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Künstlerin D’Ette Nogle in BraunschweigMit dem Käfer in die Villa

Künstlerin D’Ette Nogle nutzt für ihre Soloschau „Let it R.I.P“ in Braunschweig Abzweigungen der Geschichte Europas. Bonbonpapiere helfen ihr dabei.

Fürstliches Sitzungetüm in Plaste: D’Ette Nogle „Let it R.I.P.“, Ausstellungsansicht Kunstverein Braunschweig 2026 Foto: Frank Sperling/Courtesy D’Ette Nogle

Ein ungewöhnlicher Name: D’Ette Nogle. Aber so heißt sie wirklich, die 1974 in La Mirada, USA, geborene Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Los Angeles, ist in Deutschland jedoch nicht gänzlich unbekannt.

Sie wird von der Berliner Galerie Sweetwater vertreten und nahm auch in den vergangenen Jahren an Gruppenausstellungen im Kunstverein Bonn oder der Halle für Kunst Lüneburg teil. Nun richtet ihr der Kunstverein Braunschweig die erste institutionelle Einzelausstellung in Europa aus und überließ ihr dafür die rund 15 Räume seiner imposanten Villa, die Remise sowie den Eingangshof.

Das ist ein Novum für den Kunstverein, sagt Direktorin Cathrin Mayer. Ihre Vorgängerinnen hatten auf dialogische Formate gesetzt, zwischen zwei oder mehreren Künst­le­r:in­nen oder durch Themenausstellungen. Und natürlich ist das schon quantitativ eine Herausforderung: Ein Jahr hat D’Ette Nogle an ihrer Ausstellung gearbeitet.

Sie hat in der Region recherchiert und viele neue, vor allem ortsspezifische Arbeiten geschaffen, so Kuratorin Junia Thiede. Dabei bediente sich Nogle auch diverser materieller wie ideeller Hinterlassenschaften aus der lang zurückliegenden, großbürgerlichen Wohnnutzung der heutigen Kunstvereinsvilla.

Eine Projektion wiederholt den Slogan You Want Art des 2012 gestorbenen Performancekünstlers Mike Kelley

Entstanden ist so im Spiegelsaal des Erdgeschosses eine mehrteilige Installation, ganz offensichtlich eine Karikatur der früheren Funktion für Fest und Diner. Zwei lange Tischreihen im Biergartenlook sind von grauen Klappstühlen, wie sie die US-Armee nutzt, begleitet. Man darf sich setzen. Angeboten werden aber lediglich Werther’s Original-Bonbons, auch in den USA beliebt, und eine Gemüsebrühe aus dem Suppenkessel.

Am Kopf des Tisches protzt ein trashig-bunter Thron. Er ist dem Repräsentationssessel nachgebildet, der einst den Welfenherzogen im Braunschweiger Schloss diente und nun Prunkstück ist in der 2007 rekonstruierten Immobilie, die neben einem Shoppingcenter auch nachempfundene Privaträume der Herrscherfamilie beherbergt. Nogle hat dieses Sitzungetüm mit hölzernen Zierelementen der Villa neu komponiert. Goldfolie und Flitter kam hinzu, auch ein krönendes Wappen.

Die Ausstellung

D’Ette Nogle: „Let it R.I:P.“, bis 31. Mai im Kunstverein Braunschweig

Lässt man sich auf diese Art doppelbödiger Kombinatorik ein, erschließt sich D’Ette Nogles Gedankenwelt. Die oszilliert zwischen dem Faszinosum europäischer Geschichte, ihrem Niederschlag in den USA und der Kritik an politischen und gesellschaftlichen Zuständen.

Da wären etwa die zwei verhüllten historischen VW-Käfer an der Zugangstreppe im Hof, die das Wolfsburger Unternehmen zur Verfügung stellte. Das Ur-Modell repräsentierte die NS-Ideologie. In den USA avancierte später der „Beetle“ zum Statement alternativer Motorisierung.

Stimmen aus dem Kraft-durch-Freude-Wagen

Aus den zwei Käfern ertönen allerlei Texte. Nogle nutzt sie als Ausgangspunkt, um konkret Bezug auf frühere Ausstellungen des Braunschweiger Kunstvereins zu nehmen. Eine Projektion wiederholt den Slogan „You want Art“ ihres Landsmannes Mike Kelley, der 1999 im Haus vertreten war. Ihre pinkfarbene, zweiteilige Malerei „Schrank“ greift auf Gleichnamiges von Sigmar Polke zurück: Er nahm 1967 hier an einer Gruppenschau teil.

In der Remise seziert D’Ette Nogle per 50-minütiger Videocollage dann noch den Klerikalismus der USA, eine Auswucherung des aus Europa importierten Christentums. Auch der Ausstellungstitel „Let it R.I.P.“ darf kommemorativ verstanden werden – oder als „let it rip“: „lass es krachen!“.

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