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Vetternwirtschaft bei der AfDMein Sohn braucht einen Job …

Die AfD schimpft gerne über die „Selbstbedienungsmentalität der Altparteien“. Jetzt hat sie selbst einen Skandal an der Backe. Der Versuch eines Überblicks.

Im Bundestag ist es verboten, eigene Verwandte anzustellen Foto: Markus Scholz/dpa

Die Schlammschlacht in der AfD Sachsen-Anhalt um Vetternwirtschaft hat mittlerweile die gesamte Partei, die Basis und das politische Vorfeld erfasst. Verfeindete Parteifreunde öffnen ihre Giftschränke, und zum Vorschein kommen zahlreiche dubiose Beschäftigungsverhältnisse von Familienangehörigen. Der extrem rechte Vordenker Götz Kubitschek spricht von „Verhausschweinung“ und fordert, dass „aufgeräumt“ werden muss. Björn Höcke warnt, „wachsam“ zu sein, und Parteichef Tino Chrupalla sprach von einem „Geschmäckle“ – blöd nur, dass sich danach herausstellte, dass er selbst die Frau eines Parteifreundes beschäftigt.

Die AfD Sachsen-Anhalt würde angesichts der Landtagswahl im Herbst jetzt gerne wieder zur Tagesordnung übergehen. Das Problem dabei ist nur: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund – Typ Shopping-TV-Moderator, aber in rechtsextrem – steckt mittendrin. Siegmunds Vater ist im Bundestagsbüro seines Parteifreundes Thomas Korrel angestellt und soll dort bis zu 7.725 Euro verdient haben.

Dabei war Siegmund selbst einst angetreten „gegen eingefahrenen Politikfilz, Mauscheleien und Steuerverschwender“. Gleich drei Geschwister des parlamentarischen Geschäftsführers in Sachsen-Anhalt, Tobias Rausch, arbeiten im Bundestagsbüro der Parteifreundin Claudia Weiss. Deren Tochter wiederum arbeitet für die AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt, gemeinsam mit Rauschs Partnerin, die dort 6.000 Euro kassieren soll. Kurzum: Es ist kompliziert.

Eine Kommission

Der Landesvorstand versucht nun mit einem der taz vorliegenden Mitgliederschreiben die Sache einzufangen, in dem er von „niederträchtigen“ Angriffen auf verdiente Familien spricht und Vetternwirtschaft zurückweist. Dennoch wolle man die Vorwürfe in einer Kommission aufarbeiten.

Foto: taz

An der AfD-Basis rumort es angesichts der Doppelstandards: Denn tatsächlich scheinen Bereicherungsnetzwerke wie in Sachsen-Anhalt kein Einzelfall in der Partei zu sein. Allein im Europaparlament wurden diese Woche drei ähnliche Fälle bekannt. Ebenfalls gibt es offenbar ein geschlossenes Einflussnetzwerk im Landesverband Niedersachsen, das sich Posten zuschustern und Intrigen spinnen soll.

Wer sich in der Partei umhört, erfährt, dass die Praxis auch in der Bundestagsfraktion häufig vorkommen soll. Interne Schätzungen reichen von „wenigen Einzelfällen“ bis zur Hälfte der rund der 151 AfD-Bundestagsabgeordneten.

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2013 gab es in der CSU eine Verwandtenaffäre. In der Folge des Skandals wurden sogenannte „Über-Kreuz-Anstellungen“ im bayerischen Landtag untersagt. Im Bundestag ist es verboten, eigene Verwandte anzustellen. „Über-Kreuz-Anstellungen“ aber sind im Bundesparlament noch nicht explizit verboten.

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7 Kommentare

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  • Mich würde es mal interessieren, was das für Jobs sind und was die Job-Inhaber außer ihrem Verwandtschaftsgrad eigentlich für die Jobs qualifiziert. Über 7 Tausend Euro pro Monat sind ja nicht gerade wenig.

  • Wieder einmal zeigt sich deutlich, dass die AfD keineswegs besser ist als die "Altparteien", gegen die sie sich so gerne positionieren. Möglicherweise sind sie sogar noch schlechter, was Vetternwirtschaft und Günstlingswirtschaft angeht.



    Genau die gleichen Dingen, die man auch sonst sieht: Postengeschacher, Verwandte und Freunde die sich gegenseitig Aufträge zuschanzen und mit guten Posten "belohnt" werden.

    • @T-Rom:

      Auch was die Günstlingswirtschaft angeht, orientiert sich die AfD an ihrem 1945 zwangsweise aufgelösten Vorbild.

  • Dass es den AfDlern ausschließlich um sich selbst geht, war doch von Anfang an zu erkennen. Angefangene bei ex CDUlern mit gekränktem Ego, über gut bezahlte Doppelmandate hin zur Versorgung von Verwandten und Bekannten wie es jetzt in den Fokus rückt. Um Menschen oder abstrakte Gebilde wie Deutschland geht es jedenfalls nicht.

  • Alle rechtsextremen Parteien fordern strikte Rechtsstaatlichkeit, marschieren für das saubere Deutschland und halten sich selber nicht an diese Regeln. Es ist schon interessant, dass es jetzt hier derart schrill in die Öffenltichkeit dringt, aber das dürfte sogar das generelle Muster dieser Partei sein. Schon bei der NSDAP gab es eine unglaubliche Selbstbedienungsmentalität, während die Partei das anderen Parteien unterstellte. Und die beiden Fraktionsvorsitzenden haben sich sehr hohe Gehälter gegeben, was die sozialen Unterschriede in der Partei stark erweitert.

  • Das Argument, dass man sich nur in der Familie trauen zeigt doch eigentlich, das die AgD kein gemeinsames Ziel und Überzeugung hat. Das sieht man ja am Programm das nur aus Destruktion und Zwietracht besteht.

  • Wasser predigen, Wein saufen.



    Gut gelernt.