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NS-Vergangenheit von Kühne+NagelSchlussstrich vom Chef

Jan Kahlcke
Kommentar von Jan Kahlcke

Im „Spiegel“ behauptet Klaus-Michael Kühne, für eine Debatte um die Beteiligung seiner Firma an der Ausplünderung von Europas Juden sei es zu spät.

Zu spät? 2023 wurde das Mahnmal für die Ausplünderung von Europas Juden eingeweiht – zu Füßen des Bremer Sitzes von Kühne+Nagel Foto: Juliane Sonntag/dpa

D er Multimilliardär Klaus-Michael Kühne hat dem Spiegel eine Audienz gewährt. Und da wurde er nicht nur gefragt, ob der Elbtower in seiner Heimatstadt Hamburg noch zu retten ist (glaubt er nicht) oder er die Eröffnung der von ihm gestifteten Oper noch erleben wird (glaubt er erst recht nicht). Sondern auch nach der NS-Vergangenheit seiner Firma, des Logistikkonzerns Kühne + Nagel. Ganz höflich und zartfühlend, weil: Er kann ja nichts dafür, er war ja 1945 erst sieben Jahre alt.

Aber dann haben die Spiegel-Leute auch noch gefragt, warum Kühne eine historische Aufarbeitung dieser Geschichte immer wieder verhindert hat. Weil: Da kann er was für.

Dazu hat er eine bestürzend klare Haltung. „Wenn die Diskussion kurz nach dem Krieg aufgekommen wäre, hätte ich volles Verständnis“, sagt er. Sie habe aber genau 2015 begonnen, zum 125-jährigen Jubiläum des Logistikkonzerns, 70 Jahre nach Kriegsende. Voll unfair, oder? Seitdem sei diese Diskussion „ein Dauerbrenner“.

An dieser Stelle wollen wir mal kurz die Lorbeeren dafür einheimsen: Das Feuer, das diesen Dauerbrenner am Brennen hält, hat fast ganz allein die taz entfacht, die Lokalredaktion am Bremer Stammsitz von K+N. „Es werden alte Wunden aufgerissen“, klagt Kühne nun – und damit also uns an. Wir könnten zufriedener nicht sein.

Siebenjähriger Arierknirps

Denn wessen Wunden sind das, die da aufgerissen werden? Seine? Welche Wunden hat er denn davongetragen, als siebenjähriger Arierknirps? Oder meint er etwa die Wunden der Opfer, der Opfer auch seines Unternehmens, das sich ein Monopol auf den Abtransport und die „Verwertung“ jüdischen Eigentums im besetzten Westeuropa gesichert hatte? Als hätten deren Wunden je heilen können, als wären sie nicht auf ewig offen, schwärend, sich vererbend von Generation zu Generation.

Kühne erlaubt sich festzulegen, bis wann eine Debatte darüber zulässig gewesen wäre. Klar, es ist natürlich schwer zu verstehen, dass die in Auschwitz Vergasten nicht am 9. Mai 1945 bei den Kühnes auf der Matte gestanden und Schadenersatz verlangt haben. Und dass die Überlebenden danach damit beschäftigt waren zu überleben, zunächst ganz körperlich und für immer seelisch, fast alle. Wären sie 1945 im Land der Mörder vorstellig geworden, hätte K+N ihnen sicher „voller Verständnis“ alles Geraubte zurückerstattet, mitsamt Zinsen. Aber so – weggegangen, Platz vergangen.

Seltsamerweise haben auch die nichtjüdischen Deutschen gar nicht die Konzernzentrale gestürmt, um seinen Vater Alfred zur Rechenschaft zu ziehen – die waren nämlich wiederum ziemlich lange angestrengt damit befasst, sich mit sich selbst zu versöhnen.

Der jüdische Teilhaber

Dass dieser Vater seinen jüdischen Teilhaber Adolf Maas aus der Firma gedrängt hat, will Klaus-Michael im Spiegel-Interview nicht gelten lassen: Das sei „nicht der richtige Ausdruck“. Sein Vater habe „immer gut von ihm gesprochen“. Tüchtig sei Maas gewesen. Ob man sich damals „einvernehmlich oder gar freundschaftlich“ geeinigt hat – „das weiß ich nicht“, behauptet Kühne. Ernsthaft, im April 1933? Eine Nachfrage der Spiegel-Redakteure ist nicht überliefert.

Jedenfalls trat Vater Kühne eine Woche später in die NSDAP ein. Maas bekam für seinen Firmenanteil keine Abfindung und wurde später in Auschwitz ermordet.

Mord verjährt nicht. Massenmord schon gar nicht. Und für das Profitieren vom Massenmord sollte dasselbe gelten. Erst recht, da Kühne + Nagel seinen Aufstieg vom Mittelständler zum Global Player der Beteiligung am Menschheitsverbrechen Schoah verdankt. Falls Herr Kühne all das bestreiten möchte, kann er ja mal His­to­ri­ke­r:in­nen beauftragen.

