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Über die Arbeit mit Sexualstraftätern„Für uns ist das auch ein neues Phänomen“

Am Berliner Landgericht wird der Fall von Frank S. verhandelt. Viola Würffel ist Bewährungshelferin und spezialisiert auf die Arbeit mit Sexualstraftätern.

Sophie Fichtner

Interview von

Sophie Fichtner

taz: Frau Würffel, Sie arbeiten seit 20 Jahren mit Sexualstraftätern zusammen. Dass Männer Frauen betäuben und vergewaltigen, ist das für Sie neu?

Viola Würffel: Für uns ist das auch ein neues Phänomen. Aktuell betreuen wir einen Fall, bei dem es um chemische Unterwerfung geht. Ich gehe aber davon aus, dass es das schon immer gegeben hat. Wir haben einige Klienten, die Frauen vergewaltigt haben, die unter Einfluss von Alkohol oder Drogen standen. Möglicherweise wurden die Frauen aber auch abgefüllt oder gespikt.

taz: Sie glauben also, dass die Erzählung bisher häufiger war, dass die Frau zu viel getrunken hat – eigentlich wurde ihr aber etwas untergemischt?

Im Interview: Viola Würffel

49, ist Sozialarbeiterin und spezialisiert auf die Arbeit mit Sexualstraftätern. Sie leitet bei der Berliner Bewährungshilfe die Abteilung für Sexualstraftäter, das Sicherheitsmanagement. Ihre Arbeitsgruppe ist in den letzten Jahren gewachsen, weil die Anzahl der Sexualstraftäter steigt. Aktuell werden 440 Männer betreut.

Würffel: Ich glaube, dass viele Fälle so verdeckt wurden. Das Dunkelfeld in diesem Bereich muss sehr viel höher sein. Erst durch den Fall von Gisèle Pelicot wurde chemische Unterwerfung bekannt. Dieser Fall hat einigen Frauen Mut gemacht, die vielleicht einen Verdacht hatten und jetzt Ermittlungen anstellen lassen.

taz: Was sind das für Männer, mit denen Sie arbeiten?

Würffel: Was wir in dieser Tätergruppe sehen, ist, dass sie sich durch alle Schichten zieht, durch alle Berufe. Sexualstraftäter sind Lehrer, Anwälte, Polizisten, Arbeitslose und Handwerker. Wer Täter wird, hat mit dem Bildungsstand nicht viel zu tun. Bei den Internet-Tätern, die Missbrauchsabbildungen konsumieren, bemerken wir oft ein hohes Level an Einsamkeit. Sie haben keine Unterstützung, keine Sozialkontakte. Die Männer sitzen oft alleine zu Hause und verbringen viel Zeit vor dem Rechner.

taz: Woran arbeiten Sie dann mit ihren Klienten?

Würffel: Kurz gesagt, Straftaten sind Strategien, um Bedürfnisse zu erfüllen. Deshalb versuchen wir mit unseren Klienten herauszufinden, welche Bedürfnisse durch die Tat erfüllt wurden. Das machen wir anhand von wissenschaftlichen Fragenkatalogen.

taz: Welche Bedürfnisse könnten das im Fall von Frank S. gewesen sein?

Würffel: Bei ihm ging es um absolute Kontrolle, um Macht und Besitz, nehme ich an. Vielleicht auch um patriarchales Denken. Die Frau gehört mir, ich darf machen, was ich will, und sie kann sich nicht wehren. Wir fragen dann, was dahinter eigentlich für ein Bedürfnis steckt. Ist es Handlungsfähigkeit? Worum geht es da genau? Nehmen wir mal an, es wäre Handlungsfähigkeit, dann suchen wir nach Strategien, wie sich diese Person stattdessen handlungsfähig fühlen könnte.

taz: In einigen Chatgruppen der Täter werden die Frauen auch extrem objektiviert und zum Beispiel als Autos bezeichnet. Da geht es also auch weniger um eine sexuelle Neigung, obwohl die Männer ihre Taten vor Gericht häufig so begründen.

