Mord an Rahma Ayat: Der Täter hält sich selbst für das Opfer
In Hannover wird der Mord an einer Algerierin verhandelt, die von ihrem Nachbarn erstochen wurde. Ihre Familie vermutet ein muslimfeindliches Motiv.
Der Zuschauerraum ist voll bei diesem Prozessauftakt. Der Mord an der 26-jährigen Rahma Ayat am 4. Juli 2025 in Hemmingen bei Hannover hat Aufsehen erregt, vor allem innerhalb der arabischen Welt und der algerischen Community in Deutschland. Da ist dieses Bild von ihr, von der jungen, hübschen Frau in ihrem blauen Krankenschwesternkittel, die verspielt den Kopf schief hält und lächelt.
Sie ist in diesem Sommer im Treppenhaus ihres Wohnhauses verblutet, mitten am Tag, direkt vor der Tür der Nachbarn unter ihr, nachdem der Nachbar über ihr mit einem Messer auf sie eingestochen hatte. „Warum musste Rahma sterben?“, ist die Frage, die ihre Familie, ihre Freunde, ihre Kollegen, ihre Landsleute seither martert. Und es gibt einen bösen Verdacht, den die Familie geäußert hat. Hat es etwas damit zu tun, dass sie ein Kopftuch trug?
Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht, dass dies der ausschlaggebende Grund war. Denn die Messerstiche dieses Nachbarn Alexander K. haben eine Vorgeschichte. Eine ziemlich lange sogar. Immer wieder hat sich K. darüber beschwert, der Nachbar unter ihm würde so viel rauchen, dass der Geruch ständig in seine Wohnung dringe und er nicht einmal mehr lüften könne. Bei diesem Nachbarn hatte Rahma Ayat ein Zimmer als Untermieterin.
Alexander K. wird diese Vorwürfe auch an diesem ersten Prozesstag vor dem Landgericht Hannover wiederholen – in der selbstverfassten Einlassung, die er vorträgt, schnell sprechend und nuschelnd, sodass die Vorsitzende Richterin ihn mehrfach bitten muss, das Gesagte zu wiederholen.
Der Täter fühlte sich terrorisiert
Der 31-jährige Alexander K. sieht älter aus als er ist, mit seiner beginnenden Glatze, seinem langen zerzausten Bart und den dicken Brillengläsern. Und in seiner Einlassung, davor hatte sein Pflichtverteidiger schon gewarnt, befasst er sich nicht mit der Tat selbst, sondern vor allem damit, zu erklären, wie schlecht es ihm vorher ging.
Der Nachbar habe ihn terrorisiert, mit Zigarettenrauch und nächtlichem Klopfen. Er soll auch getrunken und seine Frau geschlagen haben. Das habe er nur nicht nachweisen können, weil die anderen Nachbarn alle zu verängstigt waren, um etwas zu sagen. Auf den stundenlangen Tonaufnahmen, die er angefertigt hat, hat die Polizei nichts hören können, wie sich später herausstellt.
Auch sonst sieht sich Alexander K. vom Pech verfolgt: auf der Arbeit, beim Arbeitsamt, bei Ärzten – überall widerfahre ihm Unrecht. Er habe gehungert, das Haus kaum noch verlassen, Depressionen gehabt. Er habe sogar versucht, sich umzubringen, mit Energydrinks einen Herzinfarkt auszulösen oder sich selbst zu erwürgen. Leider ohne Erfolg, wie er sagt.
Wenn man ihm zuhört, ahnt man schnell, warum die Staatsanwaltschaft ein politisches Motiv nicht für das zentralste gehalten hat. Angeklagt hat sie ihn allerdings trotzdem wegen Mordes – weil sie von niedrigen Beweggründen und Heimtücke als Mordmerkmalen ausgeht. Niedrige Beweggründe, weil seine Beschwerden so nichtig waren. Heimtücke, weil Rahma Ayat nicht mit einem Messerangriff an der eigenen Wohnungstüre rechnete.
Fassungslosigkeit und Entsetzen
Fraglich ist noch, ob die Steuerungsfähigkeit von Alexander K. zum Tatzeitpunkt beeinträchtigt war. Ein psychiatrischer Gutachter sitzt mit im Gerichtssaal. Alexander K. hat in der Haft zunächst nicht mit ihm reden wollen, dann doch mit ihm geredet – zu welchen Schlussfolgerungen er kommt, wird der Gutachter jedoch erst später vortragen.
Das Gericht nimmt sich erst einmal die Zeit, die Abläufe und Umstände der Tat näher zu beleuchten – spricht mit Nachbarn, Ersthelfern, der Polizistin, die zuerst am Tatort war. Das ist nicht immer leicht zu ertragen. „Kein Wort der Reue oder der Entschuldigung hat er für die Familie übrig gehabt“, sagt Butheina Elmaghrabi von der Initiative „Gerechtigkeit für Rahma“ und schüttelt fassungslos den Kopf.
Butheina Elmaghrabi von der Initiative „Gerechtigkeit für Rahma“
Auch die ständigen Nachfragen nach Nachbarschaftsstreitigkeiten und danach, ob es im Haus nun wirklich nach Zigarettenrauch gestunken habe, findet sie irritierend. „Ich verstehe, dass das juristisch sein muss, aber manchmal klingt es, als würde man hier eine Mitschuld suchen.“
Dabei, sagt auch ihr Mitstreiter Sait Ülker, habe Rahma doch immer versucht, allen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Und auch das sei doch irgendwie typisch – dass zugewanderte Fachkräfte in problematischen Wohnverhältnissen landen und dann wenig Chancen haben, sich zu wehren.
Eine junge Frau mit vielen Träumen
Das Gericht versucht durchaus, auch dem Opfer Rahma Ayat und ihrer Familie, die extra aus Algerien angereist ist, Zeit und Raum zu geben. Die Eltern und die jüngere Schwester treten als Nebenkläger auf. Sie zeichnen das Bild einer aufgeschlossenen, begabten jungen Frau „mit vielen Träumen und vielen Talenten“, wie es ihre Schwester Amal ausdrückt.
Rahma Ayat hat ihren Schulabschluss in Dubai gemacht, Architektur in Algerien studiert, hat auch mal als Reiseführerin und Englischlehrerin gejobbt. Nach Deutschland kam sie zunächst als Au-Pair, machte dann ein Freiwilliges Soziales Jahr im Siloah-Krankenhaus, das eigentlich in einen Ausbildungsvertrag münden sollte. Doch dazu kam es nicht mehr.
Jeden Tag hat sie mit ihrer Schwester und ihren Eltern telefoniert, manchmal mehrfach, ihren Alltag mit ihnen geteilt. „Dieser Mann hat nicht nur meine Schwester getötet, er hat auch mich und meine Familie umgebracht“, sagt Rahmas Schwester. Ob dieser Prozess ihre Frage nach dem Warum beantworten kann, ist zweifelhaft. Er wird am Dienstag, 6. Januar fortgesetzt.
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