NS-Anzeige im Amtsblatt Hildburghausen: Unkommentierte Propaganda
Die Stadt Hildburghausen druckt eine Anzeige für eine „Trauerfeier“ nach der alliierten Bombardierung. Die NS-Propaganda bleibt ohne Einordnung.

Die NS-Anzeige ist dort unkommentiert unter den Zeilen des Bürgermeisters zu sehen. Darin wird als Programmpunkt „Ein Wort des Führers“ angekündigt. „Alle Volksgenossen und Volksgenossinnen werden durch die Teilnahme ihre Ehrfurcht vor den Gefallenen und ihre Verbundenheit mit den Angehörigen bezeigen“, heißt es in nationalsozialistischer Sprache. Auch zwei Fotos der Veranstaltung vor 74 Jahren sind unkommentiert abgebildet. Eine Einordnung oder Distanzierung wird nicht vorgenommen. „Kein Wort über die Ursache, kein Wort über die Shoa“, kritisiert die thüringische Linken-Abgeordnete Katharina König-Preuss auf Twitter, die die Anzeige öffentlich machte.
Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) bezeichnet die Anzeige auf seinem Blog als „Geschmacklosigkeit“ und beschwert sich über eine „unhistorische Einordnung des Nationalsozialismus“. Die Anzeige schließe „nahtlos an dem Opfermythos an, den Alt- und Neonazis in Dresden, aber auch auf Rechtsrockkonzerten zelebrieren“.
Am Sonntag reagierten auch der Superintendent und der Präses des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hildburghausen-Eisfeld, Johannes Haak und Olaf Ruck. In einem Offenen Brief an den Bürgermeister, über den zuerst der Tagesspiegel berichtete, schreiben die Kirchenvertreter, dass mit dem Beitrag „Versöhnung ausgeblendet und Hass geschürt“ werde. „Bombenterror und industrieller Massenmord gingen von Deutschland aus und haben den Tod millionenfach über Deutschland gebracht“, heißt es darin weiter.
Gegenüber dem Tagesspiegel bezeichnete Bürgermeister Obst den Beitrag am Montag als „Fehler“. „Er ist leider passiert, er hätte nicht passieren dürfen. Ich entschuldige mich dafür.“ Die beiden Kirchenvertreter wolle er noch in dieser Woche treffen. Auch der thüringische Landesverband der CDU sprach von einem „schweren Fehler“. „Die Veröffentlichung derartiger Quellen ohne klare und kritische Einordnung verbietet sich von selbst“, heißt es in einem auf Twitter veröffentlichten Statement.
Eine Koalition, die was bewegt: taz.de und ihre Leser:innen
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Nachrichtenseiten. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: Unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Comeback der Linkspartei
„Bist du Jan van Aken?“
Soziologische Wahlforschung
Wie schwarz werden die grünen Milieus?
Nach Taten in München und Aschaffenburg
Sicherheit, aber menschlich
Streit um tote Geiseln in Israel
Alle haben versagt
Klimaneutral bis 2045?
Grünes Wachstum ist wie Abnehmenwollen durch mehr Essen
Geiselübergabe in Gaza
Gruseliges Spektakel