Würffel: Ich kann mir auch vorstellen, dass es einfacher ist, zu sagen: „Ich finde es geil, wenn die Frau bewusstlos ist“, als zuzugeben, dass man sich dadurch mächtig fühlt und man seinen Besitzanspruch befriedigt. Das ist vermutlich viel schwieriger einzuräumen als zu sagen: Ich habe einen Fetisch.

taz: Frank S. hat sich den Frauen gegenüber auch als Polizist ausgegeben oder als Hubschrauberpilot der Bundeswehr. Das passt auch ins Bild, Kontrolle ausüben zu wollen.

Würffel: Das höre ich nicht zum ersten Mal. Wir hatten schon mehrere Männer, die sich als Polizisten ausgegeben haben. Unsere Erfahrung ist, dass das oft mit fehlendem Selbstwert zu tun hat und sich die Männer dadurch ein Stück weit erhöhen. Jeder, der schon mal eine Uniform anhatte, weiß, dass man sich dadurch Autorität verschafft. Für uns ist das übrigens ein erschwerender Risikofaktor.

taz: Wie meinen Sie das?

Es gibt ein Tool, das direkt auf die Tat guckt, der Tatbildrisikoscore. Den nutzen wir, um einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Person wieder eine ähnliche Straftat begeht. Das Tool fragt zum Beispiel ab, ob es eine Planung gab oder es eine spontane Tat war. Wurde ein enges Verhältnis ausgenutzt? Wurde gezielt nach Opfern gesucht?

taz: Frank S. hat seine Taten sehr akkurat geplant. Er hat sich die betäubenden Medikamente bestellt, hat Kameras installiert, um seine Taten zu filmen. Danach hat er die Videos nach Namen und Bezirken abgespeichert.

Würffel: Wenn jemand diese Schritte geht, erhöht es das Rückfallrisiko. Auch wenn etwas vorgetäuscht wird, wie dass man Polizist ist. Das kann man sich ja vorstellen, wie viel Energie da drinsteckt.

taz: Wodurch stellen Sie sicher, dass Ihr Klient nicht wieder eine Straftat begeht?

Würffel: Ich sage jetzt nicht, dass wir es immer merken. Das tun wir nicht. Weil Leute machen, was sie wollen. Aber die Hoffnung ist schon, dass wir unsere Klienten gut kennen. Am Anfang treffen wir Absprachen mit den Männern und fragen, woran wir merken, dass es ihnen nicht gut geht. Das kann sein, dass sie wieder trinken, sie sich einen Laptop kaufen oder sich bei der Arbeit krankmelden. Das können Anzeichen sein, dass sie sich in einer Deliktspirale befinden. Wir können sie dann zu Hause besuchen oder die Kontaktfrequenz erweitern.

taz: Gibt es einen Punkt, an dem das Risiko zu hoch ist und Sie die Polizei einschalten müssen?

Würffel: Ja, wenn wir zum Beispiel bei einem Missbrauchstäter erfahren, dass er eine neue Partnerin hat und ihr Kind das Geschlecht und Alter seiner Opfer hat. Dann bitten wir die Polizei um Mithilfe. Manchmal ist sowieso das LKA mit an Bord. Wenn nicht, würden wir die Polizei bitten, die Mutter zu informieren, wenn der Klient es nicht selber macht.

taz: Gibt es etwas Ähnliches für Frauen, die eine Beziehung mit einem ehemaligen Sexualstraftäter eingehen?

Würffel: Nein, das ist bei Kindern viel klarer geregelt. Ich finde, bei Frauen kommt das viel zu kurz. Eigentlich müsste sie auch informiert werden, wenn sie ein Verhältnis mit einem Mann eingeht, der seine ehemalige Partnerin vergewaltigt hat.

taz: Warum haben Sie sich dafür entschieden, sich auf Sexualstraftäter zu spezialisieren?

Würffel: Am Anfang ist es überwältigend, so über Sexualität zu sprechen. Aber die Arbeit macht unheimlich Spaß, weil die Klienten meistens mitmachen. Sie sind dankbar, endlich jemanden zu haben, mit dem sie über diese Problematiken sprechen können. Viele haben das ihr Leben lang verheimlicht. Und am Ende ist es auch Opferschutz, den wir leisten.

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