Nach dem Anschlag auf den CSD Berlin : Wir müssen nicht stark sein
Seit beim CSD eine Frau getötet wurde, hat unsere Autorin Angst. Angst vor queerfeindlicher Gewalt, aber auch vor der Vereinnahmung von rechts.
I mmer wenn ich gerade mit der Bahn fahre, muss ich weinen“, erzählt mir eine Freundin während ihr die Tränen über die Wangen laufen. Seit dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD fühle sie sich nicht mehr so sicher wie zuvor. Dabei war niemand unseres Freundeskreises am Samstagabend im Tiergarten. Das müssen wir auch nicht, denn der Anschlag war gegen queeres Leben allgemein gerichtet.
Für eine befreundete Person war das Wochenende retraumatisierend. Vor einigen Monaten war er in unmittelbarer Nähe, als in Leipzig ein Autofahrer durch die Fußgängerzone fuhr und dabei zwei Menschen tötete. „Ich dachte, in Deutschland wäre ich sicherer als in meiner Heimat“, sagt eine russische Freundin. Eine Bekannte ergänzt, dass sie sich auf dem Nachhauseweg alle paar Meter umschaue, wenn sie die Hand ihrer Partnerin halte. „Meine Mutter hat sogar vorgeschlagen, dass ich und meine Partnerperson uns in der Öffentlichkeit als Mitbewohner:innen ausgeben sollen“, erzählt eine andere.
Der Anschlag auf den CSD hat in vielen etwas verändert. Ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit wurde uns genommen und queerfeindliche, tödliche Gewalt wurde zur greifbaren Realität. Vielleicht klinge ich damit naiv, da ich und meine Kolleg:innen bereits seit Jahren darüber berichten, dass queerfeindliche Gewalt ansteigt. Es ist nicht überraschend und doch schockierend. Und bei all der Berichterstattung, die gerade stattfindet und hoffentlich auch über den Pride Monat hinausgeht, fehlt mir doch eins: der Raum für Angst.
In den Stunden und Tagen nach dem Anschlag hielt ich meine queeren Freund:innen im Arm und wollte ihrer Angst Platz geben. Doch es fühlte sich so an, als würden wir sie eher kollektiv unterdrücken. Ich redete mir ein, jetzt stark sein zu müssen, während andere Statements verfassten und in Aktivismus verfielen. Wir ahnten bereits: Würden queere Person als erste Reaktion auf den CSD Anschlag ihre Angst äußern, würden AfD-Politiker:innen und Rechtspopulist:innen das zum Anlass nehmen, um zu sagen: „Wir haben’s euch doch gesagt.“ Um dann ihr übliches rassistisches Feindbild zu propagieren.
Ernstnehmen statt missbrauchen
Angst gehört zu den sieben Grundemotionen und ist für Menschen überlebenswichtig. Es lässt uns Situationen und Gefahren einschätzen und dementsprechend handeln. Wenn uns aber das Gefühl gegeben wird, dass wir sie unterdrücken müssen, da sie sonst instrumentalisiert wird, dann sind es wieder Betroffene, die am meisten darunter leiden.
Meine Freund:innen haben Angst, ich habe Angst um sie, wir alle haben Angst um die Community und darüber, wie dieser Anschlag gerade von Rechtspopulisten und auch Unionspolitiker:innen instrumentalisiert wird. Und wie sich wiederum der anti-muslimische und rassistische Medientumult auf die kommenden Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auswirken wird.
Je rechter wir auf dem politischen Spektrum blicken, desto klarer wird, dass Angst das Mittel der Wahl ist: Es emotionalisiert, es provoziert und hinter dem vermeintlichen Schutzversprechen lauern feindliche Ideologien. Davon am meisten betroffen sind Migrant:innen, BiPoC und Muslim:innen. Ich bin aber nicht bereit, meine Angst den Rechten und ihrem Homonationalismus zu überlassen. Unser Schmerz und unsere Angst sind keine Anliegen, die Politiker:innen bei ihrem Wahlkampf und Kulturkampf in die Karten spielen sollten. Sie sind gelebte Erfahrungen, die von der Politik verlangen, ernst genommen zu werden.
Zum Beispiel muss im Grundgesetz endlich verankert werden, dass niemand aufgrund seiner Sexualität benachteiligt werden soll. Die psychosoziale und gesundheitliche Versorgung für queere, BIPoC und insbesondere trans Menschen muss verbessert werden. Entsprechende Initiativen müssen finanziell unterstützt und nicht gekürzt werden. Und wie sich unser Kanzler so schön selbst reflektierte, muss anerkannt werden, dass bereits „schlechte Witze“ Teil von Gewalt sind. Es braucht also doch eine Solidaritätsbekundung in Form einer Pride-Flagge am Bundestag und keinen unangebrachten Zirkuszelt-Vergleich.
Natürlich sollten wir nicht in Angst und Schrecken leben. Wenn die Emotion verarbeitet wird, kann daraus auch Wut und politischer Widerstand wachsen. Es muss aber möglich sein, sie überhaupt erst zu äußern. Ich möchte sie so formulieren: Es sind rechte und rechtsextreme, antifeministische und faschistische Gruppen, die das gleiche radikale Weltbild verfolgen – von Neonazis, über die AfD bis hin zu islamistischen Gruppen. Sie alle sehen queere und feministische Lebensformen als Feindbild. Und das macht mir Angst.
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