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Jan Kahlcke
Redaktionsleiter
Jan Kahlcke, war von 1999 bis 2003 erst Volontär und dann Redakteur bei der taz bremen, danach freier Journalist. 2006 kehrte er als Redaktionsleiter zur taz nord in Hamburg zurück
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12 Kommentare

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  • Ich habe ihn einmal getroffen. Ein ekelhafter Typ. Es ging um die Erhaltung des ehemaligen Güterbahnhof`s in Hamburg, ein zentrales 11.000qm-Areal, das heute das Oberhafen-Kreativquartier ist. "Wofür soll das gut sein?" fragte er. Er hat nicht mal versucht, sein Desinteresse und seine Herablassung zu verbergen und fragte nur, was das finanziell bringen sollte.

  • Der Fall Kühne. Gäbe es in Hamburg einen Autoren vom Schlage Thomas Bernhard, gäbe es längst einen Großroman über die Familie Kühne, das feine und nicht so feine wirtschaftliche Hanseatentum in Hamburg nach dem 2. Weltkrieg, die massiv am Ausplündern und Massenmord an Juden profitierten.



    Ein Kapitel wäre dem Paktieren der SPD und anderen Parteien, der Universität Hamburg, der Gewerkschaft GEW, Verbänden, Sportvereinen, Museen etc. nach dem 2 Weltkrieg mit ehemaligen Nazi-Profiteuren und deren Nazi-Profit an Häusern, Grundstücken, Gemälden und Kunstwerken und Haushaltswaren gewidmet.



    Nicht zu vrergessen die Nazi-Schwadrone in Augsteins und Springers Redaktionsräumen.



    Und wichtig wäre die Aufzählung der Ursachen, die eine gerechte "Entschädigung" der imateriellen und materiellen Schäden der überlebenden Juden, bzw, der jüdischen norddeutschen Gemeinden bis heute zugunsten einer scheinbar wohlfeilen "Erinnerungskultur" verhindert.

  • Das Bild ist schlecht.



    Das Arisierungsdenkmal ist nicht zu erkennen.



    Es wird in dem Bild zu etwas völlig unbedeutenden und Nebensächlichen.



    Statt dessen sind wirr in die Gegend schauende Touristen und Grafittischmierereien zu erkennen.



    Und das Bild zeigt gut, wie sehr die Warner zum Standort des Denkmals recht behalten haben.



    Niemand wird zum denken angeregt.



    Es fällt kaum auf.



    Allein nur die Sichtachse zum K&N Sitz steht unsichtbar im Raum.



    Und selbst das wird verschwinden, sollte der Firmensitz dort mal verlegt werden.

  • Kühne und Nagel hat einen Sitz in Berlin. Im Zusammenhang mit dem jüngst erstellen Arisierungsdenkmal an der Schlachte-Promenade in Sichtweite von dem Kühne und Nagel Sitz in Bremen gab rs diese Debatte auch schon.

    Was mir dabei quer kam war, dass der Fokus der Debatte fast allein bei Kühne und Nagel lag, dem logistischen Part bei der Arisierung. Alle anderen Bereiche wurden ausgeklammert. Der politische Teil war nicht existent obwohl Bremen seinerzeit ein logistisches Nadelöhr war. Ein Drehkreuz für Logistik auf Straßen, Schienen und zu Wasser. Mit Vertretungen in den endsprechenden Institutionen der Häfen und der Bürgerschaft. Mit Händlern für den weiteren Vertrieb und vielen Bewohnern für die Abnahme von arisiertem Inventar.

    Kühne und Nagel wird heute auch gerne zum Wegschauen genutzt. Ich hätte mir gewünscht, dass das Arisierungsdenkmal direkt auf dem Bremer Marktplatz erstellt worden wäre.

  • Ich finde das heute nicht mehr wichtig. Die maßgeblichen Protagonisten sind tot. Das Leben geht weiter.

  • @ taz Bremen

    Danke...und super Antwort auf das Interview.

    Kleine Anregung: entachen Sie doch endlich ein neues Feuer, in der Schifffahrt seit der 'Jumgfernfahrt der Beluga Skysails' ein Dauerbrenner, nun seit Jahren durch 'abtauchen' genährt:

    - das (akademische) Erbe Niels Stolberg, was macht dieser abgetauchte Betrüger (51% 'Maritimes Forschungszentrum Elsfleth') heute?

    Und wieso scheint Klaus M. Kühne Stolbergs komplettes Waffen-Arsenal übernommen zu haben, inkl. privater, teilweise aber EU-finanzierter F&E (Kuehne Logistics University'), auch Lobbyismus genannt....

