piwik no script img

Nach Brandanschlag auf FlüchtlingsheimZwei Jungnazis wegen Beihilfe zu versuchtem Mord angeklagt

Der Generalbundesanwalt erhebt Anklage gegen zwei Mitglieder der „Letzten Verteidigungswelle“. Die sollen beim Brandanschlag in Schmölln geholfen haben.

Anfang August wurden gerade erst acht Nachwuchsneonazis der Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ (LVW) in Hamburg zu bis zu fünf Jahren Haft verurteilt – nun erhebt der Generalbundesanwalt Anklage gegen zwei weitere Mitglieder der Gruppe vor dem Thüringer Oberlandesgericht in Jena.

In den frühen Morgenstunden des 5. Januar 2025 sollen Joel F. und Elias F. zusammen mit zwei bereits verurteilten Mitgliedern zur bewohnten Flüchtlingsunterkunft in Schmölln gezogen sein, um diese anzuzünden. „Dazu schlug die Gruppe ein Fenster ein und versuchte, mit einer Feuerwerksbatterie entzündete Pyrotechnik in das Innere des Gebäudes zu schießen“, heißt es in der Mitteilung der Bundesanwaltschaft vom Dienstag. Der Beschuldigte Elias F. soll das Geschehen abgesichert, Joel F. die Tat gefilmt haben. Ein Feuer sei danach jedoch nicht ausgebrochen. Beide wurden im Juni 2026 festgenommen.

Als „Jugendliche mit Verantwortungsreife“ sind sie laut Generalbundesanwalt hinreichend verdächtig, eine terroristische Vereinigung unterstützt sowie Beihilfe zu versuchtem Mord und versuchter Brandstiftung mit Todesfolge geleistet zu haben. Nach taz-Informationen sind sie 16 und 17 Jahre alt, beide stammen aus Thüringen.

Bereits im März hatte es erneut Razzien in mehreren Bundesländern gegen zehn weitere Mitglieder der rechten Terrorgruppe gegeben, die tödliche Gewalt gegen Geflüchtete und Linke plante. Laut Bundesanwaltschaft haben die Mitglieder sich als „letzte Instanz zur Verteidigung der deutschen Nation“ verstanden. Laut Urteil in Hamburg plante und verübte die Gruppe Anschläge auf linke Einrichtungen und Asylbewerberheime, und betrieb „Pädo-Hunting“ – also die Jagd auf Menschen, die sie für Pädophile hielten. Die Mitglieder wollten demnach durch Gewalttaten einen Zusammenbruch der demokratischen Ordnung herbeiführen.

Turboradikalisierung von Jungnazis

Die LVW ist eine der Gruppen von jungen Rechts­ex­tre­mis­t*in­nen, die zuerst auf Tiktok und Instagram auftauchten (wie etwa auch Deutsche Jugend Voran oder Jung&Stark) und sich nach ihrer Gründung im April 2024 rasch radikalisierten. Verschiedene Chatgruppen der LVW hatten bis zu 200 Mitglieder, die sich gegenseitig anstachelten – und teils zur Tat schritten. In den Chatgruppen wurde die Verschwörungsideologie vom „großen Austausch“ verbreitet, wie sie auch in der extrem rechten AfD, der Identitären Bewegung und anderen Neonazi-Kreisen zu finden ist.

Während des Prozesses in Hamburg war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, weil Mitglieder zum Tatzeitpunkt teils erst zwischen 14 und 21 Jahre alt waren. Zum öffentlich verlesenen Urteil erschienen Angeklagte teils in Szenekleidung und nahmen die Urteile wegen versuchten Mordes, Brandstiftung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zwischen anderthalb und fünf Jahren weitgehend reglos zur Kenntnis.

Mitglieder der rechten Terrorgruppe hatten zudem das Kulturhaus Kultberg in Altdöbern, Brandenburg, angezündet, während die Betreiberfamilie im angrenzenden Gebäudekomplex schlief. Die Familie überlebte nur durch Glück. Auch ein Angriff auf eine Asylunterkunft in Senftenberg soll bevorgestanden haben, dafür hatte sich die Gruppe offenbar Kugelbomben aus Tschechien besorgt. Dieser Anschlag wurde jedoch durch die Zerschlagung der Gruppe im Mai 2025 vereitelt.

Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft richten sich vor allem gegen den harten Kern: Rädelsführer und direkte Tatbeteiligte. Nach taz-Information rechnen die Sicherheitsbehörden nicht mit weiteren Straftaten aus dieser Gruppe, weil diese als zerschlagen gilt. Aus Sicherheitskreisen heißt es, die Anzahl der Mitglieder der terroristischen Vereinigung sei nicht gleichzusetzen mit der Anzahl der Mitglieder der Chatgruppe. Die taz hatte als eines der ersten Medien über die Gruppe berichtet.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare