Geschichtsstunde mit Augmented Reality

Digital für die Ewigkeit

Zeitzeugen werden bald nicht mehr vom Nationalsozialismus erzählen können. Der WDR holt sie per App digital ins Klassenzimmer.

Ein Schüler hält ein Tablet in der Hand

Auf dem Bildschirm spricht eine Zeitzeugin – in echt ist sie nicht da Foto: Julius Krenz

Bei vielen Dokumentationen, die in den vergangenen Jahren über den Nationalsozialismus entstanden, hat man den Regisseuren ein besonderes Bestreben angemerkt: so gut wie möglich die letzte Chance zu nutzen, mit Zeitzeugen zu sprechen. Das Verschwinden der Zeitzeugen hat aber auch Folgen für den Geschichtsunterricht. Frauen und Männer, die aus eigener Erfahrung über NS-Zeit und Krieg berichten und Fragen der Schüler beantworten – das wird in wenigen Jahren nicht mehr möglich sein.

Der WDR hat auf diesen Umstand nun mit einer Augmented-Reality-App reagiert, dank der Zeitzeugen im Klassenzimmer präsent sind, ohne physisch anwesend zu sein. „WDR AR 1933–1945“ heißt die App, für die sich drei Frauen aus der Kriegskindergeneration zur Verfügung gestellt haben. Auf der Didacta-Messe, die von Dienstag bis Samstag in Köln läuft, stellt der WDR das Projekt vor. Für iPhone und iPad ist die App bereits verfügbar, eine Android-Version wird dann im März folgen.

Wer die drei Zeitzeuginnen aus St. Petersburg, London und Köln in seinem Klassenraum – oder bei sich zu Hause – sehen will, muss mit der Kamera seines Endgeräts einen Bereich auf dem Boden anvisieren, wo sich eine Person platzieren lässt. Auf dem Bildschirm sieht man die fremde ältere Frau dann im vertrauten Umfeld auf einem Sessel sitzen.

Zum Beispiel Vera Grigg. Sie erzählt, wie sie im September 1940 die deutschen Bombardements auf London erlebte. Sie habe anhand des Motorenklangs immer gewusst, ob es sich um eine deutsche Messerschmitt oder eine Spitfire, einen britischen Abfangjäger, gehandelt habe, sagt sie. Man sieht Griggs nicht nur im eigenen Raum, die App visualisiert auch einen Teil ihrer Erzählungen.

Digitales Lernen noch nicht ausgeschöpft

Über ihrem Kopf sind Flugzeuge zu sehen, sie kommen direkt auf den Betrachter zu. Später brennt es dann auch kurz im Klassen- oder Wohnzimmer. Die Visualisierungen stammen von Lava Labs Moving Images, einem Düsseldorfer Studio für Spezialeffekte und Animationen.

Maik Bialk, Leiter der Redaktion Doku & Digitales beim WDR, sagt, es werde ja oft darüber geklagt, dass zu viele Schulen kein WLAN hätten und es in den Klassen an Tablets fehle. „Doch das ist nicht das eigentliche Problem, sondern dass es keine adäquaten digitalen, beispielsweise interaktiven Lerninhalte gibt – nicht nur im Bereich Nationalsozialismus.“ Gewiss, es gebe digitale Versionen von Schulbüchern, und es sei ja durchaus in Ordnung, dass Schüler mit PDFs arbeiteten, aber von Lernen, das die Möglichkeiten des Digitalen ausschöpft, könne da ja noch längst nicht die Rede sein.

Indem der WDR auf diesen Mangel an Angeboten reagiert, nimmt er seinen im Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebenen Bildungsauftrag wahr. Entwickelt wurde die App speziell für den Unterricht an weiterführenden Schulen. Passendes Arbeitsmaterial in drei Niveaustufen kann heruntergeladen werden, mit Vorschlägen für den Geschichtsunterricht, Arbeitsblättern und Hintergrundtexten.

„Das Handy wird in den nächsten sechs, sieben Jahren das relevante Trägermedium sein. Das kann man blöd finden, aber noch blöder finde ich, wenn dafür nichts Sinnvolles produziert wird“, sagt Bialk. Vor zwei Jahren begann die Arbeit an der App, zeitweise waren 50 Personen damit beschäftigt. Rund 2.000 Programmierstunden seien für das Projekt notwendig gewesen.

Sofas sind leicht – Menschen schwieriger

Der schwierigste Teil für die Programmierer der Hochschule Düsseldorf: Sie mussten es hinbekommen, dass die mit der AR-App ver­bundene Kamera erkennt, wie weit bestimmte Punkte im Raum voneinander entfernt sind, um die Gesprächspartnerinnen richtig platzieren zu können.

Maik Bialk, WDR

„Das Projekt war aufwendiger als eine Filmproduktion“

Das Projekt sei „aufwendiger“ gewesen „als eine normale Filmproduktion“, sagt Bialk. „Wir haben sozusagen ins Offene gearbeitet, weil es bisher noch nichts Vergleichbares gibt. Man kann sich mit Hilfe von Augmented Reality ein Sofa ins Wohnzimmer stellen, aber das hilft einem bei der Umsetzung eines journalistischen Projekts nicht weiter.“ Die neue App habe den WDR „eine niedrige sechsstellige Summe“ gekostet.

Für die künftigen AR-Projekte werden die Kosten geringer sein, denn dann fallen keine technischen Entwicklungskosten mehr an. Eine App über Anne Frank, wofür der WDR die beiden letzten noch lebenden Freundinnen Franks gewinnen konnte, ist bereits in Arbeit.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de