Nachdenken über Gut und Böse: Sind wir die Guten, Opa?

Manche Leute wollen Gutes – und tun Böses. Warum die Welt auch mit einiger Lebenserfahrung und einem Haufen Bücher nur schwer zu verstehen ist.

Ein Junge ruht sich liegend auf einer Parkbank aus

Ausruhen auf einer Parkbank: der fünfjährige Evgenii nach der Evakuierung in einem Vorort von Kiew Foto: Rodrigo Abd/ap

Da fragst du mich was. Bloß weil ich alt bin und einen Haufen Bücher habe, heißt das nicht, dass ich die Welt besser verstehe als du. Höchstens, dass ich mehr darüber weiß, warum es so schwer ist, die Welt zu verstehen.

Nein, ich will mich nicht drücken. Es gibt da so ein Minigedicht von Erich Kästner, den kennst du ja. „Es gibt nicht Gutes. Außer man tut es.“ Mit einem Punkt dazwischen.

Man „gehört“ nicht zu den Guten, man muss jeden Tag, jede Stunde entscheiden, das Gute zu tun

Was das heißt? Vielleicht so: Es gibt Leute, die etwas Gutes tun. Aber das heißt nicht, dass alle drumherum die Guten sind. Es kann sogar sein, dass die Leute, die auf die zeigen, die etwas Gutes tun, und sagen: „Da seht ihr es! Dass wir die Guten sind“, eben ganz und gar keine Guten sind. Und wenn einer so furchtbar Böses tut, heißt das nicht, dass die anderen automatisch die Guten sind.

Ich meine, es kommt vielleicht nicht so darauf an, zu den Guten zu gehören, sondern eher darauf, das Gute zu tun. Weißt du, was ich glaube? Viele von denen, die böse Dinge tun, sind überzeugt davon, dass sie was Gutes machen. Und manche von denen, die unbedingt zu den Guten gehören wollen, sind bereit, etwas Böses zu tun, damit die Bösen bestraft werden. Man „gehört“ nicht zu den Guten, man muss jeden Tag entscheiden, das Gute zu tun, oder wenigstens das Böse zu lassen.

Ja, stimmt. Ich war bei den Ostermarschierern, ich war ein Hippie, ein 68er, sogar ein Punk und dann ein Ökofreak. Jetzt bin ich ein Altlinker. Ich wollte eben immer bei den Guten sein. Jedenfalls war ich so immer bei den Verlierern. Verzeih, manchmal muss ich über mich selbst lachen. Aber im Ernst: Man muss vorsichtig sein mit Menschen, die ganz genau wissen, dass sie die Guten sind. Wir, die Guten, gegen die anderen, die Bösen. So fängt der Schlamassel immer an.

Helden und Heldinnen, das sind für mich die Menschen, die mittendrin im Bösen stecken und die sagen: Da mache ich nicht mit! Das Böse nicht tun, auch wenn es alle anderen tun. Das ist so schwer. Und so notwendig. Ein Mensch, der sich weigert, das Böse zu tun, auch wenn es um das eigene Leben geht, der ist mehr wert als tausend Leute, die schreien: Wir sind die Guten!

Nein, ein Mensch allein kann das Böse nicht in die Welt bringen. Und keiner führt einen Krieg allein. Er braucht Menschen, die ihn bewundern, die für ihn lügen, die für ihn töten und morden. Und noch mehr Menschen, die sich verstecken, die mitmachen, die ihm glauben oder aus Angst stillhalten. Und er braucht Menschen, die ihn bezahlen, die ihm die Waffen und die Gefängnisse bauen liefern.

Man kann fragen: Warum ist dieser eine Mensch so böse? Aber wichtiger ist die Frage: Warum haben so viele Menschen ihm geholfen, warum glauben sie, dass es gut ist, böse zu sein? Warum sagen sie nicht „Nein“ zu einer Zeit, wo es noch möglich wäre?

Wie das möglich ist, dass wir von den Bösen immer noch Gas und Strom kaufen? Weil es zuerst immer um das Nützliche geht. Wenn Leute etwas Böses tun oder sagen, die für andere Leute nützlich sind, dann schauen auch die, die meinen, sie sind die Guten, gern über das Böse hinweg. Und wenn das Nützliche wichtiger ist als das Gute, dann sind die, die meinen, sie sind die Guten, total überrascht, wenn die Bösen dann nicht mehr nur die Bösen sind, sondern auch sehr, sehr böse Dinge tun. Wir haben nichts Gutes getan, wir haben nur darauf geschaut, was das Nützliche für uns ist.

Solche Leute gibt es auch bei uns

Klar, kann man jemandem, der etwas Böses getan hat, auch einmal verzeihen. Wenn man nicht verzeihen kann, kann man gar nicht miteinander leben. Aber ich glaube ehrlich gesagt, dass es auch Dinge gibt, die unverzeihlich sind. Mit Leuten, denen das Leiden und das Sterben von Menschen egal ist, weil sie irgendeine Idee im Kopf haben, kann man nicht reden. Aber solche Leute gibt es auch bei uns. Wenn man dem Guten eine Chance geben will in der Welt, dann muss man auch dafür sorgen, dass die Bösen nicht davonkommen mit dem, was sie getan haben.

Die, die jetzt zu den Guten gehören wollen, die haben vorher Menschen ertrinken und verhungern lassen, bloß weil sie die falsche Hautfarbe gehabt haben und aus der falschen Gegend der Welt gekommen sind. Und die, die „Willkommen“ zu den neuen Flüchtlingen sagen, rechnen uns jetzt schon vor, wie sie nützlich sein können, und wer zahlen soll, wenn sie es nicht gleich sind. Und die, die reich sind, werden durch den Krieg noch reicher, und die Armen werden noch ärmer, weil man jetzt Geld für das Militär braucht.

Weißt du, wenn man glaubt, zu den Guten zu gehören, dann merkt man manchmal einfach nicht mehr, wo das Böse in der eigenen Welt steckt. Dann meint man vielleicht, alles ist gut, was gegen das Böse ist. Und dann sind die, die gestern noch die Bösen waren, auf einmal die Guten, bloß weil sie gegen das andere Böse sind. Es ist Politik, klar. Und da geht es nicht nur um das Gute, sondern auch um das Mögliche, das Nützliche, das Vernünftige. Aber wenn man sagt „Wir sind die Guten“ muss man sehr gut aufpassen, wer alles zu diesem „Wir“ gehören will.

Wo das Böse anfängt? Ich weiß es nicht. In einem Erwachsenenroman von Erich Kästner endet die Geschichte damit, dass ein Mann, der es immer wieder mit dem Gutsein probiert hat, in einen Fluss springt, um ein Kind zu retten. Und da erst fällt ihm ein, dass er gar nicht schwimmen kann. Das Kind wird trotzdem gerettet, aber der Mann ertrinkt.

Was das bedeutet? Eines bestimmt: Dass es auch auf das Gut-sein-Können ankommt. Nirgendwo auf der Welt wäre es so leicht, das Gute zu tun wie bei uns. Und nirgendwo wird es so wenig getan. Weil man hier zu den Guten gehören will, aber auf keinen Fall zu den Verlierern.

Ich habe es ja gleich gesagt. Ich weiß auch nicht viel mehr als du. Ich bin genauso traurig. Genauso zornig. Und will das Gute tun, ohne zu denen zu gehören, die glauben, sie sind die Guten.

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