Künstlerin über sorbischen Futurismus: Mit Zungenschlag durchs Baggerloch
Karoline Schneider bringt sorbische Perspektiven in ihre Kunst. Wie tief sie dafür in der Lausitzer Erde gräbt, zeigt ihre Soloausstellung in Cottbus.
taz: Karoline Schneider, Ihre neue Ausstellung „Grube: Zukunft“ im Brandenburgischen Landesmuseum in Cottbus thematisiert einen „sorbischen Futurismus“. Was darf man sich darunter vorstellen?
Karoline Schneider: Die Ausstellung ist eine Art Materialsammlung. Die Inspiration kam von kritischen Futurismen wie dem Afrofuturismus und nicht etwa vom italienischen Futurismus, der letztlich im Faschismus mündete. Es ist eher ein Spekulieren aus der Postapokalypse heraus. Bei den Sorb:innen geht es um den Extraktivismus durch den Kohleabbau in ihrer Region und um eine lange Geschichte des Anpassungszwangs. Ich will den folkloristischen sorbischen Klischees etwas entgegensetzen wie sorbische/wendische queere Lebensrealitäten.
taz: Die Ausstellung hat etwas Bruchstückhaftes, als wären kulturelle Artefakte für die Nachwelt aufgebahrt. Da gibt es ein Bild von Ihnen auf einem Paddelbrett samt zungenförmigem Paddel. Was steckt dahinter?
Schneider: Der Raum ist eine Assemblage, bei der jedes Objekt in Beziehung miteinander steht. Das Paddel kommt aus dem Werk „ryč/rěč“, was so viel wie „grab/sprich“ bedeutet. Für mich ist das Sorbischlernen wie ein Graben in der Familiengeschichte mit der eigenen Zunge. Für die Performance bin ich zum abgebaggerten Dorf meiner Urgroßmutter gefahren, das jetzt ein Tagebausee ist, und habe mich mit dem Paddel darüber fortbewegt.
Jahrgang 1986, ist Künstlerin in Leipzig. Ihre Soloausstellung „jama: pśichod / Grube: Zukunft“ ist bis 19. April im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Cottbus zu sehen.
taz: Die Region befindet sich mitten im Strukturwandel von der Kohle hin zu etwas Neuem. Mit was für einem Gefühl blicken Sie auf diese Umwälzungen?
Schneider: Hoffnung. Dieser „serbski futurizm“ knüpft dort an: dass Ressourcen in Zukunft genutzt werden, ohne sie auszubeuten. Der Kohlebergbau war ein Verschlingen von Orten und Menschen, die weggehen mussten oder in die Kulturen der Bergleute assimiliert wurden. Es gibt eine Chance, auf diesen Brachen etwas Neues entstehen zu lassen. Hier in der Niederlausitz ist viel verloren gegangen. Gleichzeitig gibt es diese katholische Strenge nicht, wie Sorbischsein aussehen sollte. Das schafft auch Freiräume.
taz: Für viele Menschen in der Region ist die Kohle aber auch etwas Identitätsstiftendes und erinnert an Zeiten, als die Lausitz noch im Aufschwung war. Können Sie diese Nostalgie nachvollziehen?
Schneider: Ich habe oft von Leuten gehört, die sich damals „nützlich“ fühlten, weil sie Energie für ihre Nachbar:innen produziert haben. Das zieht dann auch kulturelle Praktiken mit sich, um der Zerstörung etwas entgegenzuhalten, wie die Bergarbeiterchöre. Deswegen geht es um weit mehr als wegfallende Arbeitsplätze. Es geht um das Schwinden der eigenen Identität. Aus meiner persönlichen Geschichte sehe ich darin kein Scheitern, sondern vielleicht einen Neuanfang.
taz: Die sorbische Kultur kämpft ums Überleben. Ihr Werk spielt ganz bewusst mit sorbischen Traditionen und deren Neudenken. Wo liegt für Sie die richtige Balance zwischen Erhalt und Weiterentwicklung?
Schneider: Das Wichtige ist, diesen Spagat überhaupt zuzulassen. Ich finde es total okay, dass es Diskussionen darüber gibt, ob zum Beispiel eine queere Version der traditionellen Vogelhochzeit für erwachsene Menschen Mehrwert hat oder nicht. Die Kultur entwickelt sich durch gelebte Praxis, Beziehungen und die gesprochene Sprache weiter. Wir sollten aber auch Dinge sammeln und pflegen, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.
taz: Wie stellen Sie sich die Zukunft der Lausitz denn vor und welche Rolle spielt das Sorbische darin?
Schneider: Ich stelle mir die Region viel zweisprachiger und vernetzter mit unseren Nachbarn vor. Dass es eine Aufwertung slawischer Gesellschaften und Lust am kulturellen Austausch gibt statt identitärer Haltungen. Das Sorbische kann dabei helfen, diverse Gemeinschaften zu bilden und einfach Spaß zu haben. Und ich wünsche mir auch, dass Sorb:innen und Deutsche mehr Austausch haben. Das würde auch dabei helfen, andere Kulturen mehr wertzuschätzen.
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