Menschen, die auf Tiere blicken: Selbstgewählte, manische Unfreiheit
Ob im Zoo oder im Internet – im Tier kann man sich selbst erkennen. Wie eins zu laufen kann sogar manchmal vor dem Umfallen bewahren.
V ergangene Woche war ich wieder einmal im Berliner Tierpark – dem postsozialistischen Pendant des Zoos. Ich war erstaunt darüber, wie unterschiedlich die jeweilige Architektur der Orte ist. Im Gegensatz zum Zoo gab es im Tierpark nämlich keine Käfige, sondern statt Gitterstäben nur Wassergräben. Wie auf kleinen Inseln schienen die braven Tierparktiere zu sitzen – es blieb unklar für mich, ob sie sich tatsächlich nicht, wie die Zootiere, im „Gefängnis“ befanden, sondern sich (mehr oder weniger) bewusst dafür entschieden hatten, zu bleiben – oder ob die Gräben eben doch zu breit waren, um sie zu überwinden. Vielleicht macht es auch keinen Unterschied: Die suggerierte Freiheit der Tierparktiere hat einen sowohl erleichternden, als auch etwas unheimlichen Effekt. Selbstgewählte Unfreiheit: eine Tendenz, der gegenüber ich empathische Gefühle habe.
Auf meinem Handy hatte ich kurz vor dem Einschlafen eine Szene aus einem Werner-Herzog-Film gesehen, in der ein Pinguin sich von seiner Gruppe entfernt hat und vollkommen ungezügelt auf einen riesigen Eisberg zurennt. Etwas ist in diesen Pinguin gefahren, was sich zwischen Glauben und Wahnsinn befindet. Etwas sehr Menschliches, in dieser Hinsicht. Ein archaisch oder evolutionär nicht erklärbarer Suizid im Reich der Tiere – der fantastisch als Meme für toxische Beziehungen herhalten kann. Im letzten Winter, als es auf den Straßen Berlins sehr kalt und eisig war, riet die lokale Presse den Menschen, „wie ein Pinguin“ zu gehen – mit nach außen gerichteten Zehen, wie eine Balletttänzerin in der ersten Position, und leicht nach vorn geneigt.
Die Pinguin-Haltung gilt als die sicherste, um Ausrutschen und Stürze zu vermeiden. Nachdem ich also den ganzen letzten Winter wie ein Pinguin gegangen bin, kann ich mich nun besonders gut in diesen rennenden Pinguin hineinversetzen. Ich meine fast, echte Empathie zu empfinden. Das, was für den Pinguin aber der Berg ist, von dem er wie ferngesteuert angezogen ist, das ist für mich die Stadt. Ich renne in die entgegengesetzte Richtung – genauso manisch, genauso suizidal.
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