    ....und dem 'Beluga Racer' Boris Herrmann??

    www.segel-filme.de...-die-erfolgsstory/

    Anscheinend inkl. dem führenden Kopf der 32 Mann starken PR-Abteilung der Beluga Shipping (an die Redaktion: gerichtsfeste Tatsache!), der immer wieder in der Nähe des mit Kühnes Milliarden gepäppelten Boris Herrmann zu sehen ist:

    der Verantwortliche für die Pressearbeit von Skysails sowie dem EU-finanzierten Forschungsprojekt 'Jungfernfahrt der Beluga Skysails', Inhaber einer 'Cross-Media'- Agentur in Hamburg (Namen nenn ich jetzt mal nicht).

    @ Redaktion: Tatsachen, Netiquette wurde gewahrt!!!

    • @Kuntakinte:

      An sich legt doch die Redaktion fest, ob ein Beitrag der Netiquette entspricht (?)

      Und meiner persönlichen Meinung nach, hätte genügt, das direkt an die Redaktion zu schicken. Denn ohne Kenntnisse der lokalen Situation versteht man nicht, worüber Sie sich erregen.

  • Danke für diesen Artikel.



    Ja. Kühne & Nagel - An der Untertrave 99/100 -



    Ecke Alfstraße in Lübeck - ein klassischer norddeutscher Backsteinbau - ist mir als Jugendlicher gut in Erinnerung.



    Als Lübeck - komplett entkernt - noch nicht zur Theaterkulisse im Abendsonnenschein verkommen war



    Heute was mit Tralafitti-Zeugs & Lampen.



    & liggers -



    Daß Kühne & Nagel beim Großhandel des Ohl mal angeliefert hat - ist sehr wahrscheinlich.



    &



    Sonst - wußte frauman nix - ne xbeliebige Spedition halt.



    Was mir aber ab Ende der 50er/ Anfang der 60er. ab da kam ich in lübsche Familien “to Beseuk“ auffiel - in Mahagoni & Meißner aufgewachsen also 👁️ - daß manches Inventar da nicht reinpassen wollte.



    &



    “In den Entnazifizierungsakten findet sich die Intervention der CIA, die „top secret“ klassifiziert war. Das Schreiben ist die Anordnung, dass Alfred Kühne zu entnazifizieren sei. Nach Informationen des Geheimdienst-Wissenschaftlers Erich Schmidt-Eenboom gehörte Kühne + Nagel zu den wichtigsten Tarnunternehmen der neu aufgebauten Organisation Gehlen. Er beurteilt die Bedeutung von Kühne + Nagel wie folgt: „Die CIA hat 1955 eine Aufstellung sämtlicher Tarnfirmen des Gehlen-Apparates gemacht, …

    • @Lowandorder:

      f … und da rangiert Kühne + Nagel sehr weit oben. Zum einen die Bremer Zentrale, zum zweiten die Münchner Niederlassung, und zum dritten war das Bonner Büro von Kühne + Nagel der Sitz von Gehlens Verbindungsmann zur Bundesregierung.“



      de.wikipedia.org/w...C3%BChne_%2B_Nagel



      & Erklärung zu s.o.



      “Die Nazis verkauften Mobiliar und Wertgegenstände jüdischer Familien auf sogenannten "Juden-Auktionen". Die Gestapo beschlagnahmte und versteigerte das zurückbleibende Mobiliar“

      • @Lowandorder:

        Und die Käufer/Mitbürger der verschleppten Juden waren natürlich unschuldig, weil sie ja von allem nichts gewußt haben.



        Was ist übrigens mit Reemtsma, die Stiftung hat gerade



        bei der Sanierung des Michel mitgeholfen, Göring hatte



        gerne für einen Zigarettendeal eine großzügige Spende



        der Firma um 1940 entgegengenommen und ist ins



        schöne Swimmingpool-Pool des damaligen Firmen-



        Patriarchen gesprungen. Aber über manche Nazi-



        Unterstützer u. -Profiteure und das Geld ihrer Erben wird



        tunlichst schön geschwiegen, passt nicht ins politische Bild.

        • @behr Behr:

          “Es gibt kein unkontamibiertes Geld“



          &



          Hilde Schramm über ein schwieriges Erbe



          Kontaminiertes Geld



          Versuch, zurückzugeben: Hilde Schramm, die Tochter von Hitlers Chefarchitekt Albert Speer, über ihr lebenslanges Engagement von AL bis zur Stiftung „Zurückgeben“.



          taz.de/Hilde-Schra...ges-Erbe/!5094474/



          Von Gabriele Goettle 💐

  • "Falls Herr Kühne all das bestreiten möchte, kann er ja mal His­to­ri­ke­r:in­nen beauftragen."



    Laut Reschke Fernsehen hat Kühne das getan: eine Studie beauftragt, ihre Ergebnisse mit "mein Vater war kein Nazi" kommentiert und sie danach in der Schublade verschwinden lassen.