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Münchner SicherheitskonferenzDie Menschlichkeit bewahren

Gastkommentar von

David Miliband

Deutschland kann die nationale Sicherheit stärken. Militärische Abschreckung allein reicht aber nicht. Es braucht Investitionen in globale Stabilität.

Kanzler Merz und Präsident Selenskyj bei der Münchner Sicherheits-konferenz, wo die akuten Krisen im Vordergrund standen Foto: Kay Nietfeld/dpa

M ilitärische Wehrhaftigkeit wird zunehmend das Nonplusultra in den internationalen Beziehungen. Umso aufschlussreicher ist Adenauers Verständnis von europäischer Macht. Sein „in Frieden geeintes Europa“ beruhte nicht allein auf militärischer Stärke, sondern auf gemeinsamen Normen, Glaubwürdigkeit, Recht und einer geteilten Zielsetzung. Auch das Grundgesetz stellt die Menschenwürde ins Zentrum staatlicher Autorität, bindet Stärke an Zurückhaltung und erinnert daran: Macht bedeutet Verpflichtung – also sollte das Ziel sicherheitspolitischer Macht der Schutz der menschlichen Würde sein.

Gerade jetzt, wenn Deutschland für einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kandidiert, wird dieses Prinzip auf die Probe gestellt. Die Münchner Sicherheitskonferenz findet in Zeiten akuter sicherheitspolitischer Spannungen statt. Zugleich erodiert die globale Ordnung sichtbar. Staaten missachten Regeln, Zi­vi­lis­t:in­nen werden gezielt angegriffen und Institutionen zur Bewältigung globaler Risiken werden blockiert – auch der Sicherheitsrat selbst.

Diese „neue Welt(un)ordnung“ ist tägliche Realität für Hunderte Millionen Menschen, die in humanitären Krisenkontexten leben, wo Macht ohne Rechenschaft ausgeübt wird. Die zentrale Frage lautet daher: Gelingt es uns, eine neue Ordnung zu gestalten – oder wird Unordnung zum Dauerzustand? Militärische Abschreckung ist unverzichtbar. Doch ebenso entscheidend für unsere Wehrhaftigkeit ist die menschliche Sicherheit. Diese Dimensionen müssen sich gegenseitig stärken.

David Miliband

ist Präsident und CEO des International Rescue Committee (IRC). Er war von 2007 bis 2010 Außenminister Großbritanniens. IRC ist eine internationale Hilfsorganisation, die 1933 auf Anregung von Albert Einstein gegründet wurde und seither Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen fliehen müssen, unterstützt.

Unsere kürzlich veröffentlichte IRC-Emergency Watchlist 2026 benennt zwanzig Länder, in denen sich humanitäre Krisen im kommenden Jahr am stärksten verschlechtern werden. In Sudan, Haiti oder der Sahelzone sind geschwächte globale Zusammenarbeit, Kriegsprofiteurtum und die systematische Missachtung individueller Rechte Alltag und Ausdruck eines wachsenden Zeitalters der Straflosigkeit.

Tragfähige Koalitionen aufbauen

In einer vernetzten Welt bleibt Instabilität nicht lokal begrenzt. Konflikte, Hunger, Krankheiten und Klimaschocks wirken weit über Grenzen hinaus. Gleiches gilt für die Fluchtbewegungen, die sie verursachen. Humanitäre Krisen sind daher kein Randthema der Sicherheitsdebatten in München. Sie gehören zu den klarsten Warnsignalen dafür, was geschieht, wenn die politische Steuerungsfähigkeit zerbricht.

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Die Aufmerksamkeit in politischen und sicherheitspolitischen Foren mag rasch von einer Krise zur nächsten wechseln – von Sudan zu Venezuela, in die Arktis. Doch die Menschen, die diese Krisen durchleben, können nicht warten auf sprunghafte diplomatische Aufmerksamkeit oder institutionelle Neuordnungen. Eine Politik, die ausschließlich die jeweils nächstliegende Bedrohung priorisiert – so nah und dringend sie auch ist –, ist kurzsichtig und letztlich selbstzerstörerisch. Ordnung entsteht durch gemeinsam vereinbarte Normen, tragfähige Koalitionen und nachhaltige Investitionen in globale öffentliche Güter. Auf diesen Grundlagen beruht globale Stabilität.

Wo globale Einigung fehlt – ob bei KI, Klima, Rohstoffen oder dem Schutz Geflüchteter – müssen handlungsfähige Staaten Verantwortung übernehmen, sie zu finden. Die Alternative einer Welt aus isolierten Einflusssphären ist unzureichend für Stabilität und Sicherheit. Deutschland steht vor einem Wendepunkt. Die Reformen im Auswärtigen Amt und im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bergen Risiken: geschwächte Aufmerksamkeit, eingeschränkte Handlungsfähigkeit oder eine geschwächte Verpflichtung zu prinzipiengeleiteter Auslandshilfe.

Zugleich bieten sie die Chance, Sicherheit neu zu definieren und umzusetzen – durch eine stärkere ressortübergreifende Einigkeit bei der Wahrnehmung globaler Verantwortung. Es geht nicht darum, humanitäres Handeln und Entwicklungszusammenarbeit der Geopolitik unterzuordnen, sondern Verantwortung für die am stärksten von Konflikten und extremer Armut Betroffenen strukturell zu verankern – und mit gleichgesinnten Akteuren umzusetzen.

Keine Sicherheit ohne Menschlichkeit

Deutschland kann und sollte nicht allein handeln. Gestaltungsmacht bedeutet heute, auf mehreren Ebenen zu wirken: innerhalb der Europäischen Union, in multilateralen Institutionen und in neuen Koalitionen. Menschliche Sicherheit ist kein optionaler Zusatz. Sie ist eine tragende Säule nachhaltiger Sicherheit. Der Prüfstein für Deutschland ist, ob es gelingt, harte Macht und menschliche Sicherheit gemeinsam voranzutreiben – oder ob es riskiert, die moralische und strategische Autorität einzubüßen, die Europa weltweit zugeschrieben wird.

Erfolgreiche Gestaltungsmacht sollte sich auf drei Prioritäten konzentrieren. Erstens: Investitionen in menschliche Sicherheit als Pfeiler europäischer Stärke. Deutschland sollte in Krisenkontexten kosteneffiziente humanitäre Hilfe, vorausschauende Maßnahmen und verlässliche zivilgesellschaftliche Partnerschaften priorisieren – bilateral wie auch über den EU-Haushalt.

Zweitens: die Stärkung multilateraler Rechenschaftspflicht. Deutschland sollte sein diplomatisches Gewicht nutzen, um konkrete UN-Reformen voranzutreiben. Dazu gehören Beschränkungen des Vetorechts bei Massengräueltaten ebenso wie eine stärkere Unterstützung von UN-Rechenschaftsmechanismen.

Drittens: die Widerstandsfähigkeit gegenüber neuen Bedrohungen zu stärken. Investitionen in Klimaanpassung, öffentliche Gesundheitsvorsorge und wirtschaftliche Resilienz sind keine Zusätze zur Sicherheitspolitik. Nachhaltige Sicherheit ist präventiv, nicht reaktiv.

In Wehrhaftigkeit zu investieren, bedeutet daher mehr als militärische Stärke oder wirtschaftliche Autonomie. Es bedeutet auch, die Normen zu verteidigen, die Gesellschaften zusammenhalten – im Inneren wie international. Sicherheit ohne Menschlichkeit ist keine Sicherheit. Deutschland hat die Chance – und die Verantwortung – zu zeigen, dass Stärke und Verantwortung einander ergänzen und keine Gegensätze sind.

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