Melt-Banana in Berlin: Die Verhältnisse, in Unordnung und damit zum Tanzen gebracht
Der Lärm ist ein Weg zum Glück. Das Duo Melt-Banana aus Tokio betört in einem Berliner Schuppen mit krachigem Schreihalsrock.
A lso zum Beispiel so: Da krümmt sich der Typ um seine Gitarre, ein donnergrollendes Dröhnen ist zu hören, dazu noch ein elektronisches Geballer. Es ist laut. Eine Frau schreit.
Und gleich noch einmal, das nächste Lied: Der Typ traktiert die Gitarre, es dröhnt. Noch ein Stückchen schriller. Lauter. Die Frau läuft dazu mit seltsam abgezirkelten Bewegungen über die Bühne und wedelt mit den Armen. Wie eine einigermaßen überdrehte Flugbegleiterin sieht sie aus mit ihren Gesten, als wolle sie in ihrer Pantomime den Gebrauch der Schwimmweste oder den Weg zum Notausgang erklären.
Aber raus will da niemand an diesem Abend in der Neuen Zukunft. Die Menschen in dem im Schatten der S-Bahn geparkten schwitzig-dunklen Schuppen in Berlin-Friedrichshain wollen es lieber noch ein Stückchen lauter. Der Boden wummert, auch an den Füßen ist er so zu spüren, der Lärm.
Melt-Banana auf Tour
Auf ihrer „SLinGShot Tour 2026“ kommen Melt-Banana nach Stationen in Utrecht (6.11.) und Kortrijk in Belgien (7.11.) am 8.11. auch nochmal mit einem Konzert in Dortmund nach Deutschland.
Der um die Gitarre gekrümmte Typ ist Ichirou Agata. Die Frau, die da schrill und manchmal fast manisch ihre Texte ins Publikum schreit, heißt Yasuko Onuki. Zusammen sind sie Melt-Banana, sie kommen aus Tokio, Japan, und machen seit den frühen Neunzigerjahren so einen Schreihalsrock mit einer durchaus erstaunlichen Roll-Qualität in dem ganzen Noise. Überhören lässt sich diese Musik jedenfalls nicht.
Interessant ist in diesem Zusammenhang dann allerdings doch, dass bei den Verhaltensregeln, die den Touristen bei einem Besuch in Japan mit auf den Weg gegeben werden, ganz oben immer steht, nur ja nicht aufzufallen oder gar zu stören. Weil man eben genau das nicht macht in der so sauber geordneten japanischen Gesellschaft. Laut telefonieren etwa in der Öffentlichkeit, macht man nicht, und sogar das Schnäuzen und Naseputzen gilt in Japan, sobald das jemand mitbekommen könnte, als No-Go. Ein Gipfel von Unhöflichkeit.
wochentaz
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Schon klar, dass man da bei solchen gesellschaftlichen Zurichtungen einfach mal schreien möchte.
Eine Menge an lärmender Musik
Jedenfalls gibt es in Japan längst nicht nur Melt-Banana, die der lärmenden Musik frönen. Da findet sich unter dem Stichwort Japanoise (das eine „n“ ist wohl aus Schicknessgründen unter den Tisch gefallen) eine wirklich beindruckend hohe Zahl an Bands und Musiker*innen, die genussvoll mit dem ganzen Krach herumwuchten und am Exzess arbeiten – bitte sehr, die harschen Störgeräusche von Merzbow, die imposanten Gitarrenexplosionen von Keiji Haino oder das psychedelisch durchwirkte Wummern der Boredoms sind wirklich nur ein paar ausgewählte Fingerzeige.
Dass sich auch der Westen mit diesen exaltierten Musiken vertraut machen konnte, dafür sorgten so Menschen wie Thurston Moore von Sonic Youth und vor allem John Zorn, die Zentralfigur der fröhlich mit allen nur möglichen Musiken improvisierenden New Yorker Downtown-Szene. Auch ein Album von Melt-Banana hat der Liebhaber und Botschafter der japanischen Underground- und Noise-Szene produziert – ein Livealbum.
Denn entscheidend ist auf der Bühne. Dabei zeigen sich die Menschen in der Neuen Zukunft richtig vernarrt in die Band, eigentlich gleich vom Fleck weg nehmen sie deren von der Bühne geschleuderte Energie auf, die Menge wogt, findet sich in einen vielgliedrigen Körper, der sich immer wieder nach vorne fallen lässt und dann zurück taumelt … im Hin und Her werden einzelne Menschen ausgespuckt und andere bindet dieser große Körper vor der Bühne ein, alles ist in Bewegung, die Verhältnisse, irgendwie doch einmal zum Tanzen gebracht, im Lärm.
Der nämlich schiebt alles weg. Den Alltag bestimmt. Vielleicht die Pein.
Überall auf den Gesichtern in der wogenden Menge ist es zu sehen: Freude, ein Lachen. Schieres Entzücken. Lärm ist ein Weg zum Glück.
Nach einer Stunde ist es mit dem musikalischen Workout in der Neuen Zukunft vorbei. Und draußen hört man doch ein wenig anders hinein in die Welt.
Vielleicht liegt das aber auch nur an dem sachten Dröhnen in den Ohren.
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