NS-Vergangenheit von Kühne+Nagel: Schlussstrich vom Chef
Im „Spiegel“ behauptet Klaus-Michael Kühne, für eine Debatte um die Beteiligung seiner Firma an der Ausplünderung von Europas Juden sei es zu spät.

D er Multimilliardär Klaus-Michael Kühne hat dem Spiegel eine Audienz gewährt. Und da wurde er nicht nur gefragt, ob der Elbtower in seiner Heimatstadt Hamburg noch zu retten ist (glaubt er nicht) oder er die Eröffnung der von ihm gestifteten Oper noch erleben wird (glaubt er erst recht nicht). Sondern auch nach der NS-Vergangenheit seiner Firma, des Logistikkonzerns Kühne + Nagel. Ganz höflich und zartfühlend, weil: Er kann ja nichts dafür, er war ja 1945 erst sieben Jahre alt.
Aber dann haben die Spiegel-Leute auch noch gefragt, warum Kühne eine historische Aufarbeitung dieser Geschichte immer wieder verhindert hat. Weil: Da kann er was für.
Dazu hat er eine bestürzend klare Haltung. „Wenn die Diskussion kurz nach dem Krieg aufgekommen wäre, hätte ich volles Verständnis“, sagt er. Sie habe aber genau 2015 begonnen, zum 125-jährigen Jubiläum des Logistikkonzerns, 70 Jahre nach Kriegsende. Voll unfair, oder? Seitdem sei diese Diskussion „ein Dauerbrenner“.
An dieser Stelle wollen wir mal kurz die Lorbeeren dafür einheimsen: Das Feuer, das diesen Dauerbrenner am Brennen hält, hat fast ganz allein die taz entfacht, die Lokalredaktion am Bremer Stammsitz von K+N. „Es werden alte Wunden aufgerissen“, klagt Kühne nun – und damit also uns an. Wir könnten zufriedener nicht sein.
Siebenjähriger Arierknirps
Denn wessen Wunden sind das, die da aufgerissen werden? Seine? Welche Wunden hat er denn davongetragen, als siebenjähriger Arierknirps? Oder meint er etwa die Wunden der Opfer, der Opfer auch seines Unternehmens, das sich ein Monopol auf den Abtransport und die „Verwertung“ jüdischen Eigentums im besetzten Westeuropa gesichert hatte? Als hätten deren Wunden je heilen können, als wären sie nicht auf ewig offen, schwärend, sich vererbend von Generation zu Generation.
Kühne erlaubt sich festzulegen, bis wann eine Debatte darüber zulässig gewesen wäre. Klar, es ist natürlich schwer zu verstehen, dass die in Auschwitz Vergasten nicht am 9. Mai 1945 bei den Kühnes auf der Matte gestanden und Schadenersatz verlangt haben. Und dass die Überlebenden danach damit beschäftigt waren zu überleben, zunächst ganz körperlich und für immer seelisch, fast alle. Wären sie 1945 im Land der Mörder vorstellig geworden, hätte K+N ihnen sicher „voller Verständnis“ alles Geraubte zurückerstattet, mitsamt Zinsen. Aber so – weggegangen, Platz vergangen.
Seltsamerweise haben auch die nichtjüdischen Deutschen gar nicht die Konzernzentrale gestürmt, um seinen Vater Alfred zur Rechenschaft zu ziehen – die waren nämlich wiederum ziemlich lange angestrengt damit befasst, sich mit sich selbst zu versöhnen.
Der jüdische Teilhaber
Dass dieser Vater seinen jüdischen Teilhaber Adolf Maas aus der Firma gedrängt hat, will Klaus-Michael im Spiegel-Interview nicht gelten lassen: Das sei „nicht der richtige Ausdruck“. Sein Vater habe „immer gut von ihm gesprochen“. Tüchtig sei Maas gewesen. Ob man sich damals „einvernehmlich oder gar freundschaftlich“ geeinigt hat – „das weiß ich nicht“, behauptet Kühne. Ernsthaft, im April 1933? Eine Nachfrage der Spiegel-Redakteure ist nicht überliefert.
Jedenfalls trat Vater Kühne eine Woche später in die NSDAP ein. Maas bekam für seinen Firmenanteil keine Abfindung und wurde später in Auschwitz ermordet.
Mord verjährt nicht. Massenmord schon gar nicht. Und für das Profitieren vom Massenmord sollte dasselbe gelten. Erst recht, da Kühne + Nagel seinen Aufstieg vom Mittelständler zum Global Player der Beteiligung am Menschheitsverbrechen Schoah verdankt. Falls Herr Kühne all das bestreiten möchte, kann er ja mal Historiker:innen beauftragen.
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