Medizinische Versorgung mangelhaft: Abschied vom Landarzt

Landärzt:innen finden oft keine Nachfolger:in für ihre Praxen. In die Lücke stoßen Medizinische Versorgungszentren. Doch wer hat dort das Sagen?

Ein Gruppenfoto des Casts der ZDF-Serie der Landarzt von 2006

In der ZDF-Serie „Der Landarzt“ war die Welt noch in Ordnung. Die Realität sieht heute anders aus Foto: Wulff Pfeiffer/dpa

RENDSBURG taz | Die Praxis liegt unterm Reetdach, auf dem Hof picken Hühner und alle Probleme sind in 45 Minuten gelöst: So war das damals beim „Landarzt“, einer Vorabendserie im ZDF, in der von 1986 bis 2009 nacheinander drei Fernsehdoktoren heilten und menschelten. Dann war Schluss, so wie es auch in der Realität immer weniger „Landärzte“ alten Schlages gibt.

Vor allem in dünner besiedelten Regionen fällt es schwer, Praxen weiterzugeben, und in den kommenden Jahren wird sich das Problem verstärken. Von den rund 1.200 Hausärzt:innen in Mecklenburg-Vorpommern gehen Prognosen zufolge in den nächsten 15 Jahren 35 Prozent in den Ruhestand.

In Schleswig-Holstein ist von den rund 1.900 Hausärzt:innen ein knappes Drittel 60 Jahre oder älter, und in Niedersachsen könnten laut einer Evaluation des Gesundheitsministeriums bis zum Jahr 2030 rund 1.000 hausärztliche Sitze frei bleiben.

Mit Geld, Vergünstigungen im Studium oder Hilfen bei der Übernahme einer Praxis im ländlichen Raum versuchen die Landesregierungen und Kassenärztlichen Vereinigungen dem drohenden Mangel entgegenzuwirken. So hat Mecklenburg-Vorpommern im Januar ein „Landarzt-Gesetz“ erlassen, mit dem ein Teil der Studienplätze für Studierende reserviert ist, die später in einer Dorfpraxis arbeiten wollen. Niedersachsen vergibt mit gleicher Zielrichtung Stipendien.

Desinteresse der Jungen

Doch die künstliche Beatmung der alten Landarzt-Strukturen scheitert am Desinteresse der nachfolgenden Generation. Dabei geht es vielen gar nicht so sehr um den Standort, sondern um die Arbeitsbedingungen. Immer weniger Mediziner:innen wollen eine eigene Praxis. Zu viel Arbeit, zu hohe Auflagen, zu große Haftungsrisiken, zu teure Investitionen sind die Gründe. Das Phänomen ist nicht auf die Flächenländer beschränkt, auch in Städten scheuen Ärzt:innen die Selbstständigkeit und lassen sich lieber anstellen.

Dafür gibt es seit einigen Jahren das Medizinische Versorgungszentrum, kurz MVZ. In diesen Gemeinschafts­praxen neuen Typs arbeiten mehrere Ärzt:innen als Angestellte unter einem Dach, sind entlastet von Geschäftsführung und Organisation. Für die dort arbeitenden Angestellten sowie für die Kranken kann das durchaus Vorteile haben. Aber es bedeutet auch eine Konzentration, weil inzwischen Klinikkonzerne, Praxisverbünde und Investoren durchs Land ziehen, freie Kassensitze übernehmen und Versorgungszentren eröffnen.

Im Blick sind vor allem die lukrativen Standorte, die guten Lagen in den Städten oder Praxen in direkter Nachbarschaft eines Krankenhauses. So führt die Schön-Klinik, laut Selbstbeschreibung die „größte familiengeführte Klinikgruppe Deutschlands“, in Hamburg-Eilbek ein haus- und fachärztliches Versorgungszentrum, und der Helios-Konzern hat eines in Schleswig im Erdgeschoss der von ihm betriebenen Klinik eröffnet.

Doch diese oft bestens ausgestatteten Zentren wirken wie schwarze Löcher, die aus den ärmeren Teilen der Städte und den dünn besiedelten Landesteilen im Umkreis erst die freien Kassensitze und dann das Personal abziehen.

Regeln wie an der Börse

Besonders betroffen sind fachmedizinische Sparten. Hier sind neue Akteure entstanden, etwa die Hamburger Amedes-Gruppe. Deren Kernzelle waren zwei Labore, die 1987 in Göttingen gegründet wurden, inzwischen ist daraus durch Fusionen und die Übernahme von Kassensitzen ein Unternehmen mit 3.800 Beschäftigten an 40 Orten in Deutschland und Belgien geworden, das im Jahr 450.000 Patient:innen versorgt.

23 Standorte liegen in Niedersachsen, sieben in Hamburg. In Schleswig-Holstein besitzt Amedes unter anderem eine belegärztliche Klinik in ­Husum.

Die wachsende Konzentration bereitet inzwischen selbst Befürwortern der Zentren Sorge. Peter Velling, Mediziner und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Medizinische Versorgungszentren, warnt in einem im Internet veröffentlichten Aufsatz vor einer Fehlentwicklung:

Neu seien Praxisübernahmen, bei denen „der eigentliche Ertrag damit erzielt werden soll, dass die getätigten Investitionen nach einem ‚Aufhübschen‘ der Braut durch einen raschen Wiederverkauf potenziert werden“, schreibt er. Das Fachblatt Medical Tribune beschrieb bereits 2017 anhand des US-Dialyse-Konzerns Da Vita, wie ein großer Player auf den deutschen Markt vordringt und Arztsitze übernimmt.

Ein Gegenmodell existiert seit 2015 in Schleswig-Holstein: In Büsum gründete erstmals eine Kommune ein Versorgungszentrum, weitere Orte sind dem Beispiel gefolgt. Ist das der Weg, um junge Ärzt:innen aufs Land zu locken? Im Herzen Schleswig-Holsteins, in der Landschaft Stapelholm, wo die Flüsse Treene und Sorge heißen und das Leben noch nie einfach war, haben sie gerade mit diesem Experiment begonnen.

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