Mutmaßliche Vergewaltigung in Jugendklub: Nicht vertuscht, aber versagt
Nach der mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Neuköllner Jugendklub stellen Expertinnen Fehler fest – aber keine Vertuschung. Stadträtin Sarah Nagel kündigt Rückzug an.
Die strafrechtlichen Ermittlungen zu einer mutmaßlichen Vergewaltigung einer 16-Jährigen durch einen anderen Jugendlichen in einem Jugendklub in Berlin-Neukölln laufen nach wie vor. Aber bereits jetzt kritisiert eine unabhängige Untersuchungskommission zahlreiche Fehler von Sozialarbeiter*innen sowie Behördenversagen. Etwa habe es in der kommunalen Einrichtung weder ein pädagogisches Konzept noch ein Kinderschutzkonzept gegeben, heißt es in dem Abschlussbericht der Expertinnen, die im Auftrag des Bezirks arbeiteten.
Gleichzeitig habe man „keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass jemand die Vorfälle unter den Teppich kehren wollte“, betonte die Leiterin der Kommission, Elke Nowotny, bei der Vorstellung des Berichts am vergangenen Freitag. Es habe jedoch „unterschiedliche Interpretationen und Missverständnisse“ gegeben, ergänzte Kommissionsmitglied Kerstin Stappenbeck und bemängelte: „Es fehlte stringentes Führungsverhalten durch das Jugendamt.“ Der Fall sei über mehrere Leitungsebenen besprochen worden – „aber gehandelt wurde zu wenig“.
Im März war bekannt geworden, dass es im Jugendzentrum Wutzkyallee im Ortsteil Gropiusstadt wiederholt zu sexuellen Übergriffen gekommen sein soll. Eine Jugendliche soll dort bereits im November 2025 vergewaltigt worden sein. Zudem hatten weitere Mädchen schon Monate zuvor von sexualisierter Gewalt berichtet. Der Jugendklub und das Jugendamt wussten zwar von den Vorfällen, informierten zunächst jedoch nicht die Polizei.
Erst als sich die betroffene 16-Jährige an das benachbarte Mädchenzentrum wandte und ihr Vater Anzeige erstattete, kam Bewegung in die Sache: Die Behörden nahmen Ermittlungen auf und durchsuchten Wohnungen, zudem wurde der Jugendklub geschlossen. Gleichzeitig wurden Vorwürfe laut, das Jugendamt und die von ihm betriebene Einrichtung hätten den Fall aus Furcht vor Stigmatisierung muslimischer Jugendlicher vertuschen wollen.
Unterstützung für Mädchenzentrum, Kritik am Jugendamt
In dem nun veröffentlichten Bericht heißt es: Die Mitarbeiter*innen des benachbarten Mädchenzentrums, das von einem freien Träger betrieben wird, hätten „bei der Bearbeitung des Kinderschutzfalles eine größere Unterstützung des Jugendamtes erwartet“. Der Verein sei seinem eigenen Schutzauftrag nachgekommen und habe dem betroffenen Mädchen Hilfe und Unterstützung angeboten. „Zudem hat er umgehend das Jugendamt mündlich informiert und ein pädagogisches sowie trägerbezogenes Schutzkonzept vorgelegt.“
Beim Jugendamt sei dann aber die Verantwortung hin- und hergeschoben worden. „Jede Leitungsebene hat sich auf die jeweils andere Leitungskraft verlassen und das Jugendamt insgesamt auf den freien Träger“, heißt es in dem Bericht. Grundsätzlich habe es an einer strukturierten Fallbearbeitung und einer Dokumentation des Kinderschutzfalles durch das Jugendamt gefehlt. „Auch deshalb ist es zu Verzögerungen im Fallverlauf und zu unterschiedlichen Bewertungen im Umgang mit der Strafanzeige gekommen.“
Sarah Nagel (Linke), Jugendstadträtin
Die Kommission berichtet, sie habe auch mit der betroffenen Jugendlichen sprechen können. Sie fühle sich unterstützt vom Mädchenzentrum, es gehe ihr aber insgesamt „nicht gut“.
Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) betonte, es „sei schrecklich“, was in dem Jugendklub geschehen sei. Sie wandte sich direkt an die von den Übergriffen betroffenen Mädchen und sagte: „Ihr seid auch vom Jugendamt nicht ausreichend geschützt und gehört worden, und das hätte nicht passieren dürfen.“
Nagel zieht Kandidatur zurück
Die Stadträtin war wegen des Umgangs mit der mutmaßlichen Vergewaltigung immer wieder in der Kritik. Zwischenzeitlich wurde gegen sie wegen des Vorwurfs der Vertuschung ermittelt. In der vergangenen Woche teilte die Staatsanwaltschaft allerdings mit, dass sie die Ermittlungen gegen Nagel eingestellt hat. Es habe sich kein Anfangsverdacht ergeben, hieß es von der Behörde.
Trotzdem hat Nagel ihre erneute Kandidatur für einen Stadtratsposten zurückgezogen. Laut einer Mitteilung des Bezirksverbands Neukölln ebenfalls aus der vergangenen Woche will sie sich „beruflich und politisch an anderer Stelle einbringen“. Sie begründet ihre Entscheidung mit der Geburt ihres dritten Kindes im Juni. Seitdem ist sie im Mutterschutz, ihr Amt wird kommissarisch geleitet.
Nagel war die erste Linken-Politikerin im Bezirksamt Neukölln. Ab 2021 war sie zunächst für das Ordnungsamt zuständig, ab 2023 dann für das Jugendamt. Der Bezirksverband will auf der nächsten Mitgliederversammlung eine neue Kandidatin für den Stadtratsposten nominieren. Der bisherige Fraktionsvorsitzende in der BVV, Ahmed Abed, kandidiert weiterhin für das Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln.
Der Jugendklub in Gropiusstadt ist derweil weiter geschlossen. Wie aus dem Bericht hervorgeht, wünschen sich die Jugendlichen eine baldige Wiedereröffnung. Es könne allerdings kein „Weiter so“ geben, sagte Nagel. Deshalb sollen nun ein pädagogisches Konzept und ein Kinderschutzkonzept erarbeitet werden. Außerdem werde das bisherige Team nicht mehr dort arbeiten. Darüber hinaus soll durch Umbauten – wie etwa eine bessere Beleuchtung des Gartens – die Sicherheit erhöht werden.
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