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Neue „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“Altbekannte Meckerei

Michael Bartsch

Kommentar von

Michael Bartsch

Die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ pendelt zwischen Ostalgie, Sowjetromantik und AfD. Einen neuen Blick auf Ostdeutschland sucht man vergeblich.

Ist Deutschland wirklich verstummt? Durchaus hörbare Demonstrierende bei einer islamfeindlichen Pegida-Veranstaltung 2015 in Dresden Foto: Espen Rasmussen/vii/redux/laif

M it dem neuen Medium Ostdeutsche Allgemeine Zeitung will Verleger Holger Friedrich das ostdeutsche Bewusstsein stärken und zum Dialog einladen. Doch heraus kommt eine Ausgabe voller Ostalgie und reaktionärem Ungeist. Durch alle 56 Seiten zieht sich die Anbiederung an die Transformierung und Perpetuierung alter DDR-Muster.

Parlamentskorrespondent Florian Warweg entlarvt etwa die Bundespressekonferenz als Ort der Machtausübung der Herrschenden. Auf den „Lügenpressen“-Sound setzt Thomas Fasbender mit dem eigentlichen ideologischen Leitartikel „Warum Deutschland verstummt“ noch eins drauf.

Wie man das macht, hat er in seinen Moskauer Jahren beim russischen Propagandasender „Russia today“ gelernt. Er beschreibt die „Frontlage im Kulturkampf“ und ein angeblich wieder aufkommendes „Wir“-Gefühl gegen die Diktatur der woken Gesinnungsgemeinschaften. Hübsch rassistisch führt er solche angeblich wiedererstehenden Volksgemeinschaftsgefühle auf den alten Grundsatz „Blut ist dicker als Wasser“ zurück.

„Debatte“ nennt sich irreführend die Seite, auf der Verleger Holger Friedrich vom ostdeutschen Verlag und seine Frau Silke ins gleiche Horn des guten alten Fanfarenzuges stoßen. Westmedien wie die taz gelten ihm als Spalter, die den Osten stigmatisieren und „medialen Unfug“ verbreiten.

Peinlich geradezu die Seite „Warum ich kein Wessi mehr sein will“ von Christian Baron. Er schwärmt von den tatsächlichen sozialen Errungenschaften der DDR und ihrem Bildungssystem, erklärt aber nicht ansatzweise, warum der übergroße Teil ihrer Bürger sich 1990 möglichst rasch dem westdeutschen Radikalkapitalismus anschließen wollte.

Das ewige Beleidigtsein

Die OAZ zeigt: Man ist grundsätzlich gegen den Staat und „die da oben“, doch selbst einen Wandel anstoßen, wäre zu viel verlangt. In der Zeitung findet man keine Spur von Aufforderung zu demokratischer Mitwirkung an einer Korrektur des Ist-Zustandes.

Es ist ein Blatt, das vom ewigen Beleidigtsein der Straße eingenommen wird. Im Zentrum des Blattes blickt die OAZ aber hellsichtig in die Zukunft. Sachsens stets kompatibler Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bekommt ein doppelseitiges Interview ohne neue Aussagen. Gefolgt von einem rührseligen Porträt des lieben und netten Tino Chrupalla von der AfD. Aha, die Vorwegnahme der sich anbahnenden und in den Kommunen längst vollzogenen Wiedervereinigung von Mutter- und Tochterpartei?

Fast schon ironisch ist, dass es überwiegend Bio-Wessis sind, die in der Ausgabe schreiben. Diese versuchen vermeintlich empathiegeladen den diskriminierten Ossis die Erkenntnis der Gnade ihrer richtigen Geburt und folglich ihres angelegten Übermenschentums zu erklären.

Das missglückte Projekt zeigt, dass es bessere Berichterstattung aus dem Osten braucht. Eine „Ostdeutsche Konkrete“ verspräche mehr Erfolg, denn mit der Wirklichkeit im Berichtsgebiet hat diese erste OAZ nur partiell etwas zu tun. Ein abgekochter Millionär wie Holger Friedrich, der sich seit 2019 mit Mediengeschäften versucht, sollte inzwischen wissen, dass sein Verfolgungswahn kein guter Pate für eine Zeitungsgründung ist. Friedrich ist als Großkapitalist im Geiste US-amerikanischer Tech-Milliardäre eigentlich nicht gerade der Idealtyp, den Ossis mögen.

Nicht ohne Zumutung

Und doch kann die OAZ mit einer Leserschicht gewiss rechnen. Bei vielen Ü-60ern zuckt das alte Mitgliedsbuch der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft nach wie vor unruhig im heimischen Traditionskabinett. Offener Diskurs sei ohne Zumutung nicht möglich, heißt es auf der Grundsatzseite. Die Zumutung ist schon mal gelungen. Um es mit dem „Tasso“ des gesamtdeutschen (oder doch hessischen?) Altmeisters Goethe zu sagen: „So fühlt man Absicht und man ist verstimmt!“

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Michael Bartsch
Inlandskorrespondent
Seit 2001 Korrespondent in Dresden für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Geboren 1953 in Meiningen, Schulzeit in Erfurt, Studium Informationstechnik in Dresden. 1990 über die DDR-Bürgerbewegung Wechsel in den Journalismus, ab 1993 Freiberufler. Tätig für zahlreiche Printmedien und den Hörfunk, Moderationen, Broschüren, Bücher (Belletristik, Lyrik, politisches Buch „System Biedenkopf“). Im Nebenberuf Musiker.
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