zum Besten gegeben, das Quartett aus Fritzi, Hedi, Georg und Hans feiert, als gäbe es kein Morgen. Es wäre ein Leichtes, „Eldorado KaDeWe“ zu unterstellen, nur einem Trend zu folgen. Doch für ein bloßes Diversitäts-Lippenbekenntnis wird zu passioniert erzählt, werden zu sorgfältig Details, die die tatsächliche schwul-lesbische Historie betreffen – wie eine Neuvertonung des „Lila Lied“, der ersten Hymne der Homosexuellenbewegung – eingebunden.

Hoffentlich kein einmaliger Wurf

Ein besonderer Kniff, den sich von Heinz erlaubt, ist die Vermischung zeitgenössischer Optik mit dem Berlin von Heute. Während die Innenräume authentisch dargestellt sind, sind die jetzigen Straßen der Hauptstadt zu sehen, BVG-Busse fahren durch das Bild, mitunter tauchen Po­li­zis­t*in­nen in modernen Uniformen auf. Diese Parallelisierung der Situation von Schwulen und Lesben der 1920er und 2020er wirkt zunächst unpassend – bis man sich die Verhältnisse in anderen Teilen der Welt ins Gedächtnis ruft.

Dass man auch hierzulande noch nicht so weit ist, wie man glauben möchte, zeigen die ersten Reaktionen auf „Eldorado KaDeWe“: Regisseurin von Heinz berichtet von Pressevertreter*innen, die Interviews nach Sichtung der Serie absagten, sie vom Titelblatt nahmen, sie sogar als „Zumutung“ bezeichneten.

Reaktionen wie diese unterstreichen in erster Linie, dass die ARD endlich ihre Komfortzone verlassen hat. Wenn das Wagnis zu derart lebendigen, pulsierenden Ergebnissen führt, kann man sich nur wünschen, dass „Eldorado KaDeWe“ kein einmaliger Wurf, sondern eine echte Zäsur sein wird.

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