Nabu klagt gegen das Einheitsdenkmal

Im Namen der Wasserfledermaus

Probleme bei der Errichtung des Einheitsdenkmals in Berlin: Die dort nistende Fledermaus wird zum Symbol des aufgeklärten Staatsbürgertums.

Eine Wasserfledermaus fliegt im Dunkeln direkt über eine Wasserfläche

Wasserfledermaus statt Bundesadler Foto: imago images/Blickwinkel

Nur fünf Zentimeter lang, flauschiger Pelz und lustig nach oben abstehende, große Ohren. Mehr als die Hälfte des Jahres verschläft die Wasserfledermaus einfach, den Rest der Zeit rauscht sie nachts über Wasserflächen, um dort Insekten oder auch mal den einen oder anderen Fisch zu erbeuten. Sie siedelt sich gern in feuchten Kellern und Stollen an – oder halt im Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals vor dem im Wiederbau befindlichen Berliner Stadtschloss.

Auf eben diesem Sockel soll nach langem Gezänk zum 30-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung das Freiheits- und Einheitsdenkmal „Bürger in Bewegung“ errichtet werden. Dafür werden aber nicht die Bürger, sondern die Fledermäuse in Bewegung gesetzt. Weil das vereinigte Deutschland aber ein Rechtsstaat und die Fledermaus eine geschützte Art ist, nutzt alles Zetern nichts – die Tierchen dürfen nicht einfach aus ihrer königlichen Gruft vertrieben werden. Der Berliner Senat hat zwar eine Ausnahmegenehmigung zur Umsiedlung erlassen, da die Fledermäuse sich aber weigern, neu zugewiesene Standorte anzunehmen, hat der Naturschutzbund Nabu dagegen geklagt.

Das kann dauern. Nicht, dass irgendjemand angenommen hätte, das 2007 beschlossene Projekt könnte in Berlin tatsächlich pünktlich zum 30. Jahrestag fertig sein, aber nun gibt es wenigstens schon mal eine schöne Entschuldigung. Dank der Wasserfledermaus!

Vorschlag: Lassen wir doch einfach alles, wie es ist. Um die Symbolik bei der „Einheitswippe“ gab es ohnehin nur Streit, viel besser passt da doch der Istzustand, man müsste ihn nur zum Denkmal erklären. Was für eine Aussagekraft das wäre: Der Irrweg des ebenso monarchistischen wie bellizistischen Deutschlands, final überwunden, denn in seinem Fundament nisten jetzt niedliche Fellknäuel, die sich um Grenzen und nationales Gedöns einen Fledermausdreck scheren.

Zum Gedenken an die Freiheit stünde fortan schlicht eine freie Fläche. In deren Untergrund zudem eine echte Globalistin haust, denn die Wasserfledermaus flattert in ganz Europa bis nach Japan und Südostasien herum. Eine perfekte Bildhaftigkeit dafür, dass es wirkliche Freiheit und Einheit erst dann geben wird, wenn auch die Grenzen des wiedervereinigten Deutschlands endlich aufgelöst sind.

Einmal zahlen
.

Heiko Werning ist Reptilienforscher aus Berufung, Froschbeschützer aus Notwendigkeit, Schriftsteller aus Gründen und Liedermacher aus Leidenschaft. Er studierte Technischen Umweltschutz und Geographie an der TU Berlin. Er tritt sonntags bei der Berliner „Reformbühne Heim & Welt“ und donnerstags bei den Weddinger „Brauseboys“ auf und schreibt regelmäßig für Taz und Titanic. Letzte Buchveröffentlichung: „Vom Wedding verweht“ (Edition Tiamat).

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben