Nach der Wahl in den USA: Wie sich das System Trump zersetzt

Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt, da wenden sich schon viele RepublikanerInnen vom Präsidenten ab. Wer jetzt wie reagiert, ist zukunftsweisend.

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Menschen weltweit verfolgen die Wahl. Hier auf der Black Lives Matter Plaza in Washington Foto: Jacquelyn Martin/ap

WASHINGTON taz | In Washington kann man spüren, wie die Tektonik der Macht dabei ist, sich zu verschieben; nicht nur, was das Oval Office betrifft, das nun wohl künftig von einem Demokraten bewohnt wird. Mindestens ebenso faszinierend zu beobachten ist die Dynamik rund um den mutmaßlichen Wahlverlierer Donald Trump. Während Trump, seine Familie und die engsten Getreuen für den „totalen Krieg“ mobilisieren, den Trumps Sohn Donald junior am Donnerstag in einem Tweet ausrief, sind in republikanischen Kreisen massive Absetzbewegungen zu beobachten.

Wie kein anderer Ort dieser Welt ist Washington auf Effizienz getrimmt. Wichtig ist, wer mächtig ist. Der Weg nach oben ist lang und hart, der Weg nach unten kurz und härter. Noch ist nicht ausgemacht, was die drohende Wahlniederlage für Trumps Zukunft bedeuten wird, wie tief er fällt oder ob er die Kontrolle über seine Partei behalten kann. Die Absetzbewegungen aber sind schon da.

Die Lager sortieren sich derzeit entlang der Frage, wer auf Fox News und Twitter seine Stimme pro Trump erhebt – und wer schweigt. Natürlich hat sich der Texaner Ted Cruz weithin sichtbar hinter Trump gestellt, Cruz will Trump beerben, Trumps Fans sind dabei seine wichtigste künftige Wählergruppe. Der Senator Lindsey Graham hat sogar eine Spende von einer halben Million Dollar für den Rechtshilfefonds des Präsidenten angekündigt. Und der erzkonservative Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, tritt auf Fox auf, als wäre er Mitarbeiter von Trumps Hauptquartier.

Die Aura der Macht ist gebrochen

Aber die Liste jener Konservativen, die auffällig unauffällig bleiben, ist länger. Sie beginnt bei Mitch McConnell, dem Mehrheitsführer der Republikaner im Senat und reicht bis zu diversen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2024, die nichts und nur Windelweiches von sich geben. Die lautesten Kritiker Trumps sind derzeit Republikaner, die nichts sagen.

Abgang Trump, Auftritt Joe Biden. Ein Portrait des mutmaßlich neuen US-Präsidenten lesen Sie in der taz am wochenende vom 7./8. November 2020. Außerdem: Eine Frau ist unheilbar krank, sie entscheidet sich für Sterbefasten. Ihre Tochter begleitet sie in der letzten Lebensphase. Eine Geschichte vom Loslassen. Und: Träumen wir uns in Lockdown-Zeiten weit weg. Mit der guten alten Fototapete. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Trump und seinen Leuten ist das natürlich nicht entgangen. „Das völlige Fehlen von Aktionen praktisch aller 2024 GOP-Hoffnungsträger ist sehr erstaunlich. Sie haben eine perfekte Plattform, um zu zeigen, dass sie willig und fähig sind, zu kämpfen, aber sie ducken sich stattdessen vor dem Medienmob“, wütete Donald jr.

Und Trumps im Sommer abgetretener Wahlkampfmanager Brad Parscale twitterte: „Wenn man 2024 als Republikaner gewinnen möchte, würde ich wahrscheinlich mal anfangen, etwas zu sagen.“ Hinzu kommt, dass Trumps Allianz mit dem Fernsehsender Fox News nicht mehr so zuverlässig ist wie einst.

Am Donnerstagabend, als Trump zum ersten Mal seit fast 36 Stunden vor die Kameras trat, blendeten mehrere TV-Sender ihre Liveübertragung einfach aus. In Amerika gleicht das einer Majestätsbeleidigung; Ansprachen des Präsidenten, zumal zu zentralen politischen Fragen, werden normalerweise selbst von feindlich gesinnten Sendern live übertragen und erst anschließend genüsslich seziert. Die Aura der Macht ist gebrochen. Trump hat die Ausstrahlung eines Verlierers.

Der größte Schlag kommt von einem ebenso treuen wie mächtigen Unterstützer. „Ein niedergeschlagener Donald Trump macht grundlose Wahlbetrugsvorwürfe in einer Rede aus dem Weißen Haus“, twittert es vom Account der konservativen New York Post, die kurz vor der Wahl noch eine Serie umstrittener Skandalgeschichten über Joe Bidens Sohn Hunter veröffentlichte. Andere Medien hatten sie abgelehnt. Es wirkt so, als habe Rupert Murdoch, der Besitzer der New York Post und von Fox News, beschlossen, Donald Trump fallen zu lassen. Und so wird es einsam um den Präsidenten, und das noch bevor das offizielle Wahlergebnis da ist.

Es wäre allerdings viel zu früh, das Ende Trumps auszurufen. Bislang hat er immer einen Weg gefunden, irgendwie oben zu bleiben. Und vor allem weiß er seine treuen Fans hinter sich, die je nach Schätzung ein Drittel aller Wählerinnen und Wähler ausmachen.

Die Absetzbewegungen finden in jener Washingtoner Elite statt, die Trump so gerne als „Sumpf“ attackiert, sie sind ein Beleg für den Stand seiner Ambitionen, aber noch kein Testat dafür, was in den nächsten Tagen passiert.

In den vergangenen vier Jahren ist es dem Präsidenten gelungen, die republikanische Partei zu einer Partei des Trumpismus umzuformen, die Fraktionen im Repräsentantenhaus und im Senat seinem Willen zu unterwerfen. Im Weißen Haus, nicht im Kapitol, wurde die republikanische Linie bestimmt. Und wer auch immer aus der Linie ausscherte, wurde gnadenlos von Trump gebrandmarkt und von der Parteibasis in Stücke gerissen. Trumps Sohn Eric warnte am Donnerstag alle Abweichler düster: „Unsere Wähler werden niemals vergessen, wer sich jetzt wie ein Schaf verhält.“

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Am 3. November 2020 haben die USA einen neuen Präsidenten gewählt: Der Demokrat Joe Biden, langjähriger Senator und von 2009 bis 2017 Vize unter Barack Obama, hat sich gegen Amtsinhaber Donald Trump durchgesetzt.

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