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Möglicher Kriegseintritt von Belarus„Brudervolk“ als Kanonenfutter?

Lukaschenko hat offenbar eine versteckte Mobilisierung beschlossen. Es gibt aber kaum Belaruss*innen, die für Putin sterben wollen.

Minsk, Belarus am 28. Mai 2022: Vereidigung einer Spezialeinheit Foto: Anadolu Agency/picture alliance

I mmer wieder hat die belarussische Regierung das Volk beruhigt und erklärt, dass es in Belarus keine Mobilmachung geben werde. Das sagten sowohl Alexander Lukaschenko als auch Verteidigungsminister Wiktor Chrenin und der Staatssekretär des Sicherheitsrates, Alexander Wolfowitsch. Nun aber sind Tausende russischer Soldaten nach Belarus verlegt; nach einem aktuellen Bericht britischer Geheimdienste soll Belarus gegenüber dem Westen vermehrt als Moskaus Verbündeter dargestellt werden. Die Ukraine hat ihre Streitkräfte an der Grenze zu Belarus verstärkt.

Война и мир – дневник

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Wie aus verschiedenen, nicht miteinander in Verbindung stehenden Quellen der belarussischen Streitkräfte verlautete, hat Lukaschenko sich entschieden, eine versteckte Mobilisierung in Belarus anzuordnen. Öffentlich darüber zu sprechen beabsichtigt er offenbar nicht. Die Mobilmachung läuft unter dem Deckmantel der Untersuchung auf Wehrfähigkeit. In der ersten Etappe wird die Landbevölkerung mobilisiert, die Großstädte sind zunächst nicht betroffen. Die Wehrpflichtigen werden erst einmal in Traningslager einberufen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Kräften, von denen es in der russischen Armee nicht genügend gibt. Vor allem Fahrer und Köche sowie Techniker und Logistikpersonal.

Die personelle Aufstockung der Kampfverbände macht das Eskalationsszenario an der belarussisch-ukrainischen Grenze äußerst wahrscheinlich. Gewöhnliche Be­la­rus­s*in­nen fragen sich: Hat Putin Lukaschenko wirklich unter Druck gesetzt und ihn dazu gedrängt, das „Brudervolk“ als Kanonenfutter für seinen Krieg zu opfern? Und wenn man den Unwillen und die Unfähigkeit der Belarussen zu kämpfen berücksichtigt, bedeutet das dann nicht, dass hinter dem Rücken der „lahmen“ belarussischen Armee russische Sperrkommandos stehen und schießen würden, wenn die belarussischen Soldaten zu fliehen versuchten?

Angst vor Palastrevolution

Janka Belarus

45, lebt und arbeitet in Minsk. Ihre Beiträge erscheinen unter Pseudonym.

Dabei sollte man auch Lukaschenkos Angst berücksichtigen, ohne persönliche bewaffnete Sicherheitskräfte dazustehen, und auch die vor einer „Palastrevolution“. Trotz der verstärkten pro-russischen Propaganda, der Versuche, die Menschen mit möglichen Nato-Angriffen auf Belarus zu erschrecken, der ständigen Verhaftungswellen tendiert die Zahl der Belaruss*innen, die bereit sind, für Putin zu sterben, gegen null. Dahingegen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass belarussische Soldaten, die Verwandte in der Ukraine haben, zur Waffe greifen.

Aktuell hat die reguläre Armee von Belarus eine Stärke von 45.000 Mann. Aber nicht alle nehmen tatsächlich an Kämpfen teil, anders als beim Einsatz gegen unbewaffnete Demonstranten im Jahr 2020. Dazu kommt, dass die Ausrüstung merklich veraltet und deutlich unterlegen ist. Diese belarussische Armee wird von der ukrainischen innerhalb von 24 Stunden geschlagen sein und Belarus wird als ein vollwertiger Aggressor einfach vernichtet werden.

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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2 Kommentare

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  • Ich finde es ja lobenswert dass in der Taz auch andere stimmen zu Wort kommen, aber teilweise sind diese aus dem russischen übersetzten Artikel so dermaßen kriegslüstern das sie in einer linken Tageszeitung mMn nichts zu suchen haben.



    Und Brudervölker gibt es nicht, da alle Menschen Brüder (bzw. Schwestern) sind.



    Etwas anderes zu behaupten ist reiner Rassismus.

    • @Jesus:

      Ja, mir ist auch schon aufgefallen, dass die Berichterstattung aus dem Osten nicht immer so differenziert ist, wie man sich es hierzulande wünscht .



      Über Rassismus, auch im Bezug auf RussInnen wurde ja vor nicht allzulanger Zeit auf dieser Ebene kontrovers diskutiert.



      Die scheinbar bürokratische Auskunft bei der ARD " der Kommentar stellt die Meinung des Autors, nicht die des Senders" dar, gefällt mir in dem Zusammenhang zunehmend.



      Ansonsten muss man oder frau manchmal fürchten, plötzlich die falsche Zeitung zu lesen.



      Diese Wahrnehmung gilt insgesamt für die Beiträge in der taz . Offenbar wird versucht eine breite Meinungspalette abzubilden.



      Angesichsts der nur noch sehr überschaubaren linken Presse, erscheint mir dieser Weg manchmal übertrieben liberal . Rechten und konservativen Ansichten begegne ich so schon häufiger als nötig, in einer linken Tageszeitung sind sie meines Erachtens nach, unnötig.