Nahost-Diskussion im Libanon: Pro Palästina ohne Wenn und Aber

Im Libanon unterstützen die Menschen die Palästinenser*innen. Viele sprechen von „asymmetrischem Krieg“ und kritisieren die Medien.

Flaggen und erhobene Hände bei einer Kundgebung

Bedingungslose Unterstützung aus Beirut: Solidaritätsdemo am 16. Mai Foto: Mohamed Azakir/reuters

BEIRUT taz | Vor Sonnenuntergang am Tag des Festes zum Fastenbrechen öffnet ein Taxifahrer in Südbeirut ein Video auf seinem Handy: Ein Knall ist zu hören, eine Rauchwolke zu sehen und ein Hochhaus in Gaza, das zusammenstürzt. „Dieselben Bilder wie damals aus Syrien“, ruft er einem Motorradfahrer zu.

Im Libanon scheinen Währungsverfall und steigende Essenspreise vergessen. Entsetzt blicken die Menschen auf Gaza. In Beirut, im südlichen Saida und an der Grenze zu Israel bekundeten Hunderte ihre Solidarität. Junge Männer kletterten auf die Mauer an der Grenze, israelisches Militär erschoss zwei von ihnen – die schiitische Hisbollah feierte sie als Märtyrer.

„Ich unterstütze die Hisbollah, weil sie unser Land und das der Palästinenser verteidigt“, sagt die 25-Jährige Jana Awad, die aus Houla stammt – zwei Kilometer entfernt von der Grenze zu Israel. All ihre Familienmitglieder waren bei Protesten. Sie glaubt, Israels Ziel sei noch immer, sein Territorium auf den Libanon auszuweiten.

„Am 21. Oktober 1948 ist das israelische Militär in unser Dorf eingefallen. Sie haben 85 Menschen getötet und viele vertrieben“, erinnert sich der 65-jährige Ali Ayoub, der ebenfalls aus dem Dorf kommt. Er unterstützt die „palästinensische Sache“, jedoch keine politische Partei.

Trauma und Solidarität

Die Hisbollah ist zugleich politische Partei und Miliz. Sie stilisiert sich als Verteidigerin gegen Israel. Der Organisation wird die Befreiung des Libanon von der israelischen Besetzung von 1982 bis 2000 zugeschrieben. Damals starteten Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) Operationen gegen Israel auf libanesischem Territorium. Seit der Invasion 1982 fürchten viele Chris­t*in­nen im Libanon, dass die Hisbollah sie in einen weiteren Krieg verwickelt. Der letzte Krieg mit Israel war 2006, das Trauma steckt auch der jungen Generation noch in den Knochen.

Die 33-jährige Nadine Kheshen ist in Kanada aufgewachsen. „Meine erste Erfahrung mit dem Thema Israel/Palästina habe ich 2006 gemacht. Wir waren im Libanon, als der Krieg ausgebrochen ist“, erzählt die Menschenrechtsanwältin. „Als ich zurück nach Kanada kam, war ich geschockt, wie die Medien berichteten. Es gab keine Erwähnung der Unverhältnismäßigkeit von Angriffen.“

Viele im Libanon unterstützten die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen aus Solidarität in einem asymmetrischen Krieg. „Die meisten Medien berichten erst, wenn die Hamas Israel angreift. Dabei ist die Blockade gegen Gaza völkerrechtlich illegal“, sagt Kheshen.

Dass sich Israels Justizminister mit Facebook-Vertretern trifft, um palästinensische Inhalte zu sperren, verstärkt das Gefühl, dass Netanjahu international Gehör findet, Palästi­nen­se­r*in­nen aber nicht. Dass nur berichtet wird, wenn seitens der Hamas Raketen fliegen – nicht aber, wenn palästinensische Häuser in Sheikh Jarrah zwangsgeräumt werden oder rechte Israelis Muslime in der Al-Aksa-Moschee angreifen.

Kritik an „westlichem Bias“

Vor allem Wis­sen­schaft­le­r*in­nen und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­t*in­nen wenden sich auf den sozialen Medien gegen die israelische Siedlungs- und Verdrängungspolitik in Ostjerusalem und das, was sie als westlichen Bias wahrnehmen.

Der Libanon-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters, Timour Azhari, twitterte: „An Journalisten, die über die israelisch-palästinensische Gewalt schreiben: Wenn Sie nicht erwähnen, dass Israel […] Verbrechen der Apartheid gegen Palästinenser begeht, ist ihre Geschichte lückenhaft.“

Kheshen kritisiert, dass nur über Unterdrückung bei gleichzeitiger Verurteilung der Hamas geredet werden dürfe. „So war es auch bei der US-Invasion im Irak“, sagt sie. „Da wurde immer gefordert, auch kritisch gegen al-Qaida Stellung zu nehmen.“

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